Chamer Künstler schnuppert Höhenluft: Patrik Graf freut sich nach erster Einzelausstellung auf mehr

Tausende Touristen wollen jährlich den Rhonegletscher in der Schweiz sehen. Unter den Besuchern ist auch Patrik Graf. Er lebte Jahre lang in Cham arbeitet am Gletscher an Werken für seine erste Kunstausstellung, die bis zum 6. Oktober in München zu sehen war und eventuell in Berlin fortgesetzt wird.
Die schmelzende Eiszunge lockt Besucher an, wie Zuckerwasser Bienen. Sie posieren vor dem sterbenden Gletscher. Das Ziel: ein perfektes Bild für die sozialen Netzwerke oder die private Fotosammlung. Im Hintergrund – natürlich der Gletscher.
Lesen Sie mehr: Filmperlen von heiter bis wolkig: Lichtblicke für die dunkle Zeit im Kino in Cham
Unter den Besuchern ist auch Patrik Graf. Der 38-Jährige ist so fasziniert vom, wie er es nennt „Weltuntergangstourismus“, dass sich die erste Einzelausstellung des Künstlers um dieses Thema dreht.
Als Kind von Kunst fasziniert
Patrik Graf ist in München geboren. Seine Familie zog, als Graf sechs Jahre alt war nach Cham, wo er Jahre lang lebte. Bezug zur Kunst hatte er schon von klein auf. „Ich bin mit Ölbildern meiner Vorfahren aufgewachsen“, sagt Graf.
Der Hang seiner Familie zu Ölgemälden sind nicht die einzigen künstlerischen Einflüsse aus Grafs Kindheit. „Mein Vater hatte immer einen Zeichenblock dabei und im Familienurlaub haben wir mal die Biennale besucht“, sagt der 38-Jährige. Die Biennale in Venedig gilt als eine der ältesten internationalen Kunstausstellungen. Bis zum 24. November wird dieses Jahr die 60. Ausgabe präsentiert. Insgesamt gibt es 87 verschiedene nationale Pavillons. Die Besucherklientel wird von Kunstliebhabern dominiert. Sie verbringen aufgrund der Größe meist mindestens einen ganzen Tag auf der Biennale und zahlen Minimum 30 Euro für das Tagesticket.
Patrik Grafs Ausstellung ist anders. Anstatt in pompöse, historische Gebäude begibt man sich in eine Münchner U-Bahnstation. „Ich finde es wichtig, Zugänglichkeit zur Kunst zu schaffen“, sagt er. Dort, in der „AkademieGalerie“ der Akademie der Bildenden Künste München, werfen sowohl Kunstliebhaber als auch normale Passanten Blicke auf seine Werke.
An der Hochschule studiert Graf seit etwa sieben Jahren. Er hat schon eine abgeschlossene Ausbildung zum Schreinermeister und ein Studium zum Innenarchitekten in der Tasche und könnte problemlos einen bürgerlichen Beruf, mit geregelten Arbeitszeiten und festem Einkommen ausüben. Doch das will Graf nicht. Er geht lieber seiner großen Leidenschaft nach.
Jury gibt Graf den Zuschlag für Ausstellung in München
Um den zweiwöchigen Ausstellungsplatz zu bekommen, durchlief der Künstler ein Bewerbungsverfahren und bekam den Slot von einer Jury zugesprochen. „Harvest now, decrypt later“ auf Deutsch „jetzt sammeln, später entschlüsseln“, ist eine Kombination aus zwei verschiedenen Welten. Graf will Schnittstellen zwischen Natur, Mensch und Technologie untersuchen.
Genau dafür war er am Rhonegletscher. Was er von dort mitgebracht hat, hing bis zum 6.Oktober in der Münchner „Akademie Galerie“ und könnte bald auch in Berlin zu sehen sein. Es sind große Vliesstoffe. Stoffe, die auch auf dem Gletscher zu sehen sind. Der einzige Unterschied: Graf verwendet eine umweltfreundliche Variante. Die Vliesstoffe decken den Gletscher ab, damit er langsamer schmilzt.
„Es wirkt verzweifelt“, sagt Graf. „Der Rhonegletscher wird bedeckt, um möglichst lange Geld damit zu verdienen.“ Der Eintritt in die Gletschergrotte mit ihren spektakulären Wänden aus Eis kostet derzeit neun Schweizer Franken.
Werke aus Gletscherwasser
Auf die Vliesstoffe hat Graf mit Cyanotypie, ein Edeldruckverfahren aus dem Jahr 1842, Bilder vom Gletscher gedruckt. Das dafür benötigte Wasser war Schmelzwasser und Graf entwickelte die Abbildungen statt mit künstlichem mit dem natürlichen Sonnenlicht vor Ort. Wenn Graf über das Verfahren redet, lässt er kein Detail aus. Man merkt ihm seine Begeisterung an.
Durch den Verzicht auf künstliches Licht können beispielsweise Wolken das Ergebnis beeinflussen. „Ich will diesem Kontrollverlust Spielraum geben“, sagt der freiberufliche Fotograf.
Das Verfahren ist schwierig, aufwendig und dauert lange. „Diese alte Methode steht symbolisch für den alten Gletscher“, erklärt Graf.
Doch auch der Gegenpol hängt in der Ausstellung. Es ist ein Smartphone, das die neuesten Bilder zeigt, die Touristen über das soziale Medium Instagram hochladen.
Bergmensch und Gleitschirmflieger
Für seine Kunst findet Graf in der Natur und vor allem in den Bergen Inspiration. „Ich war als Kind oft über Wochen in der Schweiz und mit meinem Großvater in den Bergen. Daher kommt, denke ich, das alpine Interesse.“ Er wandert gerne mit seiner Partnerin und fliegt Gleitschirm. „Wenn ich den Berg besteige und dann runterfliege, können die Gedanken richtig reifen“, erklärt der Bayer.
Auch wenn er mittlerweile nicht mehr hier lebt, verbindet Graf viel mit Cham und dem Bayerwald. In der fünften Klasse traf er, am Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasium, auf seinen Kunstlehrer Toni Scheubeck. Für Graf ein Vorbild. Der Arnschwanger betreibt als Bildhauer und Zeichner ein Atelier und gewann 2017 den bayerischen Kulturpreis.
Große Teile seiner Ausbildung zum Schreinermeister verbrachte Graf in Roding und auch seine Aufträge als freiberuflicher Fotograf, mit denen er sich das Studium finanziert führen ihn ab und zu in den Bayerwald.
Graf möchte auch in der Zukunft sein Geld mit der Kunst verdienen können. Eines der größeren Werke seiner aktuellen Ausstellung kostet derzeit 1500 Euro. Verglichen mit größeren Künstlern ein überschaubarer Preis. Überhaupt erst Geld mit der Kunst zu verdienen sei nicht leicht. Dennoch macht sich Patrik Graf wenig Gedanken darüber. Laut Graf könne man immer Wege finden, seine Passion auszuüben.
