Nazi-Morde: Erstmals wird in Regensburg ein Stolperstein für einen „175er“ verlegt

Von Christian Eckl · 29. August 2024 um 11:50

In der Obermünsterstraße gedenkt die Initiative erstmals in Regensburg einem homosexuellen Nazi-Opfer. Max Tröster wurde verhaftet, weil er Männer liebte. Er brachte sich in der Augustenburg um. Eine Sprecherin der Initiative und der Pate des Gedenksteins sagen, wieso das Andenken an diese Opfergruppe derzeit besonders wichtig ist.

Sie sind eine Opfergruppe, die zweimal „bestraft“ wurde: Homosexuelle Männer – Lesben gab es in der kruden Weltsicht der Nazis nicht –, die zu Tausenden in die Gefängnisse und Konzentrationslager des Dritten Reichs gesteckt wurden. Nach dem Krieg galt nämlich weiterhin der berüchtigte Paragraph 175, der „Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe stellte. Die, die überlebten, wurden in der Adenauer-Republik oft nochmals bestraft – für ihre Liebe. Jetzt wird erstmals für ein solches Opfer ein Stolperstein verlegt: 90 Jahre nachdem die Nazis in Razzien Homosexuelle in Regensburg, Bayern und im ganzen Dritten Reich verhaftet hatten, gedenkt die Initiative Stolperstein Max Tröster. Er wurde am 6. August 1940 von der Gestapo in die Regensburger Augustenburg gebracht, wo er sich zwei Tage später das Leben nahm.

Die Verlegung des Gedenksteins geschieht auch zu einem denkwürdigen Jahrestag. Denn 1934 hatten die Nazis die Verfolgung homosexueller Männer ausgeweitet. Hintergrund war zunächst die „Nacht der langen Messer“, der sogenannte Röhm-Putsch. Der SA-Stabschef Ernst Röhm war bekanntermaßen homosexuell. Lange hatte dies keine Rolle gespielt, doch Röhm war Diktator und NSDAP-Chef Adolf Hitler zu mächtig geworden. In der Nacht vom 20. auf 21. Oktober kam es in ganz Bayern, vor allem aber in München, zu Razzien.

Susanne Feichtmayer-Arnold ist Sprecherin der Initiative Stolperstein Regensburg. „Bemerkenswert ist, dass man damals feststellte, dass vor allem Männer aus der Arbeiterklasse verhaftet wurden.“ Das habe den Nazis aber nicht ins Konzept gepasst, denn der schwule Mann war in der NS-Ideologie eher aus dem Intellektuellen-Milieu. „In der NS-Ideologie wurde Homosexualität deshalb verfolgt, weil sich diese Männer aus der Nazi-Perspektive einer Vermehrung des sogenannten Volkskörpers verweigerten“, sagt Feichtmayer-Arnold. Heute unvorstellbar – damals aber eine gängige Vorstellung.

Kruder Volkskörper-Glaube

Etwa 6000 bis 10000 Homosexuelle wurden in den Konzentrationslagern des Reiches entweder zu Tode geschunden oder aber vergast. Sie trugen den sogenannten Rosa Winkel, so wie politische Gefangene einen roten Winkel tragen mussten und Juden einen gelben Stern. Kombinationen gab es in den KZ ebenfalls: Etwa wenn ein Jude auch homosexuell war. Viele dieser Opfergruppen sind bis heute mit einem Stigma belegt: etwa die sogenannten Asozialen, die von den Nazis ebenso verfolgt wurden. Darunter fielen beispielsweise Obdachlose oder Menschen, die bettelten. Bettelei konnte also zum Todesurteil werden. Bis 1974 stand Betteln unter Strafe, heute ist das Gott sei Dank kein Straftatbestand mehr. Homosexualität blieb auch nach dem Ende der NS-Diktatur strafbar: Bis 1994 nämlich, allerdings in abgewandelter Form, gab es einen separaten Paragrafen für Männer, die Männer lieben.

Dass der Paragraf so lange existierte, hat auch mit einer heute sehr hoch angesehenen Instanz zu tun: dem Bundesverfassungsgericht. Das urteilte noch 1957, dass die Bestrafung von homosexuellen Männern kein Verstoß gegen das Grundrecht auf freie Persönlichkeitsentfaltung ist, „da homosexuelle Betätigung gegen das Sittengesetz verstößt und nicht eindeutig festgestellt werden kann, daß jedes öffentliche Interesse an ihrer Bestrafung fehlt“.

