Regensburgerin betreut seit Jahren Flüchtlinge – und kritisiert die Kartentausch-Aktion scharf

Von Christian Eckl · 10. Dezember 2024 um 12:12

Zusammen mit ihrem Mann, dem Sportmoderator Armin Wolf, sorgt sich die Regensburgerin Alexandra Wolf seit zehn Jahren um eine kleine Gruppe von Flüchtlingen. Aus Kümmern wurde Freundschaft. Angesichts der Debatte um die Bezahlkarte bezieht Wolf Stellung – die Karte verhindere, dass die jungen Männer Geld in die Heimat schicken müssten.

Frau Wolf, wann und wie haben Sie begonnen, mit Flüchtlingen zu arbeiten?

Alexandra Wolf: Mein Mann Armin Wolf und ich engagieren uns schon seit Jahren sozial. Das Thema Flüchtlinge kam dazu, ohne dass es eine organisierte Struktur war. Vor etwa zehn Jahren haben wir eine Anfrage vom Thomas Wiser Haus bekommen. Dort gab es damals eine Gruppe unbegleiteter Flüchtlinge. Die haben uns gefragt, ob wir uns ein bisschen engagieren könnten.

Wie sah dieses Engagement konkret aus?

Wolf: Anfangs haben wir finanzielle Unterstützung geleistet, aber auch persönlichen Kontakt gepflegt. Wir haben gemeinsam Abendessen veranstaltet oder Trainings organisiert. Zum Beispiel kam einmal Wolfgang Scholz, ein Nordic-Walking-Europameister, vorbei und hat etwas mit den Jugendlichen gemacht. So hat sich das Ganze entwickelt.

Es hat sich eine Freundschaft entwickelt

Und wie ging es weiter, nachdem die Jugendlichen volljährig wurden?

Wolf: Als die Jungs 18 wurden, mussten sie aus der Unterkunft ausziehen. Drei von ihnen haben uns damals kontaktiert und um Hilfe gebeten. Sie waren in der Ausbildung oder in der Schule und meinten, dass sie in der jetzigen Unterkunft nicht weiterkommen, weil sie sich nicht auf das Lernen konzentrieren können. Wir haben dann Wohnungen für sie besorgt und sie bei ihrer Ausbildung unterstützt. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt, die bis heute anhält.

Sie kümmern sich auch um deren Familien?

Wolf: Ja, zum Beispiel die Familie von Mohammad. Es ist kein festes Programm, sondern eher ein persönliches, herzliches Kümmern. Aber das gehört für uns einfach dazu.

Sie haben also engen Kontakt zu den Menschen, die Sie unterstützen?

Wolf: Genau. Der Kontakt ist so eng, dass ich bewusst das Wort Freundschaft benutze. Ali zum Beispiel nennt mich seine deutsche Mama. Das hat etwas Familiäres.

Familien zusammengeführt

Mit wie vielen Menschen haben Sie denn so enge Kontakte?

Wolf: In erster Linie konzentriert sich das auf drei Jungs. Aber um sie herum haben sich weitere Kontakte entwickelt. Wenn jemand nicht versteht, was er von der Ausländerbehörde bekommen hat, helfen wir. Oder bei Mohammad war es so: Seine Familie lebte im Landkreis Regensburg, er wollte sie aber zu sich holen, da er in der Stadt lebt und arbeitet. Da haben wir geschaut, dass die Wohnbindung aufgehoben wird, damit sie nach Regensburg ziehen können. Dann war da Alis Onkel, den wir aus Frankfurt (Oder) geholt haben. Der arbeitet jetzt bei BMW und wohnt mit den anderen zusammen. Mittlerweile sind es wohl etwa zehn Personen – die Jungs selbst, ihre Familienangehörigen, Eltern und Geschwister. Aber der Kern bleibt die Unterstützung dieser drei Jungs, die aus Afghanistan und dem Iran stammen.

Was sind die größten Sorgen und Nöte dieser jungen Menschen?

Wolf: Ein großes Thema sind die Auseinandersetzungen mit Behörden. Oft geht es um Wohnsituationen, Ausbildungsfragen oder Papiere. Hier möchte ich aber betonen: So schwierig die Gesetzgebung ist, die Erfahrungen mit den Mitarbeitern der Behörden selbst waren oft positiv. Die Gesetzeslage empfinde ich als sehr schwierig. Aber die Mitarbeiter im Ausländeramt erklären einem durchaus, wieso etwas so ist und nicht anders. Aber es geht ja nicht nur um das Organisatorische. Diese jungen Menschen kamen als unbegleitete Flüchtlinge hierher. Da fehlt Papa, Mama oder jemand, der dich umarmt. Diese emotionale Leere ist schwer zu ertragen. Aber es kommt auch immenser Druck von den Familien zu Hause.

