Familienunternehmer aus Regensburg ist „schon seit 35 Jahren Krisenmanager“

Der Regensburger Familienunternehmer und vbw-Funktionär Johannes Helmberger von der Druckerei Niedermayr spricht über über die Leiden der Familienbetriebe und wieso Papier, das in Schweden mit Atomstrom hergestellt wird, klimaneutraler sein soll als Recyclingpapier aus Bayern.
Sie betreiben die Druckerei Niedermayr in sechster Generation, Ihre Tochter ist die siebte und sie arbeitet schon im Unternehmen. Stand jemals zur Debatte, die Firma nicht von Ihrem Vater zu übernehmen?
Johannes Helmberger: Als ich 1989 in Kalifornien studierte, kam der Anruf, dass es meinem Vater gesundheitlich nicht gut geht. Eigentlich wollte ich in den USA bleiben, es waren spannende Zeiten. Apple und andere im Silicon Valley, die Digitalisierung in der Druckerei, in der ich arbeitete. Aber ich wurde immer so erzogen, dass es keine Frage gab: Ich musste nach Regensburg.
Folgten Wendepunkte?
Helmberger: Die Druckereibranche ist eine, die von Krise zu Krise sprintet. Das war von Anfang an so. Im Prinzip wird man bedauert wenn man sagt, dass man eine Druckerei betreibt. Schon als ich anfing war klar, dass wir die Prozesse modernisieren mussten. Ich war der erste studierte Druckingenieur, was einem nicht immer Sympathien brachte. Mein Vater hat noch die Backpulver-Tütchen für die Backpulver Müller aus Neutraubling gedruckt. Das war alles noch sehr regional. Heute bedrucken wir in acht Tagen so viel Papier, dass die Rolle um die ganze Welt reichen würde.
Was geschah 1989, als die Wende kam?
Helmberger: Es gab Unternehmen, die in Osteuropa auf der grünen Wiese eine Druckerei eröffnet haben. Günstigere Löhne, damals die modernste Technik, vor allem aber Millionen-Subventionen. Doch die gibt es heute alle nicht mehr. In einer Branche, in der man voll performen muss, weil die Luft so dünn ist, kann man eine Druckerei in Pilsen nicht von München aus steuern. Dass wir als Familienunternehmen so regional verankert waren und sind, war unser großes Glück.
Welche Krisen folgten?
Helmberger: Es gab etliche Technologiesprünge, die Veränderung der Handelsstruktur, die Papierkrise, die Lieferkettenkrise, Corona – kurzum, ich mache seit 35 Jahren nichts anderes als Krisenmanagement.
Entwickelt man als Unternehmer Resilienz?
Helmberger: Meine Strategie war, dass ich nicht nur ein Produkt anbiete und damit der günstigste und beste bin. Sondern dass ich das Produkt einbette in Zusatzleistungen. Es ist nicht nur wichtig, dass man ein Produkt günstig druckt, sondern in sehr kurzer Zeit. Dass man in großen Kapazitäten übers Wochenende drucken kann, ist ein weiterer Vorteil. Und immer wichtiger wird Nachhaltigkeit. Wir haben jetzt den Nachhaltigkeitspreis gewonnen. Das wird gerade in der Druckbranche immer wichtiger.
Kann man etwas bedrucken, das der Umwelt nicht schadet?
Helmberger: Immer, wenn man etwas produziert, hat das natürlich Auswirkungen auf die Umwelt. Am besten für die Umwelt wäre, wenn es keine Menschen geben würde. Aber wir produzieren klimaneutral. Beim Papier haben wir nicht den endgültigen Einfluss, weil das vom Kunden gekauft wird. Hier ist es so, das Papier aus Schweden derzeit wegen der Atomenergie dort eine bessere Bilanz hat als Recyclingpapier aus Bayern. Das zeigt, wie widersinnig die Regeln oft sind.
Sie bedienen auch digitale Kanäle, etwa im Bereich der Prospektwerbung. Ist das immer besser fürs Klima?
