Zum 70.: Manfred Zollner im Interview
Er ist eine der großen Unternehmer-Persönlichkeiten im Landkreis Cham: Manfred Zollner feiert am 9. Oktober seinen 70. Geburtstag. 1965 begann er mit einem Einmann-Betrieb, heute hat die Zollner Elektronik AG 15 Standorte mit über 7000 Mitarbeitern in Deutschland, Ungarn, Rumänien, China, Tunesien und den USA. Zollner hat als als Aufsichtsratsvorsitzender noch immer das letzte Wort bei allen wichtigen Entscheidung - und das soll auch so bleiben, verriet er unserem Reporter Johannes Schiedermeier im Interview.
Schiedermeier: Wir hätten gerne etwas geschrieben über Ihren Geburtstag, Herr Zollner.
Manfred Zollner: Was’ ebba da zum Schreib’n gab?
Schiedermeier: Wir finden da schon was.
Zollner: Guat, kimmst halt, Schiedermeier.
So habe ich ihn bekommen, den Termin bei Manfred Zollner. Am 9.Oktober feiert er seinen 70. Geburtstag. Er ist schon zu Lebzeiten eine Unternehmer-Legende, nicht nur in Zandt, wo der Hauptsitz seiner Firma ist. Dort, kurz hinter dem rotweißen Schlagbaum, erwartet er mich. Grauer Anzug, rotsilber gestreifte Krawatte, im Empfangsraum lässig an den Tresen gelehnt. Die Begrüßung verläuft im gewohnten „Du, Schiedermeier“ – „Du Zollner“. Sympathisch, unkompliziert, direkt. Kurz darauf im 1. Stock: ein gediegener, wuchtiger Schreibtisch, dahinter ein moderner Chefsessel in Leder und Chromstahl.
Schiedermeier: Hier gibt es gar keinen Computer?
Zollner: Brauch’ ich nicht. Gibt Papier.
Schiedermeier: Du hast Werke in fünf Ländern. Welche Fremdsprachen sprichst Du?
Zollner: Deutsch, Bayrisch.
Die erste Viertelstunde ist vorbei. Erst sieben Wörter sind auf dem Block. Manfred Zollner lehnt sich breit in den Stuhl am Besprechungstisch zurück.
Zollner: Also???
Schiedermeier: Was ist am 70. besonders für Dich?
Zollner: Das gehört gefeiert, und ich freu’ mich drauf. Wann willst’ sonst feiern, mit 110?
Schiedermeier: Wie wird gefeiert?
Zollner: Mit 450 Gästen. Dafür gibt es keinen Saal. Wir feiern daheim.
Schiedermeier: Da gibt es einen Saal?
Zollner: Nein, aber eine Reithalle auf meinem Bauernhof.
Zollner faltet die Hände über dem Bauch wie zum Gebet und wird richtig gesprächig. Der Bauernhof, sagt er, ist der Mittelpunkt der Familie. Dort treffen sich die Familien der Tochter Angelika und der drei Söhne Manfred, Ludwig und Christian. Großvater Zollner hat neun Enkelkinder. Sie sollen mit Tieren aufwachsen. Die Worte auf dem Block häufen sich. Ich bin beruhigt.
Schiedermeier: Welches Hobby hast Du?
Zollner: Ich hätte gerne eins.
Schiedermeier: Welches?
Zollner: Reisen. Ich würd’ gern an die Mosel fahren, den Osten Deutschlands kennenlernen. Hier bei uns ist es ein Paradies.
Schiedermeier: Hast Du was versäumt?
Zollner: Ja.
Lektion 1 für Redakteure: Stelle nie Ja-Nein-Fragen. Schon gar nicht einem Manfred Zollner. So wird der Block nie voll. Zweiter Versuch.
Schiedermeier: Was ist mit Sport?
Zollner: Kann ich mir nicht leisten.
Schiedermeier: Wieso?
Zollner: Morgen habe ich eine Aufsichtsratssitzung in Stuttgart, bei einer Firma, an der wir beteiligt sind. Soll ich denen sagen, ich kann nicht kommen, weil ich mir beim Sport den Fuß gebrochen habe?
Schiedermeier: Was ist mit Reiten?
Zollner: Damit alle lachen, wenn es mich runterhaut? Das geht gar nicht. Vielleicht eher eine Kutsche. Aber dafür braucht es eine gute Beziehung zum Pferd. Ich mag die Viecher, aber dafür habe ich keine Zeit.
Zollner geht zum Schreibtisch und holt eine Mappe. Seine Geburtstagsmappe. Oben drauf die Einladung mit dem Spruch „Ein Mensch, der seine Arbeit liebt, wird niemals alt“. Dazu ein Sitzplan für 450 geladene Gäste. Darunter versteckt: die Festrede. 60 Seiten lang.
Schiedermeier: 60 Seiten???
Zollner: Ja, alles selber geschrieben und schon fertig.
Schiedermeier: Das wird aber noch gekürzt?
Zollner: Nein. Ich brauch’ keinen Festredner. Ich mach’ das selber. Außerdem spreche ich frei.
Schiedermeier: Wird es dadurch kürzer?
Zollner: Nein, aber das geht schon.
