Debatte über Pläne für islamisches Kulturzentrum im Ex-Kaufhof: Hass bestürzt Muslime in Regensburg

Seit 25 Jahren lebt Dilan Nuri in Regensburg, aber so eine feindselige Stimmung gegenüber Muslimen wie in den vergangenen Tagen hat der Gläubige hier noch nie erlebt. Nuri ist erschrocken, zutiefst bestürzt sowie verletzt – und damit nicht der einzige. Seit Tagen verfolgen viele Muslime in Regensburg die Diskussion über ein mögliches islamisches Kulturzentrum im Gebäude der ehemaligen Galeria-Kaufhof.
100 Kommentare unter einer am Wochenende initiierten und inzwischen gelöschten Online-Petition gegen das Projekt mit bis Dienstag fast 35 000 Unterzeichnern hat Nuri gelesen – dann hat es ihm gereicht.
Seit Tagen blanker Hass
Die Petition sei für ihn in Ordnung gewesen. Wie die Debatte zu dem Thema geführt wird, macht ihm und anderen Gläubigen aber Angst. Über die Kommentare unter der Petition und andere Netzdebatten sagt er: „Sie sind hetzerisch, voller Hass und feindseliger Stimmung. Da ist sogar von Mördern und Sozialschmarotzern die Rede.“ Dies zu lesen ist sehr schmerzhaft für ihn, er ist irritiert und enttäuscht. „Da integriert man sich, ist trotzdem nicht willkommen und wird mit Extremisten über einen Kamm geschert“, beschreibt Nuri die Gemengelage.
Schockiert und besorgt ist auch Harethe El Ouadhane aus dem Vorstand des islamischen Zentrums Regensburg, mit dem sich laut seinen Angaben 1500 Gläubige identifizieren. Mit so einer Petition habe er noch gerechnet. „Dass sie aber so viele unterschreiben, sehe ich als Warnsignal“, sagt er. Bei den Gemeindemitgliedern löse das Ängste um ihre Sicherheit aus. Haben wir eine Zukunft in diesem Land? Die Frage stellen sich laut El Ouadhane jetzt viele Regensburger Muslime.
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Ähnlich äußert sich Abdussalam Bhatti, Imam der Gemeinde Ahmadiyya Muslim Iamaat und unter anderem zuständig für die 100 Mitglieder in Regensburg. In den kommenden Tagen habe er einen Termin in Regensburg, dann werde er das Thema ansprechen. Besonders die Äußerung, dass ein islamisches Kulturzentrum im Herzen der Altstadt zwischen Dom und Synagoge für den CSU-Fraktionsvorsitzenden Michael Lehner nicht infrage kommt, empfand der Imam als ausgrenzend. „Das zeigt, dass der Islam nicht zu Regensburg gehört“, sagt er. Bhatti nimmt aber auch CSU-MdB Peter Aumer und Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) in die Pflicht, die sich kritisch zu einem möglichen islamischen Zentrum äußerten. „Politiker zählen den Islam nicht zu Regensburg, obwohl es viele Menschen in den Gemeinden gibt, die sich für die Stadt engagieren“, bedauert er. Der Imam warnt in diesem Zug auch, dass er Deutschland in einer kritischen Lage in Bezug auf rechtsextreme Strömungen sieht, die immer lauter werden. „Auch diese Debatte könnte unnötig von Politikern angeheizt werden“, befürchtet er. Deswegen sieht El Ouadhane von der islamischen Siftung diese Akteure nun in der Pflicht. „Die interkulturellen Wochen oder die Wochen gegen Rassismus – das ist zu wenig. Wir müssen in die Schulen gehen“, fordert er.
Imam: „Wir müssen mehr Aufklärungsarbeit leisten.“
Nuri sagt, dass er und viele andere Muslime gerne in Harmonie und friedlich in Regensburg leben, sich hier wohl fühlen und offen für einen Dialog sind. „Wir können aber nichts dafür, wenn Investoren sich für dieses Projekt entscheiden“, schildert er seinen Standpunkt. Imam Bhatti spricht den Integrationswillen der Betroffenen an. „Unsere Kinder und Jugendlichen sind am 1. Januar nach dem Frühstück in die Stadt gegangen und haben den Silvestermüll weggeräumt, weil wir diesen Tag ohnehin anders feiern“, nennt er ein Beispiel für so eine Aktion. Die Gemeindemitglieder seien mit der Stadt doch gerade deswegen im Dialog und planen derlei Aktionen, damit so etwas nicht passiert. Dass es dann doch dazu kommt, zeige, dass es Bedarf gebe, folgert Bhatti. „Wir müssen mehr Aufklärungsarbeit leisten. Es muss ja einen Grund haben, dass die Menschen Angst und Vorurteile haben“, blickt er in die Zukunft.
Maltz-Schwarzfischer sagt: „Musliminnen und Muslime gehören seit Jahrzehnten zu Regensburg und zu unserem Alltag“. Dass ein Investor mit Plänen für ein islamisches Kultur- und Einkaufszentrum über die Medien an die Öffentlichkeit geht, ohne zuvor mit der Stadt gesprochen zu haben, sei für sie völlig verantwortungslos. „Die Diskussion, die nun entbrannt ist, schürt Ängste und spaltet. Das dürfen wir nicht zulassen“, sagt sie.
Almahmoud bietet Hilfe an
Während sich El Ouadhane und Bhatti freuten, von Plänen für ein islamisches Kulturzentrum zu lesen, sieht Saad Almahmoud, ebenfalls gläubiger Muslim aus Regensburg, die Sache anders. „Sollte da eine Moschee kommen, kann es durchaus sein, dass es Waschräume für Männer und Frauen, Gebetsräume für Männer und Frauen, einen Trauungsraum, Orte für Vorträge, den Koranunterricht und die Freitagsgebete sowie Security braucht“, zählt er auf. Weiterhin seien Friseure oder Cafés für jeweils ein Geschlecht in derlei Kulturzentren üblich. „Man muss bedenken, dass es sich um eine andere Kultur handelt, wenn man verhandelt. Ich stehe der Stadt als Berater zur Verfügung“, bietet Almahmoud an.
Über die Kommentare in den sozialen Medien sagt er: „Solange es keine richtige Integration gibt, müssen wir mit solchen Kommentaren rechnen. Die Bevölkerung ist verbittert.“ Für die Integration, die zu leisten ist, braucht es in Almahmouds Augen ein zweisprachiges Team bei der Stadt, das beide Kulturen kennt, um Geflüchtete ab der Ankunft zu integrieren. Zudem müsse den Deutschen deren Kultur erklärt werden. „Damit können wir sofort starten“, schlägt Almahmoud vor. Nuri aber ist etwas anderes wichtig: „Es gilt Religionsfreiheit!“
Anmerkung der Redaktion: Wenige Stunden, nachdem dieser Artikel online veröffentlich wurde, wurde die Petition gelöscht. Wir haben dies im Text aktualisiert.