Chamer Landrat in unruhigen Zeiten: Franz Löfflers Konzepte für Klima, Krieg und Krise

Von Johannes Schiedermeier · 30. Dezember 2023 um 19:00

Es sind unruhige Zeiten. Im Bund, im Land, im Bezirk und an der Basis – im Landkreis. Die Herausforderungen sind nicht nur zahlenmäßig und im Umfang groß, sie sind auch in einem nie gekannten Maße unberechenbar. Im Interview blickt Landrat Franz Löffler auf 2023 zurück und spricht über Projekte und Strategien für 2024 sowie paar ganz persönliche Dinge.

Herr Landrat, worin unterscheidet sich das Jahr 2023 für Sie von den Jahren zuvor im Amt?

Löffler: Die Stimmung war geprägt vom Krieg in Europa und im Nahen Osten und alles ist extrem teurer geworden. Das hat die Stimmung bei den Menschen getrübt und Sorgen um den Wohlstand ausgelöst, und darum, wie der Staat damit zurechtkommen wird. Jedes Jahr hatte bisher seine eigenen Herausforderungen.

Zeit ist in Sachen Klimawandel etwas, das wir nicht haben. Wie lange wird es dauern, bis der Landkreis tatsächlich in bedeutendem Umfang regenerative Energien vor seiner eigenen Haustüre einspeisen kann?

Das Kommunalunternehmen Regionalwerke ist am 20. Dezember beim Notar gegründet worden. Mit der Gründung haben wir die Grundlage geschaffen, um selbst Energie vor Ort zu fördern. Die ersten Freiflächenanlagen können möglicherweise schon 2025 ans Netz. Bei der Windkraft wird es etwas länger dauern. Da kann mehr dazwischenkommen, auch einmal ein seltener Vogel… Und wir brauchen ein sinnvolles Gesamtkonzept mit machbaren Einspeisepunkten.

Skeptiker kritisieren, dass der Landkreis sich mit seiner Offensive bei den regenerativen Energien nun auch noch die Energieversorgung unter den Nagel reißt. Was antworten Sie denen?

Der Landkreis wird sich mit den Kommunen dadurch keine neue Geldquelle erschließen. Wir wollen die Region mit regionaler Energie zu einem guten Preis versorgen. Das ist das Ziel. Das sieht nicht jeder positiv. Aber jeder kann sich daran beteiligen. Wäre das Modell anders, wäre die Energie teurer, weil sie nach Marktgesichtspunkten verteilt würde. Die von uns angepeilte Schwarze Null berücksichtigt aber schon die Rendite der Beteiligten. Der Eigentümer muss eine Pacht bekommen und die Investoren ihre Zinsen für die Einlagen. Investoren würden den Strom aber anschließend noch teuer verkaufen, um möglichst viel Gewinn zu machen. Diese Dividende bleibt in der Region. Der Landkreis darf Energie erzeugen und weitergeben. Und was die Kritik mancher Privater angeht: Wer seinen Grund verpachtet, erzielt ein Vielfaches des normalen Pachtpreises. Und die Allgemeinheit gibt den Außenbereich auf. Alle müssen die Photovoltaik und die Windkraft im Bayerwald anschauen. Deswegen ist es auch gerecht, alle zu beteiligen.

Wieso hat der Landkreis die Klima-Offensive so spät begonnen? Reicht es aus, was wir tun gegen Flächenfraß, für Biodiversität und gegen Überdüngung und Verunreinigung?

Ich bin seit 2010 Landrat. Seitdem hat sich einiges getan und wir haben viel auf den Weg gebracht. Wir haben Blühsamen abgegeben für 60 Hektar Fläche in heimischen Gärten. Weitere 20 Hektar haben wir an eigenen Flächen bepflanzt. Das Hausbaum-Programm bringt 500 Obstbäume pro Jahr in die Gärten und wir haben Uferstreifen aufgekauft. Die Dächer der Landkreis-Gebäude werden mit Photovoltaik bebaut und wir schließen an Fernwärme an.

Vorsicht beim Wasser

Die Abgeordneten der CDU und CSU haben im Europaparlament den Gebrauch von Glyphosat für das nächste Jahrzehnt durchgewunken und sogar die Einschränkungen gestrichen. Was macht das mit einem Landrat an der Basis?

Man darf die Wichtigkeit der Lebensmittelproduktion nicht unterschätzen. Die steigende Trockenheit wird da immer mehr zum Problem. Der Ukrainekrieg zeigt, dass wir unser Getreide wieder selber anbauen müssen. Die Anbaumethoden habe sich sehr weiterentwickelt und ich gehe davon aus, dass der minimale Einsatz von Glyphosat eine Folge sein wird. Es hat sich halt auch gezeigt, dass nicht alle den Mehrpreis einer Bioproduktion tragen können oder wollen.

Um ein Thema ist es an der Oberfläche ganz still: Grundwasser. Was tut der Landkreis, um seine Ressourcen in Zeiten zunehmender Trockenheit und Verschmutzung zu schützen? Ist das Wasser zu billig?

Mit dem Preis für das Wasser muss man vorsichtig sein. Das muss sich jeder leisten können. Und es ist halt nicht leistbar, den Verbrauch zu splitten in Trinkwasser und Poolwasser. 1000 Liter für zwei Euro. Da kann man für 20 Euro einen Pool füllen. Da hilft es nur, die Leute zu sensibilisieren, sparsam umzugehen und nicht den Rasen zu sprengen. Wir verlangen die Gebühren nach dem Aufwand, den wir haben. Es kostet, was es kostet.

Hitze, Sturm, Hagelschlag, Stromausfall… Wie sehr sind wir da alleingelassen? Wie schützt sich der Landkreis?

