Auch mit 93 Jahren hat Ernst Girmindl die Entwicklung des Landkreises noch im Blick

Auch mit 93 Jahren hat der langjährige Landrat Ernst Girmindl die Entwicklung des Landkreises Cham noch genau im Blick. Der jüngste Neujahrsempfang zeige, wie gut es laufe, sagt er, der Landkreis sei in Sphären vorgestoßen, die zu seiner Anfangszeit noch undenkbar erschienen.
„Wenn man nur die Arbeitslosenquote etwa im Bereich Kötzting mit der heute vergleicht, kann man nur höchst zufrieden sein“, sagt Girmindl, der in seiner langen Zeit als Landrat viele Weichen so gestellt hat, um diese Entwicklung überhaupt möglich zu machen.
Täglich liest Girmindl Tageszeitungen und findet darin trotz aller Krisen vor allem im Lokalteil auch viel Erfreuliches, wie er erzählt. Die Entwicklung von Firmen wie Mühlbauer in Roding oder Zollner in Zandt aus kleinen Anfängen hin zu Weltkonzernen etwa, findet er faszinierend. „Ich war da bei den Anfängen mit dabei. Es freut mich daher schon ungemein, zu sehen, welche fast unglaubliche Entwicklung es da gegeben hat“, erzählt er.
Die Probleme der Firmen heute seien nun ganz andere als 1972, als er nach der Gebietsreform zum ersten Landrat des Großlandkreises Cham gewählt worden ist. Früher sei die Winter-Arbeitslosigkeit im ehemaligen Altlandkreis Kötzting (zu dem auch Zandt gehört) bei 60 Prozent gelegen, nun dagegen habe etwa die Zollner AG Schwierigkeiten, die nötigen Fachkräfte zu finden. „Im Vergleich sind das aber fast Luxusprobleme“, sagt Girmindl, der den Vergleich zu früher nur zu gut kennt.
Ziel: Wirtschaft stärken
Die Wirtschaft zu stärken war eines seiner Hauptanliegen in seiner Amtszeit. Der gebürtige Niederbayer, der in Deggendorf aufgewachsen ist, kam 1957 als Assessor an das ehemalige Landratsamt Roding. Seine politische Karriere begann dann 1967, als er für die CSU (in die er erst kurz zuvor eingetreten war) zum Landrat des ehemaligen Altlandkreises Roding gewählt wurde. Mit der Gebietsreform 1972 wurde sein Wirkungskreis um ein Vielfaches größer: Roding, Cham, Waldmünchen und Kötzting wurden zusammengelegt zu einem flächenmäßig riesigen Landkreis, der von Rettenbach bis Lohberg reicht.
Zwei Gegenkandidaten
Wie er zu seinem Amt kam, weiß Girmindl noch genau. Mit Heinrich Eiber aus Waldmünchen und Josef Karg aus Kötzting hatte er bei der Wahl des CSU-Kandidaten in Furth im Wald zwei Gegenkandidaten. Die Vorzeichen standen nicht besonders gut, da er etwa in Kötzting oder Furth im Wald wenig bekannt war. Zum anderen hatte die Gebietsreform, die München durchgesetzt habe, Roding damals zwei wichtige Teile genommen: Bruck und Nittenau. Trotzdem konnte Girmindl letztlich die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen und wurde später zum Landrat gewählt.
Das Hauptziel nach seiner Amtsübernahme sei die Schaffung von Arbeitsplätzen gewesen. Mit Wirtschaftsförderung und Beratung habe man als einer der ersten Landkreise in Bayern vor allem heimische Unternehmer unterstützt. Auch das Innovations- und Gründerzentrum erwies sich als sehr gute Idee.
Ebenso kurbelte Girmindl mit seiner Mannschaft im Landratsamt („Ich hatte sehr gute und eifrige Mitarbeiter“) den Tourismus an, wovon unter anderem der Lamer Winkel stark profitierte. So stark, dass eine Gemeinde ihre ursprüngliche Entscheidung schnell rückgängig machte: „Lohberg hat erst alles in Bewegung gesetzt, um zum Landkreis Regen zu kommen und damit in Niederbayern zu bleiben“, erinnert sich der Altlandrat. Nur ein Jahr später sei aber dann der Bürgermeister zu ihm gekommen und bat um eine Rückkehr in den Landkreis Cham. „Wir haben die Bitte natürlich gerne erfüllt“, erzählt Girmindl, zumal Lohberg mit Osser und Arber touristische Highlights zu bieten habe.
Hervorragende Wahlergebnisse
Dass er seine Sache als Landrat gut machte, zeigen die Wahlergebnisse: Bei der ersten Wahl habe er 67 Prozent bekommen, bei der dritten 93. Der Landkreis sei zu einer Aufsteigerregion geworden, sagt Girmindl, ein Trend, der bis heute anhalte. Dies sei ein großer Verdienst seiner Nachfolger Theo Zellner und Franz Löffler, betont er, sie leisteten sehr gute Arbeit.
