Eine Wand voller Regensburger Persönlichkeiten – jetzt bekommen die NS-Opfer ein Gesicht

Der Künstler Oleg Kuzenko führt seine Porträtreihe am Petersweg fort: Jetzt hat er zehn Persönlichkeiten Porträts gewidmet, die Opfer der Nazis wurden. Doch weitere und auch schon vorhandene Porträts könnten für Debatten sorgen.
Das Kunstwerk am Petersweg ist um einige Porträts reicher. 70 historische Persönlichkeiten hat der Maler Oleg Kuzenko an einer Wand zwischen der Bischöflichen Zentralbibliothek und dem Eingang zu beliebten Regensburger Diskotheken schon verewigt. Jetzt kamen die Porträts von Regensburgern hinzu, die während der dunkelsten Zeit in der fast 2000 Jahre währenden Stadtgeschichte eine wichtige Rolle spielten: Es sind dies diejenigen, die sich gegen den Terror der Nationalsozialisten zur Wehr setzten – die meisten von ihnen fanden dadurch den Tod.
Kuzenkos Kunst kennen viele Regensburger und Regensburg-Besucher. In der Eingangshalle des Hauptbahnhofs hat er einen an der Decke schwebenden Ring gefertigt, der ebenfalls Porträts bekannter Regensburger zeigt. Die mehrfache Paralympics-Medaillengewinnerin Annke Conradi ist dort ebenso abgebildet wie MZ-Kultautor Helmut Wanner. Ein Porträt, das von Gloria von Thurn und Taxis, sorgte erst jüngst für Debatten – es soll übermalt werden, fordern diejenigen, die ihnen Unerwünschtes canceln wollen. Vor dieser Herausforderung stehen auch Kuzenko und sein Mitstreiter Werner Chrobak. Der frühere Stadtheimatpfleger kümmert sich darum, dass den Porträts Stück für Stück Erklärtafeln mit ihrer historischen Einordnung beigefügt werden.
Sieben Opfer der NS-Zeit
Sieben bekannte Opfer des Nationalsozialismus aus Regensburg sind es, die nun die Mauer säumen. Da ist der Bekannteste: Domprediger Johann Maier, der aus Sorge um die drohende Zerstörung Regensburgs am Nachmittag des 23. April 1945 an einer Kundgebung teilnahm. „Er machte sich zum Sprecher der etwa tausendköpfigen Menge, wurde jedoch nach wenigen Sätzen verhaftet“, schreibt Chrobak in dem Text, der Maiers Porträt hinzugefügt wird. Ein Standgericht verurteilte Maier zum Tode, er wurde zusammen mit Josef Zirkl, der ebenfalls an der Kundgebung teilnahm, am Moltkeplatz, dem heutigen Dachauplatz, aufgeknüpft.
Erschossen wurde hingegen ein weiterer Teilnehmer der Demonstration, der pensionierte Polizist Michael Lottner. Auch ihm ist nun ein Porträt gewidmet. Drei Tage vor Zirkls und Maiers Hinrichtung und zwei Tage vor Lottners gewaltsamem Tod erhängten die Schergen des Regimes Johann Igl. Nach einem schweren Luftangriff auf Regensburg in der Nacht vom 25. Februar 1944 machte er gegenüber zwei Luftschutzkameraden auf gut Bairisch eine Äußerung im Hinblick auf Adolf Hitler: „Findet sich denn keiner, der ihm das Messer reinrennt?“ Es folgten Haft und schließlich, drei Tage vor der friedlichen Übergabe der Stadt, die Hinrichtung.
Einem, der in der sogenannten Neupfarrplatzgruppe aktiv war, ist ebenfalls ein Porträt gewidmet: Josef Haas. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo im Februar 1942 wurde er ins Konzentrationslager Flossenbürg gebracht, wo er an der Hinrichtungsmauer am 18. August 1944 erschossen wurde. Auch an ein früheres Opfer der Nazis gedenkt das Gesamtkunstwerk: an den SPD-Politiker Alfons Bayerer. Zusammen mit einem weiteren Porträtierten, dem späteren Herausgeber der Mittelbayerischen, Karl Esser, der SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat bis zur Machtergreifung war, schrieb Bayerer in der Weimarer Republik an der „Bayerischen Ostwacht“, einer SPD-nahen Tageszeitung. Er starb an den Folgen der jahrelangen Haft.
Esser hingegen überlebte den Krieg und die NS-Herrschaft und gründete am 23. Oktober 1945 die Mittelbayerische Zeitung. Auch dem berühmten Retter von 1200 Juden und seiner Frau, Oskar und Emilie Emilie Schindler, die nach dem Krieg in Regensburg lebten, ist ein Porträt gewidmet. Der jüdischen Vertreterin der Frauenemanzipation, Paula Weiner-Odenheimer, ist ebenfalls ein Porträt gewidmet.
Dass an der Wand auch Persönlichkeiten verewigt sind, die durchaus antisemitisch waren – Albrecht Altdorfer beispielsweise, aber auch der sogenannte Bauerndoktor Georg Heim –, kommentiert Chrobak so: „Heim beispielsweise hat mit seinen Genossenschaften viel in seiner Zeit bewegt, er gehört zur Stadtgeschichte – aber man darf die Schattenseiten nicht weglassen.“
100 Porträts sollen es am Ende werden. Die Mauer ist noch nicht ganz voll. Auch hier gibt es Aspiranten, die ein Porträt bekommen sollen, die nicht unumstritten sind. So soll beispielsweise Walter Boll ein Porträt erhalten, der zwar viel für den Erhalt der mittelalterlichen Altstadt getan hat. Er war aber auch im Dritten Reich bereits in Amt und würden. Vor allem seine Rolle bei Arisierungen, also dem Raub jüdischen Eigentums, macht ihn mindestens zum Mitläufer, womöglich aber auch zum aktiven Täter. Auch die Gebrüder Georg und Joseph Ratzinger stehen auf der Liste jener, die noch ein Porträt bekommen sollen . Deren Rolle im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in der Kirche dürfte auch bei diesen beiden – sicher aus der Regensburger Stadtgeschichte nicht wegzudenkenden – Figuren für Debatten sorgen. Und auch der erst kürzlich verstorbene Unternehmer Karlheinz Götz steht auf der Liste der noch zu Porträtierenden. Auch er wurde zu Lebzeiten aus bestimmten Kreisen gerne angegriffen. „Solche Menschen gehören zur Stadtgeschichte“, sagt Chrobak.
Porträtwand ist beliebt
Dass die Porträtwand beliebt ist, das berichten Chrobak und Kuzenko – es gebe Stadtführer, die anhand der Porträts verschiedene Figuren der langen Geschichte Regensburgs erläutern. „So etwas gibt es kein zweites Mal“, sagt Chrobak. Problematisch sei die Finanzierung: Sponsoren sorgten bisher vereinzelt für die Entlohnung des Künstlers. Von der Fürstin gab es kein Geld, berichtet Kuzenko. Nun hoffen die beiden auf Sponsoren, denen die Darstellung der NS-Opfer viel bedeutet – damit sie nicht vergessen werden.