Alleine können wir das nicht, das wäre vermessen. Auch wenn wir über schlagkräftige Katastrophen-Einsatzkräfte verfügen, was im ersten Moment eine sehr gute Reaktion ermöglicht. Aber z.B. einen langanhaltenden Stromausfall kann ein Landkreis nicht allein überstehen. Wir können eine Weile überlebenswichtige Strukturen wie Kliniken versorgen, dann muss das Land funktionieren. Wir haben bisher sogar in anderen Regionen geholfen, wenn dort landunter war. Aber es gibt schon Grenzen.

Der Staat hat eine Reihe von Vorgaben gemacht und fordert von den Kommunen eine Wärmeplanung bis Ende Juni 2028. Viele fühlen sich überfordert, wie sie Netze planen sollen, für die sie keinen Anbieter und keine Energiequelle haben. Welche Rolle spielt der Landkreis dabei?

Die kommunale Wärmeplanung macht schon Sinn, weil sich jeder Gedanken machen muss, wo sein Wärmenetz verlaufen soll. Es muss aber Verlässlichkeit geben, damit ein Privatinvestor auch wirklich einsteigen kann. Das kann er aber nicht, wenn er erst Rohre verlegen soll und dann erfährt, ob überhaupt jemand an dieses Netz anschließt. Auch wenn es zu einem kommunalen Wärmenetz kommt, muss eine wirtschaftliche Nutzung sichergestellt sein. Wer macht das? Wer bezahlt dafür? Das muss nachvollziehbar geregelt sein. Die Landkreise haben da bisher keine Aufgabe zugewiesen bekommen. Wir reißen uns da momentan auch nicht darum, weil wir genug auf den Schultern haben. Trotzdem werden wir uns nicht raushalten, wenn wir gefragt werden. Es gibt da auch gute Chancen. Wenn ein Netz da ist, kann man das später recht problemlos auch für andere Wärmequellen nutzen, etwa Wasserstoff.

Unsicherheit bei Förderung

Ukrainekrieg, Milliardenloch, Klimakrise… Wie gehen Sie ganz persönlich mit diesen Hiobsbotschaften um? Keine Nachrichten mehr schauen?

Die Nachrichten muss ich schon schauen. Ich soll ja täglich informiert sein. Man muss diese Dinge nur für sich selbst einordnen, weil man mit Überreaktionen nichts rettet. Ich frage mich dann: Was ist nachhaltig? Wie kann ich regional auf dieses Problem reagieren? Vieles, was auf der Welt passiert, hat unmittelbare Auswirkungen auf uns. Der Ukrainekrieg hat viele Flüchtlinge gebracht und der Krieg im Nahen Osten einen neuen Antisemitismus.

Nach den Einsparvorschlägen der Regierung für das Milliardenloch im Bundeshaushalt: In welchen Bereichen kann der Landkreis absehen, dass er davon betroffen sein wird und welche Reaktionen sind notwendig?

Aktuell fehlt beim Breitbandausbau noch der Förderbescheid für den Ausbau in den sogenannten dunkelgrauen Gebieten, also für die Haushalte, die zwar schon mit über 100 Megabit im Internet surfen können, aber eben noch keine Glasfaser im Haus haben. Für die Sanierung von Robert-Schuman-Gymnasium und Landratsamt haben wir KfW-Fördermittel beantragt und die Bewilligungsbescheide bereits erhalten. Die Zuwendungen werden jedoch erst nach Fertigstellung ausbezahlt. Unsicherheiten können wir da nicht gebrauchen. Dabei geht es um viel Geld: im Fall des Robert-Schuman-Gymnasiums um vier Millionen, für das Landratsamt um 1,4 Millionen Euro.

Gibt es in diesen Zeiten auch gute Nachrichten für die Bürger?

Unser Landkreis ist trotz der herausfordernden Zeiten widerstandsfähiger geworden. Wir habe eine steile Entwicklung hinter uns und sind auch in schwierigen Zeiten breit aufgestellt. Wir sind ein Stück unverzichtbarer geworden. Das hat man an den Lieferketten gemerkt, als die Grenzen während der Pandemie geschlossen wurden. Wir sind nicht mehr nur verlängerte Werkbank, wir werden dringend gebraucht. Im Vergleich der Einkommensverhältnisse stehen wir in Deutschland immer noch im unteren Drittel. Nimmt man aber die Kaufkraft als Kriterium hinzu, dann stehen wir auf Platz 60 von rund 400 und in der Oberpfalz auf Platz 2.

Wenn man Sie beobachtet, dann hat man vor allem einen Eindruck: Ständig unterwegs! Haben Sie auch mal genug?

Ich bin engagiert und interessiert unterwegs. Damit kann ich gut umgehen, weil es mir keine Last ist, sondern Freude macht. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich gerne Rad fahre oder wandern gehe.

Wie viele Tage Urlaub hatten Sie 2023?

Der Landrat blickt fragend zu seiner Stellvertreterin im Amt, Patricia Stoiber: 18? – 18, glaub ich.

So richtig komplett raus aus dem Amt?

Ab und zu komme ich schon rein. Das lässt sich nicht vermeiden. Komplett vom Netz bin ich nicht. Stellvertreterin Patricia Stoiber assistiert: Man hat ja immer noch die Mails, die den Landrat auch im Urlaub erreichen, und manche Dinge sind halt Chefsache. Und Chefsachen nehmen keinen Urlaub.

Was wünscht sich ein Chamer Landrat zu Weihnachten?

Frieden und Freiheit für die Menschen. Es ist so schlimm derzeit im Nahen Osten und in der Ukraine. Da weiß man wieder zu schätzen, was wir hier haben.