NS-Zeitzeuge Ernst Grube berichtet vom Holocaust – und warnt vor AfD-Plänen

Von Jonas Raab · 28. Februar 2024 um 05:00

Ausgrenzung, Deportation, Todesangst: Seit Jahrzehnten spricht der Holocaust-Überlebende Ernst Grube an Schulen über seine Kindheit als „Halbjude“ im Dritten Reich. Seinen Besuch an der Otto-Schwerdt-Mittelschule in Regensburg bezeichnete er als „ganz besonders“, sein Gefühl nach anderthalb Stunden Gespräch als „toll“ – gerade jetzt, in einer Zeit neurechter Umtriebe.

Er sei quasi nie an Mittelschulen zu Gast, schickte Grube seinem Vortrag voraus. „Ich will über meine Geschichte reden, aber auch über eure“, versprach er den rund 140 Schülern, einige davon mit Migrationshintergrund. Ins Gespräch zu kommen, sei so selten wie wichtig, sagte Grube.

Mit zwölf Jahren landete Ernst Grube im KZ Theresienstadt

Nach einem kurzen Abriss seiner Familiengeschichte – die Mutter eine jüdische Krankenschwester, der Vater ein als arisch eingestufter Malermeister und Nazi-Gegner – erklärte Grube den Schülern, wie einschneidend die Machtergreifung 1933 war. „Die Ausgrenzung hat ein neues Stadium erreicht“, sagte Grube, der ein Jahr zuvor in München geboren wurde. 1938 wurde seine Familie entmietet und getrennt. Ernst und Bruder Werner kamen in ein Kinderheim. Irgendwann durften sie ohne Judenstern nicht mehr vor die Tür, in die Schule sowieso nicht. 1942 wurden sie ins Barackenlager Milbertshofen gesteckt, Anfang 1945 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort landeten auch ihre Mutter und die kleine Schwester Ruth.

Kein Flüstern, keine Faxen: Die Schüler folgten Grubes langatmigen Sätzen genau, etwa wenn es um das Leben im Ghetto ging. „Das waren furchtbare Einrichtungen, mit Terror, mit Enge. Die Zimmer waren brechend voll“, berichtete Grube. „Eine sehr unmenschliche Lebensform“, fasste er zusammen.

Hunger und Todesangst: So erlebte Ernst Grube das KZ

Nach und nach wurden Schüler auf die Bühne geholt, um Fragen zu stellen. „Wie war der Alltag im Lager für Sie“, wollte einer wissen. „Es war kurz vor Ende des Krieges, als wir nach Theresienstadt gebracht wurden“, erklärt Grube. Er berichtete von Hunger und Angst. Die Fragen, die er sich täglich stellte: „Was haben die Nazis noch vor? Wollen die uns auch noch umbringen? Wann kommen endlich die Russen?“

Dass Grubes Familie überlebt hat, lag daran, dass sich sein Vater trotz Druck der Gestapo nicht von seiner Frau scheiden ließ. „Wir hatten Glück, dass wir so spät deportiert wurden.“ Grube zeigte den Schülern ein Bild von „Tante Erna“. „Meine Mutter hatte drei Schwestern, die mit Juden verheiratet waren“, erklärte er. „Sie wurden alle umgebracht.“ Noch ein Bild: Zu sehen waren zehn Kinder aus dem Heim, in dem die Geschwister anfangs gelebt hatten. „Das waren alles Freunde.“ Nur ein Mädchen habe überlebt. „Das war Ruth. Alle anderen sind umgebracht worden.“

Widerstand gegen rechts

Die letzte Schülerfrage galt der Gegenwart. Antisemitismus und Rechtsextremismus seien heute wieder Thema, sagte ein Zehntklässler zu Grube. „Was ist Ihre Meinung zur aktuellen Politik?“, wollte er wissen. Es gebe mehrere Baustellen, antwortete Grube. Kriege verurteilte er, vor den kürzlich bekannt gewordenen Remigrationsplänen von „Rechtsradikalen“, wie Grube die AfD „und andere“ nannte, warnte er. „Es ist wichtig, dass wir den Widerstand dagegen vertiefen.“

Grubes Besuch sei ein „großes Geschenk“ für die Schule gewesen, sagte Rektor Wolfgang Lang, auch mit Blick auf seine „vielen Schüler mit Migrationshintergrund“. Lang berichtete von Anfeindungen, die Schüler mit dunkler Hautfarbe erlebt hätten. Umso wichtiger sei es, über die Vergangenheit zu reden. An Grube gewandt sagte Lang: „Sie haben etwas geschafft, was wir nie schaffen“, sagte Lang. Eineinhalb Stunden, 140 Schüler in einem Raum – „und trotzdem hat man eine Stecknadel fallen hören“.

Ein Blatt für den Wunschbaum der Otto-Schwerdt-Mittelschule: Der 91-Jährige Ernst Grube verewigte sich.