Manfred Zollner bestellt Kaffee, Mineralwasser, ein paar Kekse. Einer seiner Söhne schaut rein und will später wiederkommen. Schon klopft es wieder. Ein junger Mann mit Müllsack. Er kann gleich wieder gehen, der Eimer ist leer. Den ganzen Tag gehe das so, sagt Zollner – und es klingt zufrieden.
Schiedermeier: Mit 70, woran merkt man das Alter?
Zollner: Klar muss man zurückstecken. Mit 50 kommen die ersten Wehwehchen, mit 60 beginnt man zu schwächeln.
Schiedermeier: Und mit 70?
Zollner: Da reicht ein Zwölfstunden-Tag.
Schiedermeier: Scherz?
Zollner: Nein.
Schiedermeier: Wie schafft man das?
Zollner: Ich bin das gewohnt. Du trägst Verantwortung für das, was du tust. Und die steigt mit jedem Arbeiter.
Schiedermeier: Drückt einen das auch?
Zollner: Nein.
Schiedermeier: Wieso?
Zollner: Weil es zu viel Spaß macht. Sonst säße ich nicht mehr hier.
Ich bemerke, wie meine Fragen nahezu auf die Länge der Antworten geschmolzen sind. Zollner hat kurz telefoniert. Und deutet auf die Pläne an der Wand. Bilder von seinen Werken. Acht stehen im Landkreis Cham, zwei in Ungarn und in Rumänien, eines in China, eines in Tunesien. Das müssen jetzt die drei Söhne schultern. Der Vater bleibt Aufsichtsratsvorsitzender.
Schiedermeier: Wann räumt der große Aufsichtsratsvorsitzende seinen Posten?
Zollner: Das entscheidet sich von selbst. Der Lebenszyklus regelt das.
Schiedermeier: Der Aufsichtsratsvorsitzende Zollner behält also noch eine Weile das letzte Wort?
Zollner: Solange es geht und Spaß macht. Wir investieren jedes Jahr Millionen. Wir bauen hier in Zandt schon wieder eine Halle mit 4700 Quadratmetern. In Tunesien ist ein neues Werk geplant. Wir haben noch viel vor.
Schiedermeier: Wie klappt die Aufteilung mit den Söhnen?
Zollner: Die machen das prima. Aber man meint halt, man muss immer noch draufschauen. Ich plane auch nichts mehr, von dem ich nicht glaube, dass ich es zu Ende bringe.
Es klopft. Der Chamer Rechtsanwalt Ludwig Wanninger kommt herein. Er hat seinen eigenen Kaffee mitgebracht und hat zwei Büroräume bei Zollner. Für Steuern, Verträge und Finanzen ist das notwendig, sagt der Chef. Die beiden haben ein herzliches Verhältnis. Zollner ist bei Wanninger, seit der vor 22 Jahren in Cham seine Kanzlei eröffnet hat. Wanninger zitiert einen berühmten Zollner-Spruch: „Des dat i net versteh’...!“ Ein gefürchteter Spruch, der meist die Ablehnung eines Projektes einleitet. Wanninger sagt über Zollner, dass der ziemlich schnell erkennt, wann irgendetwas „ein Schmarrn“ ist. Notfalls schläft er drüber, sagt Wanninger und kommt dann am nächsten Morgen, um das Abgelehnte als seine eigene Idee wieder ins Gespräch zu bringen.
Schiedermeier: So läuft das?
Zollner: Nein, also das ist übertrieben.
Schiedermeier: Wie ist das mit dem drüber schlafen?
Zollner: Das mache ich schon. Nichts ist so eilig, dass man es nicht überschlafen könnte.
Wanninger geht, und das Gespräch kommt auf das unvermeidliche Thema Berufsschule. Zollner legt los. Das Thema Lehrlingsausbildung liegt ihm am Herzen. Seine Firma hat selbst ein Ausbildungszentrum. Kürzlich haben sechs Lehrlinge mit 1,0 bestanden. Der Chef ist stolz. Aber das mit der Berufsschule... Ich beginne mitzuschreiben.
Zollner: Nix, Stift weg!
Schiedermeier: Wieso?
Zollner: Weil ich dazu alles gesagt habe, was zu sagen war. Ich sag’ nix mehr.
Schiedermeier: Wo bist Du zur Schule gegangen?
Zollner: Acht Jahre in die Volksschule Zandt. Dann habe ich eine Elektriker-Lehre gemacht.
Schiedermeier: Warst Du ein Musterschüler?
Zollner: Nie. Es gab immer bessere. Aber daran werde ich heute nicht mehr gemessen.
Schiedermeier: Hast Du auch mal was angestellt?
Zollner: Klar.
Schiedermeier: Und die Folgen?
Zollner: Für die hat der Lehrer Göbel schon gesorgt: Tatzen und Arschprügel.
Schiedermeier: Bist Du nachsichtig, wenn ein Lehrling nicht lernt?
Zollner: Das kommt drauf an. Wenn er nicht kann, helfen wir ihm. Wenn er nicht will, fliegt er raus.
Auf die Frage nach dem Aufbau der Firma überreicht Zollner mir Firmenzeitung und Internetprofil. An der Wand neben der Tür hängt sein Wahlspruch: „Zögernd flieht die Zeit dem Faulen. Rasend schnell dem, der sich müht.“ Er bringt mich bis zur Schranke. Nach zweieinhalb Stunden: „Pfiat Di, Schiedermeier!“ – Servus Zollner! Es war ein Vergnügen. Ehrlich.