Regensburgs fürchterlicher Arzt - Publizist Hans Simon-Pelanda forschte über Pius Scharff

Von Christian Eckl · 24. November 2023 um 12:00

Die NS-Zeit in Regensburg ist eng mit Ärzten verknüpft. Der Regensburger Oberbürgermeister Otto Schottenheim war Mediziner. Bei ihm liefen die Drähte zwischen der Nazi-Partei einerseits und der Stadtverwaltung andererseits zusammen. Das NS-Regime setzte auf Unterdrückung auf allen Ebenen. Doch Schottenheim arbeitete nicht mehr in der Profession, die sich eigentlich dem Heilen und Helfen verschrieben hat. Wohl aber tat dies Pius Scharff.

Ab 1935 wirkte Scharff, 1876 in Nürnberg geboren, als Bezirksarzt des Staatlichen Gesundheitsamtes Regensburg. In diesem Amt war Scharff laut dem Autor Hans Simon-Pelanda für die „Auslese und Ausmerze“ zahlreicher Opfer des NS-Regimes verantwortlich. Aufgeschrieben hat Pelanda dies im 14. Band der Reihe „Täter Helfer Trittbrettfahrer“. Am Donnerstag referierte Pelanda in der Kirche St. Vitus in Karthaus-Neuprüll.

Wie überzeugt Scharff vom Begriff des „Volksschädlings“ war, beschreibt Pelanda eindrücklich. So sorgte Scharff als Amtsarzt in Regensburg dafür, dass der Stadtrat noch vor dem Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ Alkoholkranke ins Konzentrationslager Dachau einweisen ließ. Damit sorgte Scharff und der Regensburger Stadtrat reichsweit für Aufsehen. Einschlägige Stellen fragten nach, ob die Androhung der KZ-Haft denn abschreckend genug für Menschen mit Alkoholproblemen war, um sie von der Trinksucht „fernzuhalten“.

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Unselige Rolle der Caritas

Welche Motivation und welches krude und verächtliche Menschenbild hinter den Handlungen des Arztes standen, bringt Simon-Pelanda in dem Beitrag über den Mediziner so auf den Punkt: „Der Arzt Dr. Scharff sah sich nicht mehr primär der Heilung seiner Kranken verpflichtet, sondern der Ausschaltung der Schädlinge aus dem Volksganzen.“

Eine unselige Rolle spielte dabei übrigens die kirchliche Caritas, die bereits damals als Anlaufstelle für Trinker diente. Denunziationen von Menschen mit Alkoholsucht sind keine Einzelfälle gewesen. Dass der Katholizismus in Regensburg Schlimmeres verhindert habe, verweist Simon-Pelanda in das Reich der Fabeln: „Das noch gerne bemühte Narrativ vom widerständigen katholischen Milieu Regensburgs feiert immer wieder fröhliche Urständ und beruft sich dabei auf einzelne Mutige - die oft wenig bis keine Unterstützung erfuhren.“ Simon-Pelanda selbst will von der Schwester von Domprediger Johann Maier, der am 24. April 1945 von den Nazis ermordet wurde, erfahren haben, dass sich Erzbischof Michael Buchberger seinerzeit nicht aus dem Kriegsbunker entfernen wollte, um gegen den Mord an Maier etwas zu unternehmen. Dagegen habe die Katholische Kirche auch in Regensburg eng mit den Nazis kooperiert, meint Simon-Pelanda. Seine Belege dafür sind: „Ab 1933 gemeinsame Erntedankprozession von NSDAP und Kirche, Waffensegnungen, ein flammender Aufruf Buchbergers zum Überfall auf Polen und den vom Zaum gebrochenen Weltkrieg, keine Seelsorge bei katholischen Zwangsarbeitern oder gar KZ-Gefangenen im Colosseum“.

Die Perversion der NS-Ideologie wurde schnell in sogenannten Erbgesundheitsgerichten deutlich. Diese entschieden über Sterilisationen von Menschen, denen die „Erbgesundheit“ abgesprochen wurde. Laut Simon-Pelanda brachte 1369 Verfahren vor dieses Gericht. Eine unglückselige Rolle spielte Scharff dann auch in den letzten Kriegstagen. Den Henkern von Domprediger Maier und dem Mesner von St. Emmeram, Johann Igl, hatte er noch die „ordentliche Durchführung des Erhängens“ attestiert.

Mediziner kaum belangt

Düster zeichnet der Autor die Rolle von Medizinern wie Scharff im Dritten Reich – vor allem aber, wie glimpflich sie davongekommen sind. Zwar gab es während der Nürnberger Prozesse ab 1945 auch die sogenannten Ärzteprozesse. Doch lediglich 23 Ärzte wurden damals angeklagt. „Die Masse der Amtsärzte, der Mediziner in den Tötungsanstalten wurden – wenn überhaupt angeklagt – lediglich vor Spruchkammern als Befehlsempfänger klassifiziert und nicht oder mit den geringsten Strafen auf freien Fuß gesetzt“, so der Publizist. So kam auch Pius Scharff nach dem Ende des NS-Reiches davon: Ab 1. Mai 1945 wurde er in Regensburg von der amerikanischen Militärregierung wieder als Amtsarzt eingesetzt. Zwar setzte man ihn nach acht Monaten wieder ab, doch es gelang ihm in dieser Zeit, zahlreiche belastende Akten zu vernichten. Am Ende lautete das Urteil über ihn lediglich, er sei ein Mitläufer gewesen – wie hunderttausend andere.

Geschichte der Gewalt

Grundlagen: Die mörderische NS-Ideologie ist in Deutschland nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie hatte ihre Wurzeln bereits in der Kaiserzeit. Die Wissenschaft befasste sich mit sozialdarwinistischen Konzepten, denen Zufolge nur der Stärkste überlebt. Und fast die Hälfte aller Mediziner, so schreibt Simon-Pelanda, organisierte sich in der NSDAP.

Gesetze: Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 legte den Grundstein für die Euthanasie (Eu bedeutet im Altgriechischen gut und Thanatos bedeutet Tod). Daraus wurde am Ende auch die sogenannte Aktion T4. Die Abkürzung steht für die Dienststelle Tiergartenstraße 4 in Berlin, von wo aus der Mord von 70000 Menschen koordiniert wurde

Der Publizist Hans Simon-Pelanda hat über den NS-Arzt Pius Scharff geschrieben. Foto: Ried