Wieso?

Wolf: Oft haben die Verwandten falsche Vorstellungen davon, wie das Leben hier funktioniert. Die Erwartung ist: Mach dein Glück und schick Geld nach Hause. Doch diese jungen Menschen müssen hier erstmals selbst Fuß fassen, eine Ausbildung abschließen, sich integrieren. Diese Balance zwischen persönlichem Aufbau und dem Druck, die Familie zu unterstützen, ist eine riesige Herausforderung.

Bezahlkarte ist dazu da, den Aufbau zu erleichtern

Was von der politischen Debatte über Migration kriegen die Flüchtlinge, mit denen Sie zu tun haben, mit?

Wolf: Sie lesen auch die Zeitung. Die Jungs, mit denen ich zu tun habe, sind seit zehn Jahren hier, sprechen Deutsch gut genug und tauschen sich darüber aus. Es gibt aber natürlich auch viele Fragen, um zu verstehen, was passiert.

Gibt es denn politische Diskussionen oder Streitgespräche?

Wolf: Ja, die gibt es tatsächlich, trotzdem ist interessant, dass politische Debatten für die Jungs nicht immer im Vordergrund stehen. Sie leben hier, arbeiten hier, haben ihren Alltag. Aber wenn es Berichte über Übergriffe gibt, schimpfen sie auch mal auf die schwarzen Schafe, weil diese das Leben für alle anderen Ausländer schwerer machen. Sie ärgern sich auch, dass sie alle über einen Kamm geschoren werden.

In Deutschland und auch in Regensburg wurde die Bezahlkarte für Flüchtlinge eingeführt. Wie hätte sich das auf Ali oder Mohamed ausgewirkt, als sie noch keine Arbeit hatten?

Wolf: Ich denke, wenn die Bezahlkarte nicht gleich von bestimmten Strömungen oder den Medien als etwas Diskriminierendes dargestellt worden wäre, wäre sie kein großes Thema gewesen. Die Jungs hätten einfach nach Lösungen gesucht, wie sie klarkommen und ihre Familien trotzdem unterstützen können. Die Bezahlkarte ist ja eigentlich dazu da, ihnen den Aufbau hier zu erleichtern. Mit Bargeld sparen sie sich alles vom Mund ab, um Geld nach Hause zu schicken.

Sehen Sie die Bezahlkarte als sinnvolles Mittel?

Wolf: Grundsätzlich schon. Die Karte ermöglicht es, im Supermarkt oder im Alltag wie jeder andere zu zahlen. Das ist keine Diskriminierung. Die Idee dahinter ist ja, dass das Geld hier für den Lebensunterhalt verwendet wird. Damit könnten die Jungs vielleicht auch mal etwas für sich selbst tun – einen Vereinsbeitrag zahlen oder mit Freunden rausgehen. Das fördert die Integration.

Aktin zur Bezahlkarte in Regensburg schädlich

Was halten Sie von Aktionen, bei denen Gutscheine gegen Bargeld getauscht werden, wie sie etwa in Regensburg von den Grünen und der SPD angeboten werden?

Wolf: Ich finde das schwierig. Es zwingt die Flüchtlinge wieder in die Rolle des Bittstellers. Da steht ein „wohlmeinender“ Deutscher und meint, er tut etwas Gutes, während er eigentlich nur einen Gutschein in Bargeld umtauscht. Das ist für beide Seiten unangenehm. Die Flüchtlinge haben ihren Stolz, und solche Aktionen verschärfen nur die Debatte.

Man hat auch den Eindruck, dass solche Aktionen die migrationskritische Stimmung in der Bevölkerung anheizen. Sehen Sie das auch so?

Wolf. Ja, das sehe ich auch so. Solche Bilder – etwa von Flüchtlingen, die in der Winklergasse anstehen – werden verbreitet und verstärken die Kritik an der Migrationspolitik. Die Bezahlkarte sollte nicht als Mittel gesehen werden, um Menschen zu schikanieren, sondern als ein normales Zahlungsmittel. Dass es so kontrovers diskutiert wird, empfinde ich als schädlich, vor allem für die Flüchtlinge.

Wie bewerten Sie die Einführung der Bezahlkarte selbst?

Wolf: Die Bezahlkarte erfüllt ihren Zweck. Sie ermöglicht es, den Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne dass Bargeld zweckentfremdet wird. Sie könnte sogar Integration fördern, wenn das Geld in der Region ausgegeben wird. Was mich stört, sind die negativen Diskussionen und die Diskriminierung, die daraus entstehen. Es gibt Menschen, die sich damit ein gutes Gefühl geben, während sie in Wahrheit nur Gutscheine umtauschen. Das ist für beide Seiten unbefriedigend.

Das Interview führte Christian Eckl