Philipp Peyman Engel spricht über Antisemitismus: Ein Jude enttarnt die deutsche Lebenslüge

Das Interesse ist groß an dem Abend, der Saal der jüdischen Gemeinde ist gut gefüllt. Vorne sitzt ein gut aussehender, orientalisch wirkender, groß gewachsener Intellektueller. Vor ihm sein Buch mit dem Titel, der an diesem Abend so manchen Professoren im Ruhestand erregen wird: „Deutsche Lebenslügen“ ist es überschrieben.
„Der Antisemitismus, wieder und immer noch.“ Philipp Peyman Engel ist nicht irgendwer. Das Medienmagazin hat ihn 2023 zum Chefredakteur des Jahres gekürt. Seine Jüdische Allgemeine gilt als die wichtigste publizistische Stimme des Judentums in Deutschland. Peyman sagt über sein Buch, er habe sich sein Bild vom Antisemitismus nach den schrecklichen Ereignissen des 7. Oktober, dem Massaker an so vielen Israelis, „von der Seele schreiben“ müssen. Denn schon Peyman Engels Biografie macht deutlich, wie sich Juden hierzulande und auf der ganzen Welt fühlen müssen.
Die Familie seiner Mutter lebte 500 Jahre im Iran. Sie wanderten aus Spanien aus, sind also sephardische Juden, eine Minderheit in der Minderheit im damaligen Persien, das der Schah blutig regierte. Der Sechs-Tage-Krieg brachte die Wende für Juden – die Familie seiner Mutter floh nach Deutschland. „Warum ausgerechnet nach Deutschland? Weil die Deutschen die Konsequenzen aus ihrer Geschichte gezogen haben“, so erklärte Peyman Engel das Denken seiner Vorfahren damals. Und heute? „Der Antisemitismus aus der Heimat meiner Mutter holt uns hier ein“, ist eine der ernüchternden Erkenntnisse, die Peyman Engel in seinem Buch aufschrieb.
„Multikulti ist vorbei“
Peyman Engel sagt selbst, er sehe orientalisch aus. Aufgewachsen im Ruhrpott, hielt man ihn lange für einen Zuwanderer aus dem arabischen Raum. Er hatte muslimische Freunde. Er berichtete über muslimische Mitschüler, die aggressiv wurden, als seine jüdische Identität dann doch irgendwann durchsickerte. „Die schöne Geschichte vom Multikulti-Schmelztiegel, sie ist vorbei“, so sein Fazit. „Zur Wahrheit gehört aber auch: Meine beiden muslimischen Freunde aus der Schulzeit haben mich verteidigt.“
Muslime seien nicht die Feinde der Juden. „Aber in Teilen der muslimischen Community werden wir als Feinde wahrgenommen.“ Peyman Engel spricht etwas an, womit sich auch Deutsche, die sich ihrer Verantwortung aus der Geschichte stellen wollten, schuldig gemacht haben: Das Wegsehen davor, dass mit der muslimischen Zuwanderung auch Antisemitismus ins Land geholt wurde. „Das, was wir an Judenhass von muslimischer und linker Seite erleben, ist extrem krass“, sagt der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen. Damit sprach er einen zweiten, unerträglichen Umstand an: Die postkoloniale Linke. Sie ist jung, gut ausgebildet, polyglott und über Social Media international vernetzt, aber auch arrogant, laut, übergriffig und ultraaggressiv, wie Peyman Engel diese Gruppe beschreibt. Diese Linke spricht Israel das Existenzrecht ab.
Der Publizist beschreibt, wie an der Freien Universität Berlin ein 23-jähriger Lehramtsstudent einen jüdischen Kommilitonen krankenhausreif prügelte. Er selbst war an der FU, da begegneten ihm junge Linke, „häufig mit Palästinenserschal, die andere einfach niederbrüllen“. Der unerträgliche Satz, der ihm dort immer wieder begegnet: „Free Gaza from German guilt“, Gaza soll also von der deutschen Schuld – am Holocaust – befreit werden. „Das ist eins zu eins AfD, das ist Björn Höcke und Alice Weidel“ ist seine Diagnose. „Da trifft sich die Linke mit der Rechten.“ Denn auch diese Form des Antisemitismus beschreibt Peyman Engel.
Engel redet nicht mit AfD-Politikern
Peyman Engel sagt, als Journalist rede er auch mit AfD-Politikern. „Nicht jeder, der AfD-affin ist, ist rechtsradikal“, sagt der Autor. „Aber die Spitzenpolitiker der AfD sind Neonazis.“ Die Jüdische Allgemeine und die AfD stünden in einem Verhältnis wie das Opfer der Begierde und sein Stalker. „Es gibt Leute, wie Beatrix von Storch, die lieben Israel und hetzten gegen Muslime.“ Da werden Juden zum Feigenblatt für die AfD. Roland Preußl, Moderator an dem Abend und nicht nur Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung, sondern auch aktiv beim neuen Verein Christlich-jüdische Zusammenarbeit, machte deutlich, dass der Appell der Bischöfe kürzlich auch umgesetzt wird. „Wir haben einen Aufnahmeantrag eines AfD-nahen Mannes, den werden wir ablehnen.“
Im deutschen Diskurs steht oft der Rechtsextremismus im Mittelpunkt, doch Peyman Engel stellt fest: „Die meisten antisemitischen Übergriffe kommen aus dem muslimischen Milieu.“ Den Umkehrschluss zieht Peyman Engel aber nicht: „Ich weiß nicht, ob es eine Mehrheit der Muslime ist“, sagt er. Er stelle nur fest, dass die Verbindung zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan, der Religionsbehörde und deren Judenhass in die Gemeinschaft der fünf Millionen Deutsch-Türken durchzusickern droht. Was können Journalisten tun, wenn sie die Entwicklungen beschreiben wollen, gleichzeitig aber Gefahr laufen, das Geschäft der AfD zu erledigen, wenn sie beispielsweise Antisemitismus unter Teilen der Muslime hierzulande beschreiben wollen? Peyman Engel zitiert auf die Frage des MZ-Autors den Spiegel-Gründer Rudolf Augstein. „Ganz einfach“, sagt er. „Berichten, was ist.“
Roths Dokumenta-Eklat
Peyman Engel wird aus dem Publikum auch angegriffen. Was wolle er denn nun mit seinem Buch, fragt ein emeritierter Professor. Wo sei denn die Lebenslüge? Peyman Engel spricht den Eklat auf der documenta in Kassel an und das Scheitern von Claudia Roth (Grüne), die ansonsten auf Gedenkveranstaltung Betroffenheit zeige, „die ich ihr auch abnehme“, dann aber Warnungen vor Organisationen wie dem BDS ignoriert. Peyman Engels vernichtendes Urteil: „Wenn Antisemitismus nicht Chefsache ist im Kulturstaatsministerium, dann ist das eine deutsche Lebenslüge.“