Festakt in Regensburg: „Das Staatstheater kommt!!!“

Von Marianne Sperb · 3. August 2023 um 15:37

Mit weniger als drei Ausrufezeichen geben sich die Minister Blume und Füracker am Donnerstag nicht zufrieden. Der Anlass ihres Besuchs ist ja auch historisch: Regensburg wird ab der Saison 2025/2026 Staatstheater.

Unter drei Ausrufezeichen machen es die Besucher am Donnerstag nicht. „Das Staatstheater kommt!!!“, schreibt Kunstminister Markus Blume im Kurfürstenzimmer ins dicke Gästebuch der Stadt, „Ein super Tag! Regensburg freut sich!!!“, setzt Finanzminister Albert Füracker darunter.

Das Dokument, um das es beim Festakt in Wahrheit geht, besteht nur aus drei unscheinbaren Seiten, die aber sind schwer von Bedeutung: Mit dem Eckpunkte-Papier, das Blume und Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer unterzeichnen, schließen Bayern und Regensburg eine Vereinbarung von historischer Tragweite.

Staatstheater, das ist ungefähr so wie der Aufstieg in die Bundesliga, nur dass man den Rang im Fußball wieder verlieren kann, wie Regensburg weiß. Den Theater-Titel behält man, nach allem, was man sagen kann, für immer.

Das Stadt- wird ein Staatstheater, das ist nun amtlich, und erstmals fällt auch offiziell ein Datum: Bereits zur Spielzeit 2025/2026 darf Regensburg das Krönchen tragen.

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Das Tempo ist hoch, anderswo dauert der Prozess zwei Mal so lang. Erst Ende April 2023 hatte Ministerpräsident Markus Söder auf der Bühne am Bismarckplatz den Ritterschlag in Aussicht gestellt. Dass der Titel schon zwei Jahre später kommt, hat auch mit den Akteuren zu tun. Die Chemie stimmt offensichtlich, Blume spricht von „sehr konstruktiven Gesprächen“ und von reibungslosen Abläufen.

Das Konstrukt ist gestrickt wie in Nürnberg oder Augsburg. Basis ist die Finanzierung fifty-fifty. Bayern stockt seinen Anteil – 2023 beträgt er 35 Prozent – jedes Jahr um fünf Prozent auf. 2026 sind die beiden Partner dann gleichauf und geben je rund 16 Millionen Euro in den Topf. Zu den insgesamt 32 Millionen Euro kommen die Theater-Einnahmen obenauf. Zum Vergleich: Augsburg wird von Stadt und Land ebenfalls mit je 16 Millionen Euro genährt, Nürnberg erhält je 22 Millionen Euro. In Regensburg bleibt die Stadt der Träger des Theaters und behält die Entscheidungshoheit.

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„Wir verwenden einen Spiegel, um unser Gesicht zu sehen. Wir brauchen die Kunst, um unsere Seele zu sehen.“ Die OB zitiert George Bernard Shaw, um die kaum zu unterschätzende Rolle des Theaters zu beschreiben. Kultur, unterstreicht sie noch, gehöre „zu den härtesten der weichen Standortfaktoren“, bevor sie schildert, dass die Regensburger – und zwar Bürger wie Regierende – wie eine Eins hinter ihrem Theater stehen.

Die Theaterliebe reicht in Regensburg bis ins Barock zurück, als Thurn und Taxis fahrende Truppen förderte, erst im Goldenen Kreuz, später im Ballhaus am Ägidienplatz. Ab 1804 ließ Fürstprimas Dalberg das Theater strahlen und nach dem großen Brand von 1849 zeigten die Regensburg wieder, wie kostbar ihnen Kultur ist. Sie sammelten Geld und eröffneten das Neue Haus am Bismarckplatz nach für heutige Maßstäbe irrwitzig kurzen drei Jahren. Seit 1859 ist das Theater in den Händen der Stadt, die es bis 1998, zur XXL-Sanierung, 30 Mal umbaute. Und aktuell steht mit dem Velodrom wieder ein großes Projekt an.

