„Bleibt nicht leise!“, fordert das Opfer der Öl-Attacke von Regenstauf und zeigt bewegende Bilder

Schockierende Zahlen zu frauenfeindlichen Straftaten und der Avignon-Prozess lassen Hunderte in Regensburg fordern: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Daria Moser, das Opfer der Öl-Attacke, von Regenstauf und ficht diesen Kampf mit Pinsel und Farbe.
Das Landgericht Regensburg sah es bei seinem Urteil im März als erwiesen an, dass ihr Ehemann ihr nach der Trennung mit Absicht drei Liter heißes Öl ins Gesicht schüttete. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Während der Vernissage zu ihrer Ausstellung mit dem Titel „Fight the Fear“ wagte Moser kürzlich den Schritt in die Öffentlichkeit und schilderte den Gästen im Foyer des Landratsamts ihr jahrelanges Martyrium. Etwa habe sie nach der Öl-Attacke im künstlichen Koma gelegen und mehrere Operationen über sich ergehen lassen müssen. Die Ausstellung hatte der Regensburger Runde Tisch gegen häusliche Gewalt im Vorfeld des Gedenktags organisiert. Mosers Wunsch: Die kräftigen Farben auf ihren Bildern sollen Aufmerksamkeit auf das Thema lenken.
Düstere Poolszene
Eine dieser Leinwände zeigt eine Flasche Champagner, die in einem aufblasbaren Kühler im Wasser treibt. Sommerlaune will bei diesem Bild aber nicht aufkommen: Denn Moser entschied sich weder für leuchtende Türkistöne beim Wasser noch für das Qietschgelb im Logo der berühmten französischen Champagnermarke, sondern für düstere Farben. „Im ersten Sommer mit den Verbrennungen musste ich die Sonne meiden. Ich habe gelebt wie ein Vampir“, sagt sie. Wenn Sonnenlicht auf die Haut fiel, habe sie Schmerzen bekommen. „Alles hat sich im Schatten abgespielt, deswegen sind die Farben so schattig“, erklärt Moser.
Daneben hängt ein Bild mit mehreren Augen auf grauem Grund, durch den es rot schimmert. Es zeige Mosers Zustand im Krankenhaus. Dort habe sie sich an ihr neues Gesicht gewöhnt. „Die Haut an meinem Gesicht hat gespannt. Sie war wie ein Ballon. Wenn ich zu viel gelächelt oder gelacht habe, ist sie aufgerissen“, erinnert sich die Frau. Auf einer weiteren Leinwand ist ein katzenartiges Wesen mit weit aufgerissenem Maul zu sehen. Laut Moser zeigt das Bild eine Bedrohung. „Es steht für eine Beziehung, in der jemand den Bezug zur Realität verloren hat und nicht weiß, ob ihn eigene Fehler oder die einer anderen Person in diese Situation gebracht haben“, verdeutlicht sie. Deswegen sei es auch unklar, ob die Katze bedroht wird oder ob die Bedrohung von ihr ausgeht.
Es gibt aber auch Bilder, die Perspektiven aufzeigen. Dazu gehört ausgerechnet ein blauer Hund mit riesigen gefletschten Zähnen in mehreren Reihen und einem leuchtenden Rot in den Augen. Dieses Bild zeige das Leben mit allen seinen Herausforderungen. „Ich sehe den Hund als eine naive Kreatur, der sich durch Schwierigkeiten zu einer robusten Persönlichkeit entwickelt hat. Was als Schwäche begann, hat sich in Stärke verwandelt“, beschreibt Moser die Idee hinter ihrem Motiv.
Und dann ist da noch dieses weiße Kätzchen mit neun Augen, das auf die Karten in seinen Pfoten blickt. „Das Kätzchen sucht nach neuen Antworten auf offene Fragen“, sagt Moser. Das Wesen ist gezwungen, über sich selbst nachzudenken. „Die Fragen, die das Kätzchen bewegen sind: Was macht mich glücklich? Was motiviert mich? Was tue ich, um meine Ziele zu erreichen? Und wie geht das, wenn Herausforderungen auftauchen?“, beschreibt die Künstlerin ihr Werk weiter. Die Antworten auf diese Fragen seien aber nicht so wichtig, wie sich diese Fragen zu stellen.
Reden, reden, reden
Moser weiß nicht, wie viele Besucher der Ausstellung ihre Bilder schon gesehen haben oder ob schon eines verkauft worden ist. Darum geht es ihr auch nicht, sondern um ihre Botschaft. „Meine Botschaft lautet, dass Frauen darüber reden sollen, wenn sie in schwierigen Situationen sind: mit der Familie, mit Freunden, mit Psychologen“, wird sie deutlich. Das bezeichnet sie als Kick-Start für den Prozess der Heilung und für ein besseres Leben. „Bleibt nicht leise!“, fordert sie.
Die Ausstellung ist noch bis 30. Januar im Foyer des Landratsamts zu den Öffnungszeiten zu sehen. Diese sind montags und dienstags von 8 bis 12 Uhr sowie von 13 bis 15.30 Uhr, mittwochs von 8 bis 12 Uhr, donnerstags von 8 bis 12 Uhr sowie von 13 bis 17.30 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr. Die Bilder Mosers können käuflich erworben werden. Der Erlös kommt dem Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen und deren Kindern zugute.
An diesem Samstag ist zudem eine weitere Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Regensburg: von 16 bis 18 Uhr auf dem Domplatz in der Altstadt.
Verfahren und Prozesse
Landgericht: Das Verfahren ist laut Ruth Koller, Pressesprecherin am Landgericht, durch ein Urteil beendet, mit dem der Angeklagte wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung und mit gefährlicher Körperverletzung in drei tateinheitlichen Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.
Bundesgerichtshof: Die Akten wurden dem Bundesgerichtshof vorgelegt, weil Revision eingelegt worden war. Das Revisionsverfahren ist dort laut Kai Hamdorf, Pressesprecher am Bundesgerichtshof, am 29. Oktober eingegangen. Derzeit sei aber noch nicht absehbar, wann mit einer Entscheidung oder einem Termin zu rechnen ist.
Ermittlungsverfahren: Es laufen Ermittlungen wegen Vergewaltigung in der Ehe. Zum Fortgang dieses Verfahrens gibt es laut Moritz Büchele, stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, noch keine Entscheidung. Die hänge maßgeblich vom Ergebnis eines Sachverständigengutachtens ab, das ihm noch nicht vorliegt.
