Ein Jahr nach Demonstration „Cham ist bunt“: Warum der Rechtsruck die Demokraten alarmiert

Von Martin Hennings, Christoph Klöckner · 26. Februar 2025 um 11:40

„Cham ist bunt“ – so lautete vor einem Jahr das Motto der großen Demo gegen Rechts am Volksfestplatz. Ein Dutzend Redner forderten eindringlich, die Demokratie zu verteidigen und beschworen die Gefahr durch die AfD. Am Sonntag brachte die Wahl dem Landkreis einen massiven Rechtsruck. Hat vor einem Jahr keiner zugehört? Was sagen die, die sich damals zu Wort gemeldetet haben, heute?

Günther Lommer, CSU-Stadtrat und Organisator der Demonstration, ist auch am Tag danach schockiert von den Wahlergebnissen. Er sei „mit Schrecken“ ins Bett gegangen – da sei das BSW noch bei 5,0 und die FDP bei 4,9 Prozent gewesen, was eine stabile Regierung schwierig gemacht hätte. „Wenn beide drin gewesen wären, hätte es eine Dreierkoalition geben müssen – zur Freude der AfD“, sagt er. Angesichts des Wahlergebnisses helfe wohl nur eine Dauerdemonstration.

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Eines sei für ihn sicher: „Wir dürfen denen das Feld nicht überlassen.“ Ob es was bringe, werde sich zeigen. Schaue man auf die Kommunalwahlen, werde man wohl auch AfDler in den Räten haben. Er hoffe, dass die Demokraten zusammenstehen und die Lektion aus Österreich gelernt haben – auch mit 30 Prozent hätten die Rechten keine Mehrheit.

Manche sind da so primitiv, die kapieren das gar nicht.

Organisator Günther Lommer

Der Grund für die Verdoppelung der AfD-Stimmen sei die Ampelpolitik gewesen, so Lommer. Er glaube jedoch nicht, dass es nur Protestwähler waren. Er kenne einige, die sich als AfD-Sympathisanten geoutet hätten, Die stünden heute offen dazu, was es vorher nicht gegeben habe. Einer etwa sei glühender FC-Bayern-Fan – den habe er gefragt, ob er nicht gelesen habe, was Uli Hoeneß zur AfD gesagt habe. Wenn man höre, was die wollten, könne man nur den Kopf schütteln. „Doch manche sind da so primitiv, die kapieren das gar nicht“, sagt Lommer. Es brauche einen anderen Weg in der Bildungspolitik – die Themen Antisemitismus und Rechtsextremismus müssten immer präsent sein. Und wenn es nötig werde, sei für ihn auch eines klar: „Dann müssen wir wieder aufstehen und demonstrieren!“

Toleranz, Nächstenliebe und Vielfalt im Fokus

Ulrike Dittmer, evangelische Dekanin, die vor einem Jahr die Würde jedes Menschen betonte, setzt unter anderem darauf, lauter zu werden für die eigenen Überzeugungen. Unlängst habe sie mit der evangelischen Jugend debattiert: „Der Tenor war, dass wir in unserem Reden und Tun noch entschiedener auftreten müssen.“ Es gehe um Toleranz, Nächstenliebe, Vielfalt, für die es sich zu kämpfen lohne, „sonst gehen unsere Werte verloren“. Sicher müsste das Problemfeld Migration beredet werden. „Wir erleben das ja selbst bei der Tafel“, sagt sie. Ein Viertel der Migranten sei da ein schwieriges Klientel. Anderseits fehle es einfach auch an Hilfeleistungen für Geflüchtete, um Integration zu verbessern. „Die Beratungsstelle der Diakonie in Cham ist eigentlich für 250 bis 300 Menschen gedacht, doch kümmern muss sie sich um 700“, beschreibt Dittmer. Im Landkreis Regen sei die Flüchtlingsberatung gar nicht mehr besetzt – dafür fehle einfach das Geld.

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Eine Antwort auf das Wahlergebnis vom Sonntag ist für Martin Stoiber, Chams Bürgermeister, gute Arbeit der Politik. Sähen die Menschen, dass etwas passiere, würden sie sich vielleicht überzeugen lassen, anders zu wählen, meint er. Auf Bundesebene müssten sich Union und SPD schnell auf eine Regierung einigen – „ohne Streit“ – und das Thema Migration angehen. Hier sähen viele Menschen Handlungsbedarf, verbunden mit dem Gefühl, ungerecht behandelt und nicht ernst genommen zu werden. Das erzeuge schlechte Stimmung, die die Politik ändern müsse, um die politischen Ränder zu schmälern. Er ist überzeugt, dass nicht nur Rechte die AfD gewählt hätten.