Velodrom: „Der Ball liegt in Regensburg“

Die Sanierung der Spielstätte, mit 600 Plätze die größte, rückt mit dem neuen Titel verstärkt in den Blick; sie ist im Eckpunkte-Papier aber kein Thema, schon gar keine Bedingung, das machen die Minister am Rand des Festakts klar. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, sagt Blume. Und Füracker hält fest, dass Bayern grundsätzlich die Bereitschaft hat, die Sanierung zu fördern. „Das sagt ja auch etwas.“ 75 Prozent Zuschuss stehen im Raum. Dazu muss aber erst ein Antrag in München eingehen. „Der Ball“, so Blume, „liegt in Regensburg.“

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Anders liegt der Fall in Würzburg, wo 2019 der Prozess Staatstheater startete und wo man sehnsüchtig nach Regensburg schaut. Am Mainfranken-Theater ist das Prädikat nämlich an die Wiedereröffnung nach Neubau und Sanierung des Hauses geknüpft und wird, nach viel Planungspech, wohl erst 2026 verliehen. Dann jedenfalls soll das Bauprojekt finalisiert sein.

Von der Strahlkraft des Titels ist im Kurfürstenzimmer viel die Rede, und an den Gesichtern der Gäste – neben drei Bürgermeistern und zwei Ministern sind etliche Vertreter der Stadtgesellschaft da – blitzt diese Strahlkraft sichtlich durch, explizit bei Intendant Sebastian Ritschel und kaufmännischem Direktor Matthias Schloderer. Sie leiten das größte kommunale Mehrspartenhaus Bayerns, mit 700 Vorstellungen und 180000 Besuchern pro Saison, mit Musik, Tanz, Schauspiel, Jungem Theater, Konzerten und Puppenspiel.

Füracker: „Strengt’s euch an!“

Das viele schöne Geld können die Chefs gut brauchen, nicht nur wegen der aktuellen enormen Tariferhöhungen. Bei Video, Ton, Digitalisierung hat das Theater einigen Nachholbedarf, skizziert Ritschel, und natürlich soll kräftig in Qualität investiert werden.

Die Bühne zieht, das Publikum kommt aus der ganz Ostbayern, mindestens. Umso mehr, sagt die OB, hat der Titel „bisher schmerzlich gefehlt“. Die Minister gehen durchaus mit, wenn es um die Frage geht, wie verdient das Prädikat ist. „Die Qualität ist heute schon sehr hoch“, sagt Blume. „Was hier geboten wird, steht auf einer Stufe mit Nürnberg und München“, legt Füracker nach und ruf: „Strengt’s euch an, wir wollen weiterhin stolz sein auf dieses Theater!“

Punktgenau: Blendende Noten von Kritikern

Das muss er Regensburg nicht zwei Mal sagen. Justament zum Festakt meldet die Deutsche Bühne, dass das Theater „mit beachtlichen drei Nennungen“ im bundesweiten Ranking von 54 Kritikern das beste Haus seiner Liga ist, unter den „kleinen“, sprich: nicht staatlichen. „Ein Theater, das berührt und verzaubert“, urteilt Kritiker Florian Wellis. „I Play De(a)d“, das sehr persönliche Solo von Tanz-Chef Wagner Moreira fiel der Jury auf, auch „1984“ von Lorin Maazel, Regie: Sebastian Ritschel. Und: Die Redaktion schaut interessiert auf neue Inszenierungen, wie Chefredakeurin Ulrike Kolter sagt. Auf „Valuschka“ etwa, die Oper über seltsamen Dorf-Zirkus, im Subtext: einen faschistischen Staat, die Peter Eötvös für Regensburg komponiert und die der Altmeister im Februar 2024 auch persönlich dirigieren wird. „Da werde ich“, sagt Kolter, „wohl kommen.“

Sieben Staatstheater

München: Bayern besitzt sieben Staatstheater. Eine eigene Liga sind die drei Münchner Traditionshäuser: Staatsoper, Staatsschauspiel (Residenztheater) und Staatstheater am Gärtnerplatz.

Bayern: Nürnberg ist seit 2005 Staatstheater, Augsburg seit 2018. In Würzburg hat der Prozess 2019 begonnen. Regensburg erhält den Titel ab der Spielzeit 2025/2026.

„Strengt’s euch an! Wir wollen weiter stolz das das Theater Regensburg sein“: Minister Füracker Foto: Lex
„Die Qualität ist heute schon sehr hoch“, sagt Kunstminister Markus Blume. Foto: Lex
Strahlende Gesichter: die Minister Blume und Füracker mit der Oberbürgermeisterin Foto: Lex