Schock nach Kaufhof-Aus: Ein Viertel der Handelsflächen in Regensburgs Altstadt steht leer

Von Christian Eckl · 12. November 2024 um 13:46

Die Welterbestadt im Würgegriff der Spekulanten: Die Kaufhof-Brache in Regensburg bewegt Bürger, Parteien und Stadt gleichermaßen. Das wurde deutlich bei einer Veranstaltung mit dem Leiter des Amts für Stadtentwicklung.

Der musste sich von einem Bürger vorrechnen lassen, dass mit dem Aus für Kaufhof über 25 Prozent der Handelsfläche in der Stadt leersteht. Ein erster Schritt sollen Plakate in den Schaufenstern sein, die für Regensburg werben.

„Schreiben Sie das“, scherzte Joachim Wolbergs im prall gefüllten Leeren Beutel, „vielleicht lesen sie ja die MZ in New York.“ Gemeint ist der Immobilien-Fonds, der mutmaßlich Eigentümer der größten Einzelhandels-Brache ist, die Regensburg seit der Pleite des Handelsunternehmens Co-Op am Donaumarkt gesehen hat. Am Montagabend lud die Brücke in den Leeren Beutel, um zusammen mit dem Leiter des Amts für Stadtentwicklung, Dr. Volker Höcht, über den Leerstand und die Kaufhof-Brache zu sprechen.

Zuhörer Thorsten vom Heu deckte schnell einen Widerspruch auf: Höcht sprach von einem Leerstand von zwischen sieben und acht Prozent in der Altstadt. Die Geschäftsführerin des städtisch subventionierten Vereins Faszination Altstadt sprach aber von 20 Prozent der Verkaufsfläche der Altstadt allein im Kaufhof, die nun leerstehen würden. Höcht musste einräumen: Die einstellige Zahl ist aus dem Jahr 2023. Der Vergleich zeigt: Vor zehn Jahren standen lediglich 3,8 Prozent der Einzelhandelsflächen in der Altstadt leer, 2023 waren es 6,7 Prozent. Rechnet man die 12 500 Quadratmeter des Kaufhofs mit dazu, kommt man auf gigantische 26,7 Prozent – der wohl größte Leerstand in der Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Höcht berichtete, dass die Stadt im letzten Jahr die „Taskforce Kaufhof“ eingerichtet hat. Wieso dies erst bei der letzten, nicht schon bei der vorangegangenen Insolvenz der Warenhauskette erfolgte, blieb offen. „Meine Aufgabe ist es“, sagte der Amtsleiter, „sich Nachnutzungen zu überlegen.“ Maria Müller von der Faszination Altstadt bestätigte: „Der Eigentümer hat bisher nur die Miete bekommen und war glücklich. Jetzt muss er den Stand erfassen, kann man das Erdgeschoss alleine betreiben beispielsweise.“ Die große räumliche Distanz führe dazu, „dass er selbst noch kein Bild hat – so traurig das ist.“

„Stadt hat kein Konzept“

Kritik kam aus dem Auditorium daran, dass die Stadt zu lange zugesehen und keine eigenen Nutzungskonzepte vorgelegt habe. Der Amtsleiter widersprach. „Meine Aufgabe ist es, Nachnutzungs-Szenarien zu denken. Natürlich ist es mager, dass wir an den Schaufenstern Plakate anbringen dürfen“, sagte Höcht. „Natürlich muss mehr folgen. Den Anspruch wird der Eigentümer auch haben, dass er sich mit dem Gebäude auseinandersetzt“, so der Leiter des Amts für Stadtentwicklung. Er verdeutlichte, dass sich die Eigentümer bisher noch gar nicht mit den wohl zahlreichen Immobilien in Filet-Lagen deutscher Innenstädte auseinandergesetzt hätten. Sie müssten sich die Immobilie also im Moment erst einmal ansehen.

Völlig unklar ist, von wem die Faszination Altstadt, wenn sie die Schaufenster dekorieren darf, überhaupt die Schlüssel bekommt und ob die Alte Wache, auf deren Balkon traditionell Oberbürgermeisterin und Nikolaus den Christkindlmarkt eröffnen, heuer zugänglich ist. Höcht freute es jedenfalls, dass zumindest das Eiscafé bleiben darf – auch das war nicht selbstverständlich, denn alle weiteren Mieter wie der Go Asia oder besagtes Café hatten Mietverträge mit der Warenhaus-Kette, die nach dem Aus für den Kaufhof automatisch endeten.

Doch offenbar half der Gesprächsdraht zumindest nach Leverkusen, wo die Kaufhof Regensburg GmbH offiziell sitzt, einen neuen Mietvertrag zu schmieden.

Mona Walch, die eine wissenschaftliche Arbeit über das Thema kulturelle Zwischennutzungen geschrieben hat, machte deutlich, was in München passiert ist: Dort übte die Stadt Druck aus und investierte selbst eine sechsstellige Summe für das Warenhaus am Stachus.

„Stadt kann Druck ausüben“

Allerdings war diese kulturelle Zwischennutzung nur ein Wochenende geöffnet – das Konzept scheiterte. Walch sagte aber, der Wille sei entscheidend, um den Eigentümer dazu zu zwingen, eine Zwischennutzung zuzulassen. Ein Zuhörer, der sich selbst als „kleiner Banker“ vorstellte, warf das Menetekel an die Wand: Er habe selbst in Amberg erlebt, wie ein Immobilien-Investor die Stadt jahrelang vor sich hertrieb und die Immobilie so lange verfallen ließ, bis die Stadt gezwungen war, sie zum diktierten Preis zu kaufen. Doch das schloss Wolbergs aus: „Wir haben sogar die Sanierung des Velodoroms bis zum St. Nimmerleinstag vertagt, ich kann mir nicht vorstellen, wo das Geld für den Kauf dieses Hauses kommen soll.“

Info: Der geheimnisvolle Eigentümer

Benko: Als der österreichische Investor René Benko Galeria Karstadt Kaufhof 2019 übernahm bzw. fusionierte, waren es 171 Warenhäuser zum Teil in Bestlage. Viele der Immobilien gehörten der Warenhauskette selbst, unter anderem die am Neupfarrplatz.

Eigentum: Bis 2020 firmierte im Transparenzregister des Bundes die Mutter von Benko, Ingeborg, die auch zahlreiche seiner Stiftungen in Liechtenstein und Luxemburg leitet, als die wirtschaftlich Berechtigte der Kaufhof Regensburg GmbH mit Sitz in Leverkusen.

Verkauf: 2020 kamen etwa 20 dieser Immobilien auf den Markt. Der Immobilienfonds Apollo soll die Häuser für 700 Millionen Euro erstanden haben. Der Apollo European Principal Fund III soll neuer Eigentümer sein, Sitz des Fonds ist auf den Cayman Islands.

Verhandlung: Amtsleiter Höcht behauptet, es sei nun gelungen, mit dem Eigentümer zumindest eine Nutzung der Schaufenster zu vereinbaren. Wieso der Fonds den Gang in die Öffentlichkeit scheut, das wollte oder konnte Höcht nicht sagen.

Joachim Wolbergs moderierte den Abend mit Amtsleiter Dr. Volker Höcht und der Kulturmanagerin Mona Walch.
„Die Touristen kommen zu uns, weil wir Welterbe sind. Da ist der Kaufhof völlig uninteressant.“Maria Müller, Geschäftsführerin Faszination Altstadt
„Die Stadt sollte das Gebäude kaufen und abreißen. Es ist das hässlichste Gebäude in der Altstadt.“Bernhard Lindner, einst selbstAltstadt-Kaufmann