Mehr als 50 Flieger-Abstürze über Kelheim: Ein Abensberger hebt die Trümmer

Ihm bleibt nichts verborgen. Über 50 Absturzstellen von Fliegern aus Kriegs- und Nachkriegstagen in der Region Kelheim kennt Markus Steinsdorfer inzwischen. Immer wieder findet er Trümmerteile – zuletzt von zwei US-Jagdflugzeugen. „Die Suche treibt mich um, aber mehr noch das Schicksal der Besatzungen“, sagt der Abensberger.
Es dauert keine zehn Sekunden, da schlägt der Metalldetektor des 48-Jährigen in einem Wald bei Sandharlanden an. Mit Spaten und bloßen Händen gräbt er in die Erde. „Da, eine ausgebrannte Patrone.“ Sie stammt von der Maschinengewehr-Bewaffnung einer Mustang P-51 der US-Streitkräfte, die im Forst zerschellt ist.
Am Fundort hat Steinsdorfer zuvor schon andere Teile gehoben: ein Stück eines Flügels, einen Geschwindigkeitsmesser, ein Tachoblatt und einen Kraftstoffanzeiger. „Für viele mag das Schrott sein. Für mich ist das ein Stück Geschichte mit menschlichen Schicksalen.“
US-Leutnant Harold Tenenbaum, 23 Jahre jung, steuerte die Mustang an diesem Unglückstag am 5. September 1946. „Er hatte im Zweiten Weltkrieg 63 Einsätze geflogen“, weiß der Abensberger aus dem Bericht einer amerikanisch-jüdischen Zeitung aus jener Zeit. „Nach dem Krieg wurden die Piloten zu Übungs- und Aufklärungsflügen eingesetzt.“
„Air crash over Germany“: Mit 400 km/h in den Wald gekracht
Warum es zum Absturz kam, ist nicht ganz geklärt. Das US-Blatt, das den Artikel zur Überführung des Leichnams in die Heimat brachte, spricht von einem „air crash over Germany“. Denkbar sei auch, so der Hobbyforscher, dass der Pilot, der vermutlich in Neubiberg stationiert war, zu niedrig über Baumwipfel hinweg flog.
Mit 300 bis 400 km/h rammte sich der Jagdflieger in den Boden. „Da, man sieht noch die Einschlagstelle des Motorblocks“, deutet Steinsdorfer auf eine Mulde. Für ihn steht der Absturz auch für eine Absurdität: „Der junge Mann übersteht den Krieg und stirbt bei einem Alltagsflug.“
Zu jedem Unglück: Flugzeug-Typ, Absturzstelle, Datum
Andere Piloten und Besatzungsmitglieder ließen ihr Leben im Krieg. „Ihre Flieger wurden abgeschossen oder hatten technische Probleme“, sagt Steinsdorfer zu den Ursachen. Deutsche und US-amerikanische Streitkräfte lieferten sich erbitterte Gefechte in der Region. Über 50 Fundorte hat der Abensberger in einer Karte des Landkreises Kelheim handschriftlich dokumentiert: Flugzeug-Typ, Absturzstelle, Datum. „Und es sind bestimmt noch mehr.“
Neben der Mustang P-51, die bei Sandharlanden abstürzte, zerschellte ein F-84-Jagdflieger bei Siegenburg. Eine P-47-Thunderbolt, ebenfalls ein „Jäger“, streifte bei Haunsbach in der Hallertau ein Hopfenfeld und krachte in den Boden. Auch B17-Bomber der Amerikaner gingen nieder. Eine explodierte bei Niederumelsdorf, eine andere bei Jachenhausen. „Die Einschläge müssen enorm gewesen sein, die Flieger hatten Bomben an Bord.“ Auf deutscher Seite traf es immer wieder den bekannten Jagdflieger Messerschmitt 109. „Am häufigsten in unserer Region sind Abstürze der Focke-Wulf 190“, ebenfalls ein deutscher „Jäger“.