Aber natürlich lief auch in Girmindls Amtszeit nicht alles nach Wunsch, so etwa beim Ende vieler Krankenhäuser. Heute kaum noch vorstellbar: 1972 gab es im Landkreis Cham acht Krankenhäuser. Diese fuhren riesige Defizite ein, so dass an den Schließungen der kleinen Häuser in Falkenstein, Neukirchen b. Hl. Blut, Rötz, Waldmünchen und Furth im Wald schon damals kein Weg vorbei ging, berichtet der Altlandrat, auch wenn es alles andere als einfach gewesen sei, das den Menschen vor Ort zu erklären. Mit Glück und viel Vorausschau habe er für die meisten Häuser zumindest eine gute Nachnutzung finden können, sagt Girmindl. Am Ende seiner Amtszeit blieben drei Standorte übrig.
Krankenhaus-Ende tut weh
Dass am Ende nun auch Bad Kötzting und vor allem Roding geschlossen werden mussten und nur noch Cham übrigblieb, „tut mir in der Seele weh“, sagt der Altlandrat. Das Rodinger Haus habe er als Baustelle übernommen, für 19 Millionen Mark sei damals das schönste und modernste Krankenhaus weit und breit entstanden: „Wir waren damals unheimlich stolz darauf“, erzählt Girmindl – umso mehr habe ihm die Schließung getroffen. Er hoffe, dass das angedachte Konzept des Gesundheits-Campus funktioniere und es damit eine medizinische Nachnutzung gibt.
Generell sei die Entwicklung in Roding aber sehr positiv, betont er. Die größte Baustelle, die Generalsanierung und Attraktivierung des Freibads, bekommt er ohnehin quasi hautnah mit, da er gegenüber wohnt. „Die machen viel Lärm, aber es ist gut, dass sich dort etwas tut“, sagt er mit einem Schmunzeln.
Fit durch Spaziergänge
Persönlich könne er nicht klagen, erläutert der 93-Jährige, körperlich und vor allem geistig sei er noch fit. Sorgen macht ihm allerdings die Gesundheit seine Frau, die vor kurzem einen Krankenhaus-aufenthalt hatte. Fit hält sich der Altlandrat unter anderem mit Spaziergängen am Esper. Bis vor kurzem ist er auch noch regelmäßig geschwommen, das schaffe er jetzt aber nicht mehr.
Spaß hat er am Stammtisch des ehemaligen Landratsamtes Roding, der sich regelmäßig in der Stadthalle trifft, „da gehe ich meistens hin.“ Und auch bei den Rotariern in Cham, wo er schon seit langem Mitglied ist, ist er von Zeit zu Zeit bei den Treffen und Veranstaltungen mit dabei. „Ein bisschen rauszukommen tut mir gut“, berichtet er.
Aus dem Lebenslauf
In Hutthurm geboren: Ernst Girmindl kam in Hutthurm (Landkreis Passau) in Niederbayern als eines von vier Kindern zur Welt.
Schon mit sieben Jahren Vollwaise: Bereits mit sieben Jahren wurde er Vollwaise. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war, sein Vater dann, als er im Alter von sieben Jahren war.
In Deggendorf aufgewachsen: Aufgewachsen ist er dann in Deggendorf bei einer Schwester seiner Mutter.
Abitur abgelegt: Nach Volksschule und Oberrealschule machte er 1950 sein Abitur.
Zunächst Volontariat, dann Jura-Studium: Girmindl hat als Volontär bei der Lokalzeitung gearbeitet, sich aber dann für ein Jura-Studium entschieden. Gestartet ist er in München, dann wechselte er nach Erlangen.
Heirat noch als Referendar: Im Wohnheim lernte er seine spätere Frau Irmgard, die Lehrerin in Erlangen war, kennen, und heiratete sie noch als Referendar.
Als Assessor 1957 ans Rodinger Landratsamt: Im Jahr 1957 kam er als Assessor zum ehemaligen Landratsamt Roding. Ein Studienkollege, der für die SPD Karriere machte, animierte Girmindl, sich um ein politisches Amt zu bewerben.
Erster Landrat des Groß-landkreises Cham: Girmindl wurde 1967 zunächst zum Landrat des Landkreises Roding gewählt. 1972, als aus vier Landkreisen durch die Gebietsreform ein einziger gemacht wurde, wurde er für die CSU ins Amt des Landrats gewählt, das er bis zum Jahr 1996 innehatte.
Viele Auszeichnungen und Ehrentitel: Für sein Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Ehrentitel Altlandrat.