Viele Betroffene führen ein Doppelleben

Auch dass der Paragraf vor 30Jahren abgeschafft wurde, ist ein guter Zeitpunkt, um einem homosexuellen Opfer zu gedenken, findet Feichtmayer-Arnold. In der Vergangenheit scheiterte das auch an Angehörigen. „Wir hatten einmal einen Fall, da wollten das die Nachkommen nicht.“ Die noch lebende Schwiegertochter sagte der Initiative, der Betroffene habe doch Kinder und eine Ehefrau gehabt, er sei also „gar nicht wirklich homosexuell“ – dabei führten viele Betroffene natürlich ein Doppelleben.

Das geht auch aus einer Recherche hervor über Männer, die wegen des Paragrafen 175 in der NS-Zeit verhaftet wurden. Beispielsweise wurde einem damals 24-Jährigen ein Treffen mit einem 20-Jährigen im Brandlbräu in der Ostengasse zum Verhängnis. Die beiden hatten sich zu innig umarmt und waren gemeinsam auf die Toilette der Gaststätte gegangen – eine Bedienung denunzierte sie. Sie wurden zu vier Monaten Haft verurteilt, sagten während des Prozesses aber wie die meisten Männer damals aus, gar nicht schwul zu sein.

Anders ein älterer Regensburger, der im Münchner Hof verkehrte und mehr oder weniger offen zu seiner Homosexualität stand. Dennoch war er natürlich erpressbar, weil jede solche Handlung eine Straftat war. Damals war der Neupfarrplatz ein Treffpunkt für Homosexuelle. Dort hatte er einen jungen 21-Jährigen kennengelernt, der ihn zu erpressen versuchte. Das bekam ebenfalls eine Bedienung mit und informierte die Polizei. Die lauerte den beiden auf. Das Treffen auf dem Neupfarrplatz endete in Haft.

Oftmals endeten Haftstrafen anschließend Konzentrationslagern

Ein weiteres Urteil aus der Zeit: ein 36-jähriger Sparkassen-Mitarbeiter, der sich Gleichgesinnte am damaligen Treffpunkt am Bahnhofsareal vor dem sogenannten Keplerbau oder in den Kammerspielen in der Maxstraße suchte. Frau und Kind schützten ihn nicht vor einer Verurteilung zum Zuchthaus. Oftmals endeten diese Haftstrafen anschließend in den Konzentrationslagern.

Einen Gedenkort für diese Opfer gibt es bislang nicht. Möglicherweise, so sagt Feichtmayer-Arnold, könnte der Stolperstein für Max Tröster ein solcher werden.

Der bei seinem Tod 43-jährige Homosexuelle arbeitete als Postinspektor. Sein Stein wird deutlich machen, dass es auch aus dieser Minderheit Opfer gab in Regensburg.

Der Pate des Steins, der im Oktober verlegt wird, ist der Regensburger SPD-Stadtrat und LGBTQ-Aktivist Alexander Irmisch. „Ich freue mich sehr, dass wir mit dem Stolperstein für Max Tröster zum ersten Mal in Regensburg an ein Opfer der NS-Diktatur erinnern, das aufgrund seiner Homosexualität verfolgt wurde“, sagt der SPD-Stadtrat. Da Angehörige dieser Personengruppe nach dem Ende der NS-Diktatur aus Scham und Angst vor Stigmatisierung über die Homosexualität ihrer Angehörigen lieber schwiegen, ist ein Gedenken an diese Opfergruppe bis heute schwierig so Irmisch.

„Ich denke, dass es gerade in diesen Zeiten sehr wichtig ist, Menschen, die aufgrund des Paragrafen 175 Reichsstrafgesetzbuch wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden, ihre Würde zurückzugeben und an sie zu erinnern.“

Der sogenannte Keplerbau war während der NS-Zeit ein Treffpunkt für Homosexuelle. Foto: Lang/Stadt Regensburg
Stolpersteine erinnern an die NS-Morde. Foto: Daniel Steffen