Helmberger: Jede KI-Anfrage braucht zehnmal so viel Energie verbraucht wie bei einer Google-Anfrage. Bei der Energiefrage ist entscheidend, wie die Energie produziert wurde. Es gibt kaum eine Branche, in der die Kreislaufwirtschaft besser perfektioniert wäre wie im Papierbereich. 86 Prozent des bedruckten Papiers wird recycelt. Aber wir werden in Deutschland letztlich bestraft dafür, dass wir den Strommix nehmen müssen, den uns die Bundesregierung vor die Nase gesetzt hat.
Stopp: Gerade haben Sie noch geredet, als wären Sie Berater von Robert Habeck – was hat er denn falsch gemacht?
Helmberger: Er hat uns mit Kohlestrom versorgt. Das hat er falsch gemacht. Selbst wenn man den Ausstieg aus dem Atomstrom, anders als unsere europäischen Nachbarn, die damit ihre CO2-Bilanzen retten, richtig findet, hätte man die Übergangszeit anders gestalten müssen. Das haben zwar schon Angela Merkel und Peter Altmaier uns eingebrockt. Aber wenn es draußen schneit, gehe ich auch mit Mütze auf die Straße. Als das russische Gas wegfiel und in der Ukraine der Krieg begann, hätte man anders auf die Situation reagieren müssen.
Mit welchen Folgen?
Helmberger: Dass wir beispielsweise Papier aus Schweden bekommen. Dieser Irsinn, dass wir die Nachhaltigsten sein wollen, derzeit aber bei der Energieversorgung den höchsten CO2-Impact haben, aber gleichzeitig alle Prozesse in die Elektrifizierung drängen – das ist leider bescheuert.
Musste das scheitern?
Helmberger: Er war ja nicht der Einzige, der damit gescheitert ist. Auch Merkel und Altmaier sind es. Wenn man regenerative, nachhaltige Prozesse will, muss man kein Grüner sein, sondern das macht auch für Kapitalisten Sinn.
Wie kann man den Abstieg des Landes wieder umkehren?
Helmberger: Ich glaube, gar nicht mehr. Wir werden keine Chemieproduktion in Deutschland mehr bekommen. Die Autoproduktion wird dort stattfinden, wo die Märkte sind. Der einzige Vorteil ist, dass das den Fachkräftemangel mildern wird. Ehemalige Conti-Mitarbeiter beispielsweise arbeiten jetzt gerne in einer Druckerei, also in einer Branche, von der man sagte, die gibt es nicht mehr lange. Das grundsätzliche Problem ist, dass die Unternehmer das Vertrauen in den Standort verloren haben und nicht mehr investieren. Wenn morgen jemand kommt, der einen Batzen Geld für die Druckerei bieten würde, ich weiß nicht, was ich meiner Tochter raten würde.
Liegt die Zukunft in KI?
Helmberger: Wir produzieren bereits viel mit KI, beispielsweise Bilder für Prospekte. Ich glaube, KI wird die Produktivität weiter erhöhen. Aber am Ende werden wir es als Tool zur Effizienzsteigerung nutzen.
Sie sind auch Vertreter des Verbands der Bayerischen Wirtschaft. Was hat das gebracht?
Helmberger: Ich habe vor vielen Jahren schon davor gewarnt, wohin uns dieser Weg der Energiepolitik führen wird. Das hat die Politik aber leider nicht gehört. Auch in den Medien haben Journalisten immer das herausgeschnitten, was nicht in ihre Ideologie gepasst hat. Leider wird nur das politisch korrekte Nachgeplappert. Ich bin Erbe auf Zeit, habe das Unternehmen weitergeführt. Ich habe zeitweise mit meiner letzten Unterhose für alles hier gehaftet. Ich würde mir wünschen, dass auch Politiker und Journalisten diese Verantwortung tragen müssten für ihr Handeln.
Das Interview führte Christian Eckl