Neues Projekt in Saal: Caritas sagt Wohnungslosigkeit im Kreis Kelheim den Kampf an

Von Etienne Nückel · 4. Dezember 2024 um 19:00

Die Caritas Kelheim will mit dem neuen Projekt „WohnWeg“ Wohnungslosigkeit im Landkreis bekämpfen. Aufgaben, die zuvor von unterschiedlichen Behörden und Trägern wahrgenommen wurden, sollen nun zusammenfließen – in einem neuen Gebäude an der Hauptstraße in Saal, dort, wo früher der alte Kindergarten war.

WohnWeg startet ab Dezember. Das Projekt steht auf zwei Säulen, erklärt der Kelheimer Caritas-Vorstand Hubert König: Erstens eine neue „Fachberatungsstelle für Wohnungslosenhilfe“, also ein Vollzeit-Berater für Menschen, denen Wohnungslosigkeit droht oder die schon obdachlos sind. Zweitens stehen in dem Gebäude in Saal zwölf Appartements für Betroffene zur Verfügung.

Das Gebäude wurde Ende November mit Bürgern, Vertretern der Caritas, der Gemeinde, des Landkreises, der Bezirksregierung und des Unternehmens Clever Wohnen aus Kelheim eröffnet. Der Saaler Pfarrer Augustin Lobo segnete das neue Gebäude.

Mit WohnWeg will die Caritas Lücken im bisherigen System schließen. Bisher sind die Zuständigkeiten für Wohnungslose verteilt und teils unübersichtlich. Wenn ein Mensch seine Wohnung verliert, muss ihn die Kommune unterbringen. Bürgergeld muss er beim Jobcenter beantragen, einen Wohnberechtigungsschein für Sozialwohnungen beim Landratsamt. Beratung findet er unter anderem bei der Caritas – doch auch dort sind Zuständigkeiten aufgeteilt: Schuldnerberatung, Flüchtlingsberatung, allgemeine Sozialberatung.

Dunkelfeld ist groß

Das Problem der Wohnungslosigkeit ist zudem in der jüngeren Vergangenheit größer geworden, sagt König. Das sei unter anderem auf den Wohnungsmangel zurückzuführen. Alle 362 Sozialwohnungen im Landkreis sind vermietet, über 100 Personen stehen auf der Warteliste, teilt die Caritas unter Berufung auf das Landratsamt mit. Etwa 80 Personen im Kreis leben in Notunterkünften. „Das Problem ist größer, als viele sich vorstellen können. Die Dunkelziffer verdeckter Wohnungslosigkeit ist hoch. Häufig kommen Betroffene bei Freunden, Verwandten oder Bekannten unter. Sie schlafen dort auf der Couch und hangeln sich irgendwie durch“, teilt die Caritas zum Projektstart von WohnWeg mit.

Bei WohnWeg sollen Unterkünfte und Beratung unter einem Dach Platz finden. Die Caritas will nicht erst beim Verlust der Wohnung ansetzen, sondern schon „zwei Schritte vorher“, so König. 80 Prozent der gefährdeten Mietverhältnisse könnten nach Erkenntnissen von Experten gerettet werden. Dabei soll der neue Fachberater für Wohnungslosigkeit helfen, etwa in dem er zwischen Mieter und Vermieter vermittelt. Außerdem kann er Betroffene caritas-intern an Beratungsstellen wie die Schuldnerberatung vermitteln.

Für Menschen ohne Wohnung bietet die Caritas im Rahmen von WohnWeg zwölf Appartements an. Anders als in Notunterkünften von Kommunen soll es hier mit dem Fachberater eine Ansprechperson für Betroffene geben. Der soll bei Behördengängen helfen, über Leistungen sowie Hilfsangebote aufklären und bei der Wohnungssuche helfen.

Untergebracht werden kann zunächst jeder Wohnungslose, sagt Stefan Kilian, Abteilungsleiter für Soziale Dienste der Caritas Kelheim. Bei den Betroffenen, die man im Blick habe, handele es sich nicht um Menschen, die auf der Straße leben.

Projekt soll wachsen

Sondern beispielsweise um eine Frau, die aus dem Frauenhaus raus muss und keine Wohnung hat. Oder Personen, die sich ihre derzeitige Wohnung nicht mehr leisten können. Im WohnWeg-Haus sollen die Menschen kurz- und mittelfristig leben. Eine konkrete Frist will die Caritas aber in den Untermietverträgen nicht setzen, weil man keinen Druck aufbauen möchte, sagt Kilian. Ziel ist die Vermittlung in den ersten Wohnungsmarkt.

Nach Absprache mit dem Landratsamt und Gemeinden möchte die Caritas sich mit WohnWeg auch als Dienstleister bei Kommunen anbieten. Einen konkreten Termin gibt es noch nicht. Kommunen sind eigentlich für die Unterbringung Wohnungsloser zuständig, sagt König. Aber den kommunalen Verwaltungen fehlt laut König die nötige Kompetenz im Umgang mit Wohnungslosen: „Was wissen die von psychischen Erkrankungen, von Suchterkrankungen, von dem, was auf der persönlichen Ebene zwischen Vermieter und Mieter schiefgelaufen ist? Und Beratung, Begleitung ist ja nicht deren Aufgabe.“

Statt Wohnungslose ohne Beratung in einem Container, einer angemieteten Wohnung oder gar im Hotel unterzubringen, könne man diese – gegen finanzielle Beteiligung – an die Caritas verweisen. Die könne die Unterbringung günstiger und mit professioneller Beratung übernehmen, so Königs Plan. WohnWeg ist zunächst auf zwei Jahre angelegt.

Info: Wohnprojekt Alter Kindergarten

Projekt: Auf dem Gelände des ehemaligen alten Kindergartens hat das Kelheimer Unternehmen Clever Wohnen ein Multifunktions-Wohnhaus für soziale Zwecke gebaut. Oben sind 16 barrierefreie Wohnungen für einkommensschwache Menschen entstanden. Im Erdgeschoss sollte unter Leitung der Caritas ursprünglich eine Wohngemeinschaft für Menschen mit psychischen Problemen entstehen. Die Wohngruppe besteht aus zwölf Appartements mit Küchenzeile und einem kleinen Bad sowie einer Gemeinschaftsküche mit Aufenthaltsraum.

Planänderung: Weil die Bezirksregierung ihre Richtlinien bezüglich solcher Wohngemeinschaften geändert hat, hat die Caritas eine Nutzungserweiterung beantragt, die am Dienstagabend im Saaler Gemeinderat genehmigt wurde. Siehe auch Bericht auf Seite 22.

Gesucht: Für den Fachberater hat die Caritas eine Vollzeitstelle ausgeschrieben. Gesucht wird eine erfahrene Person die entweder Sozialpädagoge ist oder einen artverwandten Abschluss hat. Zu den Aufgaben gehört unter anderem, Netzwerke zu Kommunen, Behörden und sonstigen Hilfs- und Beratungsstellen zu knüpfen und eine Netzwerk aufzubauen. Außerdem soll der Fachberater in der Wohngemeinschaft als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Betreuung findet dort aber nicht statt.

Mit Vertretern der Caritas, aus Politik, Gemeinde und Gesellschaft wurde das Projekt WohnWeg sowie das neue Gebäude für soziales Wohnen auf dem Gelände des alten Kindergartens eingeweiht. Fotos: Nückel
Hubert König (m.) von der Caritas und Christian Köglmeier von Clever Wohnen (r.) stellten das Projekt vor.