Wie mit den Vertretern der AfD umgehen?

Für ihn als Bürgermeister sei es auch eine Frage, wie er mit den demokratisch gewählten Vertretern der AfD umgehen solle. Letztlich sei er in Vielem ratlos, wie man dem Erstarken der Rechten am besten begegnet. Dagegenhalten müsse man in jedem Fall – nur das Wie sei für ihn fraglich. Den ersten Analysen nach müssten die etablierten Parteien etwa auf Tiktok aktiver werden, um junge Wähler einzufangen, wie das die Rechten und die Linken gemacht hätten. Mit Blick auf die Kommunalwahlen 2026 hat er weniger Angst, dass hier die Kommunalgremien von der AfD erobert werden. „Das ist eine Persönlichkeitswahl. Hier werden die Ortsteillisten gewählt“, da werde es für die AfD schwieriger, Fuß zu fassen.

Auch Gewerkschafter Marian Janka vom DGB Cham setzt auf „bessere Politik für die Menschen“. Man müsse „noch deutlicher machen, dass das AfD-Programm im Kern arbeitnehmerfeindlich ist und dessen Realisierung nur den Reichen nützen würde“. Der Protest gegen Rechts und für Demokratie war seiner Einschätzung nach nicht umsonst. „Es waren so viele Menschen dabei, wir waren in allen Medien präsent. Es ist und bleibt wichtig, von verschiedenen Seiten auf die Gefahren von Rechts zu blicken.“ Wer Migration zum Wahlkampfthema macht, sagt Janka, müsse sich nicht wundern, wenn die AfD profitiert.

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Tanja Federl vom Bündnis für Toleranz und Menschenrechte im Landkreis Cham setzt weiter auf Demonstrationen. „Es ist wichtig, zu zeigen, dass nicht alle Menschen so denken. Rechtspopulisten sind oft sehr laut. Wir sollten dem mit vielen Menschen etwas entgegensetzen.“ Sie fordert, „weiterzumachen, nicht zu resignieren und aufzugeben“. Man müsse auch mit denen im Gespräch bleiben, „die noch nicht total verbohrt sind, und sie für die Demokratie zurückgewinnen“. Federl glaubt, dass ein Großteil der Bevölkerung eine liberale Demokratie möchte. „Vielleicht sind im Moment einige zu wurschtig, um sich zu engagieren“, meint sie. „Die sollten wir motivieren, um sich mit uns den rechtspopulistischen Schreiern entgegenzustellen.“

Lösung für drängendes politisches Problem: die Migration

Landrat Franz Löffler setzt angesichts der Wahlergebnisse („die mir nicht gefallen“) auf Kommunikation. Natürlich müssten drängende politische Probleme gelöst werden. Stichwort: Migration. Es sei aber genauso wichtig, die Menschen wertschätzend zu behandeln, sie in ihrer Situation abzuholen und mit ihnen zu diskutieren, ohne ihnen dabei immer rechtgeben zu müssen. Sein Vorschlag: einfach mal den Spiegel vorhalten. „Wir müssen mehr darüber reden, wie hoch unser Lebensstandard hier wirklich ist“, sagt Löffler und meint Arbeitsplätze, Bildungsangebote, Infrastruktur, Sicherheitslage. In den meisten Feldern liege der Landkreis Cham vor vielen anderen Regionen in Deutschland. Die Unzufriedenheit vieler Menschen basiere nicht auf Fakten, sondern auf einem unguten Gefühl. Dagegen müsse man angehen.

Wir müssen mehr darüber reden, wie hoch unser Lebensstandard hier wirklich ist.

Landrat Franz Löffler

Hannah Bauer, Schülerin am Benedikt-Stattler-Gymnasium in Bad Kötzting, die bei der Demo 2024 als Jugend-Vertreterin sprach, glaubt nicht, dass die Proteste gegen Rechtsextremismus vergebens waren. Schließlich seien „unglaublich viele Menschen mobilisiert, sogar welche, die noch nie auf einer Demo waren“. Die Rechten würden gerade im Wahlkampf immer lauter. „Es ist also wichtig, dass alle, die gegen Rechts stehen, genau so laut sein konnten“, sagt sie.

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Gleichzeitig müsse man mit AfD-Wählern reden und Probleme in Aussagen und „Lösungsansätzen der AfD“ aufzeigen. Wichtig sei auch, mit denen zu reden, „die von rechtem Hass und den Forderungen der AfD bedroht werden. Sie brauchen Solidarität.“ Zudem dürfe man sich von Rechts nicht die Themen festlegen lassen, über die „wir als Gesellschaft reden“, sagt Bauer. „Der Klimawandel ist aus dem Wahlkampf zum Beispiel fast völlig verschwunden.“