Trauer um „Baumeister des Landkreises“ Cham: Altlandrat Ernst Girmindl (93) gestorben

Große Trauer in Roding und der gesamten Region: Altlandrat Ernst Girmindl ist am Mittwochmorgen im Alter von 93 Jahren im Chamer Krankenhaus gestorben. Er war der erste Landrat des „großen“ Landkreises Cham, zu dem seit der Gebietsreform 1972 auch Roding, Kötzting und Waldmünchen kamen. Girmindl gilt als Wegbereiter für die enorme Entwicklung, die der Landkreis in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat.
Landrat Franz Löffler ist einer von denen, die besondere Erinnerungen an den verstorbenen Altlandrat haben. Löffler hat 1977 drei Jahre lang im Verwaltungsdienst des Landratsamtes gearbeitet: „Girmindl hat mich eingestellt“, sagt er. Löffler, der später ins Waldmünchner Rathaus wechselte, hatte immer Berührungspunkte mit Girmindl. Als Pandur mit dem Ehrenpanduren zum Beispiel.
Doch so richtig verankert haben sich bei Löffler die Verdienste Girmindls um den Landkreis Cham: „Er ist für mich Architekt und Baumeister des heutigen Landkreises.“ 1967 sei Girmindl als Landrat des ehemaligen Landkreises Roding in die Wahl um den künftigen Chamer Landrat eingestiegen und habe CSU-intern Heinrich Eiber und Josef Karg in einer Abstimmung geschlagen. Dann sei er mit überzeugender Mehrheit zum ersten Landrat des Landkreises Cham gewählt worden.
Menschen Mut gemacht
„Girmindl hatte die Gabe, die Menschen zusammenzuhalten und ihnen Mut zu machen. Das war nicht einfach in einem Landkreis mit Waldmünchnern, Rodingern, Kötztingern und Chamern und einer Wirtschaft, die im Vergleich schwach war“, so Löffler.
„Hört auf zu jammern“, sei de Botschaft Girmindls gewesen. Und er habe jeden unterstützt, der den Landkreis voranbringen wollte. Davon erzählen, so Landrat Löffler, heute noch etwa die Firmenchefs Zollner und Mühlbauer. Auch der Tourismus sei Girmindl sehr wichtig gewesen. Als dessen Amtszeit 1996 endete, habe er einen aufstrebenden Landkreis hinterlassen.
Allerdings habe es Girmindl nie leicht gehabt. In seiner Amtszeit seien die ersten der ursprünglich acht Krankenhäuser geschlossen worden, darunter auch Furth und Waldmünchen. In diesem Zusammenhang erinnert sich Löffler an ein sehr persönliches Zusammentreffen, von dem Girmindl später oft geredet habe: „Wir waren im Gaubaldhaus, und es sollte mit Bürgermeister Dieter Aumüller und den Bürgern die bevorstehende Schließung des Krankenhauses Waldmünchen debattiert werden. Da hat mich der Bürgermeister gebeten, in der aufgeheizten Stimmung dafür zu sorgen, dass der Landrat Girmindl unbeschadet von der Saaltüre zum Rednerpult geleitet wird.“ Der Franz Löffler hatte damals für einen solchen Job schon die richtige Statur und managte den Auftrag ohne Zwischenfälle.
Er erinnert sich dabei noch an ein Gespräch, das das Wesen Girmindls gut zum Ausdruck bringt: „Er hat dem Dieter Aumüller angeboten, dass er sich nicht mit ihm unterhalten muss, wenn ihm das als Bürgermeister schadet. Der Bürgermeister hat sich das aber nicht nehmen lassen und gesagt: Wir reden weiter miteinander.“ Löfflers Fazit: „Der Landrat Girmindl war ein Mann von großem Format und mit viel Verständnis für die Probleme anderer.“
In Niederbayern geboren
Der gebürtige Niederbayer, der in Deggendorf aufgewachsen ist, kam 1957 als Assessor an das ehemalige Landratsamt Roding. Seine politische Karriere begann dann 1967, als er für die CSU (in die er erst kurz zuvor eingetreten war) zum Landrat des ehemaligen Altlandkreises Roding gewählt wurde. Mit der Gebietsreform 1972 wurde sein Wirkungskreis um ein Vielfaches größer: Roding, Cham, Waldmünchen und Kötzting wurden zusammengelegt zu einem flächenmäßig riesigen Landkreis, der von Rettenbach bis Lohberg reicht.
