Seit 80 Jahren galt er als vermisst: Abensberger findet Absturzstelle eines Jagdflieger-Asses

Von Martin Rutrecht · 12. März 2025 um 19:00

Von einem „Sensationsfund“ sprechen Sondengänger Markus Steinsdorfer und Hobby-Historiker Peter Schmoll. Tatsächlich klärt sich nach 80 Jahren wohl ein ungelöstes Rätsel deutscher Luftwaffengeschichte. Steinsdorfer hat im Landkreis Kelheim die Absturzstelle eines hoch dekorierten Jagdflieger-Piloten entdeckt – der mit seiner ME 262 nach einem Luftgefecht im Wald zerschellte.

Das Ende von Oberst Günther Lützow war dramatisch. Am 24. April 1945 stieg er mit vier weiteren Jagdfliegern auf, um einen US-Angriff von 73 (!) B26-Bombern abzuwehren. Über dem Altmühltal flog die Ami-Staffel an, Ziel war ein Wehrmachtsdepot in Schrobenhausen.

Lützow griff an und wurde von zwei US-Jägern ins Visier genommen. Mutmaßlich getroffen ging er in einen Sturzflug über – und krachte in einen Wald. Seine Messerschmitt 262 explodierte. Einer der größten Luftwaffen-Piloten der Wehrmacht war tot.

Bis heute, genau 80 Jahre, blieb die Absturzstelle unbekannt. „Ganze Generationen haben danach gesucht“, sagt Hobby-Historiker Schmoll (72) aus Sandsbach. In Büchern und Lexika-Einträgen über Lützow heißt es schlicht: „Gilt als vermisst.“ Er sei als unbekannter Soldat begraben oder in die Donau gestürzt, wurde vermutet. Diese Theorien müssen jetzt korrigiert werden.

Genaue Fundstelle nennt er nicht – aus Sorge vor Schatzsuchern

„Ich habe die Absturzstelle gefunden“, sagt Markus Steinsdorfer aus Abensberg, der als Sondengänger immer wieder Flugzeugfunde macht. Den genauen Ort will er aber nicht verraten. „Wir haben Sorge, dass Schatzsucher den Fundort wie wild aufbuddeln würden.“ Steinsdorfer und Schmoll geben nur preis: „Die Absturzstelle liegt im östlichen Landkreis Kelheim.“

Wie der Abensberger die Überreste aufspürte, gleicht einem Krimi. Vor allem: Woher wissen er und Schmoll, dass dort Lützow sein Ende fand? „Eigentlich gibt es das gar nicht nach einer solchen Explosion: Aber ich habe sein Zigarettenetui gefunden“, erklärt der 48-Jährige. Das silberne Kleinod trägt eine Gravur – „Lützow“.

Am 10. Januar 2025 schlägt der Metalldetektor an

Die Stelle hatte Steinsdorfer mit seinem Metalldetektor schon öfters durchstreift. „Ich hatte eine Ahnung, dass da etwas sein könnte.“ Er fand immer wieder kleine Überbleibsel eines Jagdfliegers, zuordenbar einer ME 262. Auch am 10. Januar 2025 wähnte er ein solches Teil in seinen Händen. „Daheim sagte mein Sohn: Du, das könnte ein Etui sein.“

Die beiden wuschen das silberne Stück und entzifferten Reste einer Gravur: „... ihrem Kameraden .... an Lützow .... im ... Freunde“. So viel ist noch zu lesen. Und darunter „Hitl“. „Da stand definitiv: Heil Hitler“, erklärt Schmoll. Für ihn ist die Sache eindeutig. „Der Oberst ist hier mit seiner Messerschmitt zerschellt.“ Auch zwei Uniform-Knöpfe und eine Jackenschließe barg Steinsdorfer. Für eine offizielle Bestätigung bräuchte es Lützows Erkennungsmarke, einen Ausweis oder die Werksnummer der ME 262. „Ich weiß nicht, ob so etwas noch erhalten ist nach einer Explosion, bei der die Maschine in Flammen aufging“, sagt Steinsdorfer.

US-Jagdflieger werden Zeugen des Absturzes

„Für mich sind die Indizien stichhaltig“, so Schmoll. Denn es gebe auch noch einen Hinweis der beiden US-Jagdflieger, die dem deutschen Oberst mit ihren P-47 Thunderbolts im Nacken saßen. Sie sprechen im Einsatzbericht von einem Absturz „am Fuße eines Hügels“. Und eben an einem solchen Hügel liegt der Fundort. Eine genaue Stelle – also etwa einen Ortsnamen – haben die Amerikaner nicht lokalisiert.

Der Gefechtsbericht der US-Militärs (samt O-Ton von Funksprüchen) lässt das Luftgefecht über der Region am Nachmittag des 24. April 1945 fast minutiös rekapitulieren. Lützow und vier weitere Jagdflieger starteten mit ihren ME 262 von München-Riem zur Bekämpfung der US-Bomber.

Der Jäger wird zum Gejagten: „We coming down“

Als ein Bomber-Pilot der Deutschen gewahr wurde, funkte er an die P-47-Jäger, die über dem Geschwader Begleitschutz gaben: „We have visitors!“ Antwort der Jagdflieger in Kenntnis der deutschen „Besucher“: „We coming down.“

Lützow und seine Kameraden wurden zu Gejagten. Zwei P-47 Thunderbolts setzten dem erst 32-Jährigen hinterher. „Sie haben ihn sicher beschossen. Ob seine Maschine oder er getroffen wurden, kann man nicht mehr sagen“, so Schmoll.

Ein letztes waghalsiges Manöver – und dann die Explosion

Jedenfalls berichten die US-Piloten von einem waghalsigen Manöver Lützows: Er stieß mit seiner ME 262 urplötzlich durch die Wolkendecke hinab. Die Amis jagten hinterher. Lützows Sturzflug wurde noch steiler – bis der Jagdflieger im Wald zerschellte. „Man kann davon ausgehen, dass die ME 262 rund 900 bis 950 km/h drauf hatte“, so der Messerschmitt-Experte. Lützows Kameraden schafften es indes wieder zurück zur Basis München-Riem.

Steinsdorfer und Schmoll wiederholen immer wieder: „Lützow war ein Star.“ Der Oberst aus Kiel flog über 300 Kampfeinsätze. Adolf Hitler verlieh ihm Ritterkreuz, Eichenlaub und die Schwerter, mit die höchsten Auszeichnungen der Wehrmacht. „Ich denke, der Fund könnte für Aufsehen sorgen“, sagt Steinsdorfer.

Kommt Lützows Sohn zur Absturzstelle?

Dass die Absturzstelle (noch) nicht verraten wird, hat einen weiteren, besonderen Grund. „Wir wollen Lützows noch lebendem Sohn die Möglichkeit geben, den Fundort zu besuchen.“ Markus Steinsdorfer wird weiter auf Spurensuche gehen – nach neuen Funden. „Der von Lützow war sicher mein größter bisher.“

Günther Lützow flog über 300 Kampfeinsätze und verzeichnete 108 Abschüsse. Foto: Postkarte
Mit einer Messerschmitt 262 war Lützow an jenem Tag einem Angriff der US-Luftwaffe entgegen geflogen – wurde aber vom Jäger zum Gejagten und mutmaßlich schwer getroffen. Foto: Schmoll
Etliche Teile der ME 262 hat Steinsdorfer am Fundort schon geborgen. Foto: Steinsdorfer
Peter Schmoll (l.) und Markus Steinsdorfer mit Fundstücken von der Absturzstelle. Foto: Rutrecht