Nazi-Zeit: Von Ermordeten blieben nur Uhren, Ringe und Fotos zurück

Die Ausstellung #StolenMemory macht Station in Regensburg. Angehörige von NS-Opfern berichten darüber, wie es war, Gegenstände ihrer ermordeten Eltern und Großeltern wiederzubekommen.
Die Erinnerungen lebendig zu halten: Das ist das oberste Ziel eines Archivs, das sich mit der Schreckensherrschaft von Diktaturen befasst. Die Arolsen Archives haben in der weltweiten NS-Forschung – neben der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem – eine herausragende Stellung. Sie archivieren die Erinnerungen an Menschen, die ihr Leben verloren haben durch die NS-Diktatur.
Jetzt wird dieses Erinnern in Regensburg sichtbar – am Haidplatz wurde am Freitagnachmittag die Wanderausstellung #StolenMemory eröffnet. Zu sehen sind Uhren, Eheringe, Füller und Fotos der Angehörigen, die wenigen Dinge also, die Deportierte mitnehmen konnten. Heute lagern noch wenige tausend solcher „Effekte“, wie diese Gegenstände genannt werden, in dem Archiv.
#StolenMemory in Regensburg: Durch Zufall ins Archiv
„Die Gegenstände kamen durch einen Zufall der Geschichte zu uns“, sagt Kerstin Hofmann vom Arolsen Archives. Hauptsächlich sind es Gegenstände aus dem Konzentrationslager Neuengamme im Norden Deutschlands. Denn dort sollte ein SS-Mann die geraubten Gegenstände beseitigen. Er brachte sie in einen Gasthof, wo er sie in der Kegelbahn ablegte. Britische Soldaten beschlagnahmten die Dinge.
Nach dem Krieg war der Suchdienst des Roten Kreuzes für die Gegenstände zuständig, bis sie dem Archiv übereignet wurden. „Wir haben seit Beginn der Kampagne im Jahr 2016 schon 680 Familien ausfindig gemacht, denen wir die Effekte übergeben haben“, erzählt Hofmann. „Ein Mann bekam den Abschiedsbrief, den sein Vater geschrieben hat.“
Für den Angehörigen eines NS-Opfers war es bedeutend, „zu sehen, dass sich sein Vater noch verabschiedet hat von der Familie“, sagte Hofmann.
In dem Container, der nun am Haidplatz steht, werden beispielhaft die Umschläge und ihr Inhalt von ermordeten Menschen gezeigt. „Als man den Menschen die Gegenstände abnahm, nahm man ihnen auch den Namen. Sie wurden zu Nummern“, sagt die Vertreterin der Arolsen Archives. Der Suchdienst des Roten Kreuzes ordnete den Gegenständen wieder die Namen ihrer Besitzer zu. „Vielleicht haben wir Glück und wir finden auch über diese Ausstellung in Regensburg Angehörige und können die Effekte zurückgeben“, sagt Hofmann.
Bildungsreferentin Sabine Kellner-Mayrhofer wies bei der Eröffnung der Ausstellung darauf hin, dass vor allem Schulklassen sich über das NS-System und ihre Opfer informieren könnten. „Manche Schüler haben vielleicht keine Großeltern mehr, die ihnen von diesen Dingen erzählen könnten“, sagte die Bildungsreferentin. „Die Information der Erinnerungs- und Gedenkkultur sind gerade für Jüngere sehr wichtig“, so Kellner-Mayrhofer.
„Heute blieben vielleicht Handys zurück“
„Heute wären es vielleicht Handys oder Smartwatches, die man den Menschen abnehmen würde. Damals waren es vor allem Uhren und auch Eheringe, in denen Widmungen eingraviert waren“, sagt Hofmann von den Arolsen Archives.
Die Suche nach den Angehörigen, um die Gegenstände den Erben der rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, hört nicht auf – und doch ist die Ausstellung aber noch viel mehr als eine Suchaktion.
Aufklären über NS-Unrecht
„Das Wissen der Menschen zum Beispiel über das Lagersystem ist nicht sehr tief“, sagt Hofmann. „Viele kennen beispielsweise die Unterschiede nicht zwischen Konzentrations- und Vernichtungslager.“ Die in Unterarme tätowierten Nummern gab es beispielsweise nur in Auschwitz und auch dies nur ab einem bestimmten Zeitpunkt.
In der Ausstellung ist beispielsweise auch ein Überblick der Lager abgebildet. „Uns ist aber auch wichtig darüber aufzuklären, dass es jeden treffen konnte“, schließt Hofmann. „Das waren ganz normale Menschen, die ins KZ kamen.“