„Die Russen haben mir das Leben gerettet“

Von Florian Sendtner · 11. März 2023 um 11:00

Der Shoah-Überlebende Ernst Grube sprach in der Buchhandlung Dombrowsky über sein Leben

Noch vor ein paar Jahren wurden Lehrer vom Direktorat gerüffelt, wenn sie Ernst Grube zu einem Zeitzeugengespräch in den Geschichtsunterricht einluden. Denn der inzwischen Neunzigjährige, der mit zwölf Jahren ins KZ Theresienstadt verschleppt worden war, wurde im bayerischen Verfassungsschutzbericht als Verfassungsfeind aufgeführt. Das Innenministerium begründete diesen bizarren Missgriff mit Grubes Mitgliedschaft in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Nach jahrelangen, zahlreichen Protesten nahm die CSU-Regierung diese Fehleinschätzung zurück. Gerade noch rechtzeitig, bevor Ernst Grube nun Ehrenbürger von München wurde.

Mit 90 Jahren ist Grube nun endlich ein unbescholtener Mann. Seine unermüdliche öffentliche Zeitzeugenschaft wird von einem immer größeren Publikum mit immer mehr Interesse verfolgt. So auch am Donnerstag in der Buchhandlung Dombrowsky: 50 Zuhörer waren der Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zum Gespräch mit Grube gefolgt. Anna Forstner von der GEW nannte in ihrer Begrüßung die jahrzehntelange Ächtung Ernst Grubes als Verfassungsfeind „skandalös“ und fügte hinzu: „Ich glaube, im Nachhinein würden die Verantwortlichen das anders machen.“

Festschrift zum Geburtstag

Das Zeitzeugengespräch war zugleich eine Buchvorstellung, denn Ernst Grube bekam bei der Feier zu seinem Neunzigsten im NS-Dokuzentrum in München eine Festschrift überreicht – für den Jubilar „eine Wahnsinnsüberraschung“ („Aus der Erinnerung für die Gegenwart leben“, hg.v. Matthias Bahr, Peter Poth und Mirjam Zadoff, Wallstein Verlag, 26 Euro, 255 Seiten).

18 Autoren schreiben über den gebürtigen Münchner und Wahl-Regensburger, über die Verfolgung, der er ausgesetzt war und über die Konsequenzen, die er daraus gezogen hat: sein entschiedenes Eintreten für die Menschenrechte heute. Der Historiker Peter Poth, einer der drei Herausgeber, moderierte den Abend.

Das erste Stigma, mit dem Ernst Grube staatlicherseits gebrandmarkt wurde, war das des Juden. Der NS-Staat trachtete seiner Mutter nach dem Leben und legte seinem Vater, einem Protestanten, wiederholt nahe, sich scheiden zu lassen. Der aber stand zu seiner Frau. Er wusste, dass eine Scheidung die sofortige Deportation seiner Frau und der drei Kinder bedeutet hätte. Die erfolgte dann trotzdem, aber erst im Februar 1945, ins KZ Theresienstadt, das als Verladestation in die Vernichtungslager fungierte. Doch Auschwitz war am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit worden. „Die Russen“, sagt Ernst Grube, „haben mir das Leben gerettet.“

Jahrzehntelang wollte niemand zuhören

Der Vater war Malermeister, die Mutter Krankenschwester, und beide waren Kommunisten. Ernst Grube lernte nach der Befreiung die wenigen überlebenden Kommunisten kennen und fand bei ihnen seine politische Heimat. Das hatte zur Folge, dass ihn der Staat erneut ins Visier nahm: „Wir sind von der Adenauerpolizei richtig gejagt worden, ich bin von denen regelmäßig niedergeschlagen worden.“

Bei einer Demonstration gegen die Aufweichung des Ladenschlussgesetzes wurde der 22-jährige Ernst Grube in München festgenommen, man verurteilte ihn zu sieben Monaten Gefängnis, die er in Stadelheim absaß, „wo der Vater meiner künftigen Frau als Kommunist geköpft worden war“. Nach dem Verbot der KPD 1956 wurde er erneut neun Monate eingesperrt. Wenn der freundliche alte Herr über die „strengste Isolationshaft“ spricht, die er mit 26 in einer 1,20 Meter breiten Zelle aushielt, könnte man eine Stecknadel fallen hören.

Peter Poth nannte den „pfleglichen Umgang“ mit den NS-Tätern in der Adenauerzeit „unmenschlich“; ihm komme das so vor, „als habe man den Tätern Urlaub gewährt“ – Erholung vom Massenmord. Was die Überlebenden zu erzählen gehabt hätten, wollte dagegen jahrzehntelang niemand hören, wie Ernst Grube bestätigt: „Wenn ich damit angefangen habe, war es gleich wieder vorbei mit dem Interesse.“