Von den Nazis verfolgt und ermordet: Die Geschichte des Regensburgers Max Handl

Der Hilfsarbeiter Max Handl kam erst nach Dachau, dann nach Mauthausen. Dort starb er im KZ. Das ist seine Geschichte.
Die Hölle begann in Dachau. Vor 90 Jahren eröffneten die Nazis als eines der ersten Lager dieses: Dachau stand für das neue Regime, für die Brutalität und Härte. Auch Regensburger kamen 1933 nach Dachau: Der SPD-Politiker und spätere MZ-Gründer Karl Esser beispielsweise war vom 3. Juli 1933 bis zum 19. März 1934 im Konzentrationslager Dachau. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 inhaftierten ihn die Nazis erneut für mehrere Wochen. 150 Akten von Einzelpersonen aus dem Bezirksamt Regensburg, die in sogenannte „Schutzhaft“ verbracht wurden, liegen noch im Staatsarchiv Amberg.
Dass es aber auch Menschen traf, die keinen politischen Hintergrund hatte, belegt die Geschichte von Max Handl. Geboren wurde er 1904 in Strahlfeld in der Oberpfalz. Gestorben ist Handl am 29. Dezember 1939 im Konzentrationslager Mauthausen. Die Liste der Kremierungen führt ihn als Einäscherung 1509.
1939 nach Mauthausen übergestellt
Handl hatte mit seiner Frau Therese acht Kinder und lebte mit ihr in Altenthann im Landkreis Regensburg. Erhalten ist der Einlieferungsschein in Dachau, der einen Stempel des Marktes Donaustauf trägt. Am 23. April 1935 wurde er ins KZ gebracht, drei Monate sogenannte „Schutzhaft“ sollte er dort verbringen.
Doch dabei sollte es nicht bleiben. Am 20. Mai 1939 wurde er erneut verhaftet und zunächst ins Gerichtsgefängnis nach Regensburg gebracht, wie ein Auszug des Gefangenenbuches belegt. Von dort aus kam er am 17. Juni 1939 zunächst wieder nach Dachau. Am 27. September 1939 wurde er ins Konzentrationslager nach Mauthausen überstellt, wo er wenige Monate später starb.
Als Asozialer eingestuft
Die zweite Inhaftierung, die ohne Gerichtsurteil erfolgte, wurde auf der Grundlage eines menschenverachtenden „Gesetzes“ angeordnet: Dem „Arbeitszwangsgesetz“. Handl wurde als sogenannter „Asozialer“ eingestuft. Bereits im Juni 1938 führten die Kriminalpolizeien die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ durch. Etwa 10.000 vom Regime als „asozial“ eingestufte Personen wurden in Konzentrationslager verschleppt.
Der wahre Grund für die zweifache Internierung Handels wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Die Archive wurden säuberlich gereinigt von Spuren. So finden sich weder in Donaustauf, noch in Tegernheim noch Unterlagen, die Rückschlüsse auf die „Schutzhaft“ Handls und seine Deportation nach Dachau ziehen lassen. Auch im Staatsarchiv in Amberg sind keine Unterlagen über ihn verzeichnet. Die Akten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), die am Regensburger Minoritenweg ansässig war, sind ebenfalls nicht mehr vorhanden. So bleibt also völlig ungeklärt, ob das, was in der Familie erzählt wurde, sich tatsächlich so zugetragen hat. Handl soll im Wirtshaus von Altenthann lautstark gesagt haben: „Der Hitler ist ein Arschloch.“ Das soll sein Schicksal besiegelt haben.
Aufenthalte sehr gut dokumentiert
Während es keine Unterlagen zur Verhaftung und vor der Internierung in Dachau und Mauthausen über Handls Schicksal gibt, sind die Aufenthalte in den KZs Dachau und Mauthausen sehr gut dokumentiert. Der damalige Bürgermeister von Altenthann hatte sich, wohl damit der Tod Handls im Standesamt festgehalten werden konnte, beim Internationalen Roten Kreuz nach dem Verbleib des Gemeindebürgers erkundigt. Das Rote Kreuz führte in der Antwort auf, welche Dokumente es noch gibt – bis heute.
Zweimal taucht Handls Name in den Zugangsbüchern des KZs Dachau auf. Auch in der Transportliste des KZs ist er verzeichnet. Im Totenbuch von Mauthausen wird sein Name ebenso erwähnt wie in der besagten Einäscherungsliste des Krematoriums Steyr. Das Krematorium wurde zwischen 1939 und 1941 zur Einäscherung von Häftlingen und Zwangsarbeitern des KZs Mauthausen sowie des KZs Gusen benutzt. „Auf der Schreibstubenkarte“ sei in Kurzschrift folgender Satz vermerkt, schrieben die Mitarbeiter des Roten Kreuzes an den Altenthanner Bürgermeister: „In Strafblock 23.6.39.“ In der Zugangsliste sei zudem vermerkt: „Verwahrdauer drei Monate. Sterbeurkunde wird nachgereicht.“ Die Todesursachen, die auf der Kremierungsliste aus Mauthausen verzeichnet waren, klingen wie Hohn: Handl starb an Herzmuskelschwäche – mit 35 Jahren.
„Arbeitsscheue“, „Bibelforscher“ und „175er“
Ein weiteres Dokument zeigt, wen die Nazis damals inhaftierten. Aus der Transportliste des KZs Dachau ergibt sich, dass am 27. September 1939 zusammen mit Handl 1600 Menschen ins KZ Mauthausen deportiert wurden. Unter ihnen waren 440 sogenannte „Arbeitsscheue“, 139 sogenannte „Bibelforscher“ (das waren Zeugen Jehovas) sowie 47 sogenannte „175er“, also homosexuelle Männer. Ein weiterer „175er“ war Jude und wurde separat erfasst. Auch ein „Rassenschänder“ war unter den Deportierten.
„Angesichts der immer näher rückenden alliierten Truppen begann die SS im April 1945, Spuren ihrer Verbrechen zu vernichten“, heißt es heute auf der Seite der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. „Sie ließ bauliche Einrichtungen für Massentötungen demontieren, ließ belastende Schriftzeugnisse verbrennen und ermordete KZ-Häftlinge, die aufgrund ihrer direkten Zeugenschaft am systematischen Massenmord vor Gericht gegen die Täter hätten aussagen können.“ Am 3. Mai 1945 flohen die letzten SS-Angehörigen aus den Lagern Mauthausen und Gusen. Die Amerikaner befreiten das KZ und erstellten Listen von Menschen, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. Auf einer dieser Listen ist auch Handls Name verzeichnet.
Heute gibt es in Mauthausen einen „Raum der Namen“. Auch Handl hat einen Platz darin, ebenso wie über 81.000 mit ihm ermordete Menschen. Dieser Ort soll das Ausmaß des Massenmordes an Menschen aus über 40 Ländern dokumentieren.
Opfer und Täter Tür an Tür
Handls Tochter Maria heiratete nach dem Krieg übrigens den Neffen des ebenfalls von Nazis ermordeten Michael Lottner. Über den Krieg und die Geschehnisse während des Dritten Reichs sprachen beide selten. Wer wollte schon sagen, dass der Vater als „Asozial“ im KZ starb? Und der Onkel sich gegen die Obrigkeit in den letzten Kriegstagen wehrte und erschossen wurde? Lange Jahre galt, dass Opfer und Täter, aber auch ihre Nachkommen Tür an Tür wohnten in Regensburg. Also blieben von Max Handl, bis auf einige wenige Fotografien, noch die Akten aus Dachau und Mauthausen. Dort wurde er zur Nummer. Doch er war ein Mensch.