Die Entwicklung des Landkreises hatte Girmindl auch im hohen Alter noch genau im Blick, wie er im Dezember in einem Gespräch mit unserer Zeitung berichtete. Der Landkreis sei im Lauf der vergangenen Jahrzehnte in Sphären vorgestoßen, die zu seiner Anfangszeit noch undenkbar schienen. Zufrieden schaute Girmindl, der in Roding in unmittelbarer Nähe des Freibads wohnte, dabei unter anderem auf die Entwicklung der Arbeitslosenquote im Bereich Bad Kötzting oder auf die „fast unglaubliche Entwicklung“ von Firmen wie Mühlbauer in Roding oder Zollner in Zandt, die sich aus kleinen Anfängen zu Weltkonzernen entwickelt haben.
Drei Amtsperioden
Die Wirtschaft und den Tourismus in der Region zu stärken und somit Arbeitsplätze zu schaffen, habe er als seine Hauptaufgabe gesehen, erzählte Girmindl, der lange vor allem geistig noch sehr fit war und unter anderem täglich Tageszeitungen las. Mit Wirtschaftsförderung und -beratung habe Cham als einer der ersten Landkreise in Bayern vor allem heimische Unternehmer unterstützt, auch das Innovations- und Gründerzentrum in Altenkreith habe sich als sehr gute Idee erwiesen.
Dass er seine Sache als Landrat gut machte, zeigten die Wahlergebnisse: Bei der ersten habe er 67 Prozent bekommen, bei der dritten 93. Der Landkreis sei zu einer Aufsteigerregion geworden, sagte Girmindl, ein Trend, der bis heute anhalte. Dies sei ein großer Verdienst seiner Nachfolger Theo Zellner und Franz Löffler, hatte er betont, sie leisteten sehr gute Arbeit.
Auch bittere Momente habe es gegeben, etwa die Schließung des Rodinger Krankenhauses, die aber unumgänglich gewesen sei. Letztlich hat Girmindl aber viele Weichen richtig gestellt und sich unschätzbare Dienste um den Landkreis und dessen Entwicklung erworben.
Aus dem Lebenslauf
In Hutthurm geboren: Ernst Girmindl kam in Hutthurm (Landkreis Passau) in Niederbayern als eines von vier Kindern zur Welt.
Schon mit sieben Jahren Vollwaise: Bereits mit sieben Jahren wurde er Vollwaise. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war, sein Vater dann, als er im Alter von sieben Jahren war.
In Deggendorf aufgewachsen: Aufgewachsen ist er dann in Deggendorf bei einer Schwester seiner Mutter.
Abitur, Volontariat und Jura-Studium: Nach Volksschule und Oberrealschule machte er 1950 sein Abitur. Girmindl hat als Volontär bei der Lokalzeitung gearbeitet, sich aber dann für ein Jura-Studium entschieden. Gestartet ist er in München, dann wechselte er nach Erlangen.
Heirat noch als Referendar: Im Wohnheim lernte er seine spätere Frau Irmgard, die Lehrerin in Erlangen war, kennen, und heiratete sie noch als Referendar. Sie ist bereits gestorben.
Als Assessor 1957 ans Rodinger Landratsamt: 1957 kam er als Assessor zum ehemaligen Landratsamt Roding. Ein Studienkollege, der für die SPD Karriere machte, animierte Girmindl, sich um ein politisches Amt zu bewerben.
Erster Landrat des Großlandkreises Cham: Girmindl wurde 1967 zunächst zum Landrat des Landkreises Roding gewählt. 1972, als aus vier Landkreisen durch die Gebietsreform ein einziger gemacht wurde, wurde er für die CSU ins Amt des Landrats gewählt, das er bis zum Jahr 1996 innehatte.
Viele Auszeichnungen und Ehrentitel: Für sein Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Ehrentitel Altlandrat.