Erzählungen gehen um – er schnappt sie auf
Über Zeitzeugen, die immer rarer werden, oder Erzählungen anderer Menschen erlangt der Abensberger Kenntnis von Absturzorten. „Manchmal treffe ich beim Suchen Leute, die mir wieder von anderen Unglücken berichten.“ Auch Jäger zählen zu solchen Quellen.
Steinsdorfer stöbert zudem in der Verlustliste der deutschen Luftwaffe und Registern der US-Army. Mit dem Historiker Peter Schmoll aus Sandsbach, bekannt für die Messerschmitt-Bücher, tauscht er sich auch aus. Der Vermisstenforscher Uwe Benkel aus Rheinland-Pfalz ist ein weiterer profunder Kontakt für ihn.
Darum findet man immer noch Fliegerteile
Dass sich acht Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch Trümmerteile entdecken lassen, beruht laut Steinsdorfer auf mehreren Umständen: „Die Deutschen hatten zwar Bergungskommandos, aber mit Näherrücken der Front wurde das immer gefährlicher und war nicht mehr zu machen.“ Auch die US-Militärs hatten nach dem Krieg solche Trupps, die aber nicht alles ausgruben.
Landwirte bedienten sich gerne, aber meist nur, wenn sich die Teile anderweitig nutzen ließen. „Ich bin auf einen Schubkarren gestoßen, dessen Rad von einer Messerschmitt 109 stammt.“ Nach dem Absturz der Mustang P-51 bei Sandharladen erging ein öffentlicher Aufruf eines US-Offiziers: Vermisst „werden noch ein Flügel und die Spitze des Steuers“, vermutlich seien sie von einem Bauern gefunden worden. Für Hinweise auf den Verbleib gebe es „eine Belohnung (Geld oder Zigaretten)“.
Ein Sohn eifert ihm schon nach
Das Interesse an Flugzeug-Geschichte(n) nahm für den Lageristen eines Hopfenveredelungsbetriebs vor rund zehn Jahren seinen Ausgang. „Flieger haben mich immer begeistert. Dann bin ich mal auf Suche gegangen und habe das Typenschild einer Ju-52 gefunden.“
Als Hobbyforscher und Sondengänger sieht er sich, den Begriff „Schatzsucher“ hört er nicht so gern. Sein jüngerer Sohn (17) hat sich schon anstecken lassen. „Er baut Modellsätze der Flieger und schaut sich gefundene Teile gerne an.“ Der ältere Junior (19) hat noch nicht Feuer gefangen.
Keine Kriegsnostalgie: „Sinnloser Fanatismus“
Der Abensberger hortet seine Funde in Mörtelwannen. „Noch geht’s“, lächelt er auf die Frage nach dem Platzbedarf. Was wirklich Schrott sei, werfe er weg. Fern liegen ihm Kriegsnostalgie oder gar -verherrlichung. Immer wieder fallen bei ihm Worte wie „sinnloser Fanatismus“ oder „Kriegstreiberei“, als wär’s eine Mahnung an die heutige Gesellschaft. Leid tun ihm die einfachen Soldaten, die für den Wahn ins Feld ziehen mussten. „Sie hatten kaum eine Wahl, Fahnenflüchtige wurden erschossen.“
Für den 48-Jährigen geht die Suche weiter. Aktuell sind er und Schmoll zwei abgeschossenen Fliegern an einem Tag an einem Ort auf der Spur. „Ich darf noch nicht verraten, wo das war.“ Mindestens zwei Piloten verloren ihr Leben, mit besonderer Tragik: „Es war der letzte Kriegstag – einen Tag später wären sie mit ihren Fliegern nicht mehr aufgestiegen.“
Bitte melden
Hinweise: Wer etwas über Abstürze weiß, kann sich gerne bei Markus Steinsdorfer, E-Mail: steinsdorfer@yahoo.de, melden.
Ausstellung: Der Abensberger liebäugelt mit einer Schau seiner Fundstücke. Dafür sucht er Räume.


