Ein besonderer Koffer geht auf Reisen: Die Erinnerungen an eine von Nazis ausgelöschte Familie

Das Haus der Geschichte in Bonn holte vergangene Woche ein Stück Erinnerung an die NS-Zeit aus dem Regensburger Stadtarchiv. Der Koffer der Familie Brandis lag jahrelang auf einem Dachboden in Niederbayern. Es sind die letzten Erinnerungen an eine Regensburger Kaufmannsfamilie, die von den Nazis fast ausgelöscht wurde. Kürzlich war ein Nachfahre aus London zu Besuch – und tief gerührt.
Ein bisschen ausgebeult ist er zwar schon, aber in einem überraschend guten Zustand: Dabei lag der Koffer der jüdischen Familie Brandis nicht nur viele Jahre auf einem Speicher. Der Inhalt macht ihn so besonders. Denn das, was sich in dem Koffer befand, sind die letzten Erinnerungen an die Regensburger Familie. Der Journalist Thomas Muggenthaler hatte während seiner Recherchen mit Jutta Koller aus Hauzenberg gesprochen. Sie wusste vieles darüber, was ihre Tante Fanny Hartl über die Familie Brandis zu erzählen hatte. Fanny Hartl war bei der Familie Brandis angestellt, aber mit ihr auch befreundet. Als die Rede auf einen Koffer kam mit Briefen, Bildern und weiteren Erinnerungsstücken, fragte Muggenthaler einfach: Ob es den Koffer noch gibt? Natürlich, er wurde über Jahrzehnte in der Familie aufbewahrt. Manche der darin enthaltenen Fotografien sind die einzigen Aufnahmen der Familie, die im April 1942 aus Regensburg verbracht wurde – die sechsköpfige Familie starb im Konzentrationslager.
Koller hatte den Koffer, den sie von ihrer Tante geerbt hatte, dem Stadtarchiv Regensburg übergeben. Jetzt aber wird der Koffer Teil einer großen Ausstellung. Das Haus der Geschichte in Bonn hat angefragt, ob man den Koffer und die darin enthaltenen Stücke bekommen kann. „Der Koffer soll in Bonn und Leipzig gezeigt werden“, sagt Lorenz Baibl, Leiter des Stadtarchivs und des Amtes für Kulturelles Erbe in Regensburg. Die Wechselausstellung wird unter dem Titel „Der Nationalsozialismus und die Deutschen nach 1945“ von Juli bis Januar 2026 in der früheren Bundeshauptstadt Bonn und bis Januar 2027 dann in Leipzig zu sehen sein.
Eine Frage der Generation?
„Die Ausstellung verbindet generationelle Aspekte mit herausgehobenen Ereignissen, die für den Umgang mit dem Nationalsozialismus von besonderer Bedeutung sind“, heißt es in einer Mitteilung des Hauses der Geschichte. Und weiter: „Entnazifizierung, Holocaust-Fernsehserie, Wehrmachtsausstellung und Holocaust-Mahnmal beeinflussen das Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit.“ Gleichzeitig hätten aber die Generationen vor und nach 1945 völlig unterschiedliche Wahrnehmungen auf diese Zeit. „Ein erklärtes Ziel der Ausstellung besteht darin, Wechselwirkungen zwischen derartigen Zäsuren und Veränderungen in der generationellen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus darzustellen“, heißt es deshalb weiter.
Welche Bedeutung ein Stück wie der Koffer aus Regensburg für spätere Generationen haben kann, das belegte der Besuch eines Mannes aus Großbritannien kürzlich. Robert Salamon ist ein Nachfahre der Familie. Über die Berichterstattung im Internet zu dem Koffer hat der Brite, der zeitweise auch in Manila lebt, von dem Inhalt erfahren. Er nahm Kontakt nach Regensburg auf und verbrachte kürzlich einige Tage in der Stadt. „Er ist verwandt mit der Familie Brandis und er forscht seit fünf Jahren gezielt nach der Familie.“ Salamons Großvater hatte eine Schwester, Gisela Holzinger, die mit der Familie Brandis deportiert wurde. „Dieser Familie kommt man näher als anderen Familien, von denen man oft nur Daten hat“, sagt Muggenthaler, der über das Schicksal der Familie gerade schreibt. „Man erlebt den Prozess des wirtschaftlichen Aufstiegs mit einem großen Kaufhaus in Regensburg, Heiraten, gesellschaftlicher Aufstieg bis hin zur Deportation mit“, schildert Muggen-thaler.
Vergangene Woche schickte das Haus der Geschichte dann ein Transportunternehmen. Es machte Halt in den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Flossenbürg, um Stücke einzusammeln für die Ausstellung. Und eben auch im Stadtarchiv.
„Die Unterlagen sowie die ersten und einzigen Fotos von Charlotte Brandis und ihren Brüdern machen den Koffer und die darin enthaltenen Stücke so wertvoll“, sagt dann auch Baibl. „Persönliche Briefe und Postkarten aus dem Vernichtungslager zeigen das Schicksal der Familie sehr einmalig“, so Baibl weiter. „Der Koffer geht auf Reisen, kommt aber sicher wieder nach Regensburg nach dem Ende der Ausstellung“, sagt Baibl. Der Chef-Archivar ist begeistert: „Das Haus der Geschichte bietet eine nationale Bühne und deshalb ist es doch für uns eine große Ehre.“ Wenn ein Regensburger Stück dort als wichtigstes Ausstellungsstück aufgeführt wird, sei das „ein kleiner Ritterschlag für uns“, zeige aber auch die „Bedeutung des Koffers für die nationale Geschichte auf“.
Die Opfer werden greifbar
Wie sehr es gerade persönliche Stücke der Mordopfer des Holocausts sind, die den Besucher von Gedenkstätten berühren, spürt man beispielsweise am neben den KZ-Gedenkstätten sicher weltweit bedeutendsten Erinnerungsort: Yad Vashem bei Jerusalem. Dort sind es die Schuhe der Deportierten und Ermordeten, die dem Betrachter deutlich machen: Es waren Menschen aus unserer Mitte, die den Weg in die Vernichtungslager antreten mussten. Es waren ganz normale Leute wie etwa die Familie Brandis aus Regensburg.


