Regensburg steht auf gegen Rechts: Laut Veranstalter rund 6000 Menschen bei Kundgebung

Von Marion Koller · 21. Januar 2024 um 17:50

Tausende Regensburger haben am Sonntag gegen den Rechtsruck der Gesellschaft und die AfD demonstriert. Auf dem Haidplatz und in den umliegenden Gassen gab es mittags kein Durchkommen mehr. André Lipke, Leiter der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums, sprach von mehr als 3000 Teilnehmern, Dennis Forster vom Veranstalter, der Initiative gegen Rechts (IgR), ging von rund 6000 aus.

Einer der Auslöser für die Kundgebung war das Geheimtreffen von AfD-Politikern und Rechtsextremisten in Potsdam, bei dem es um die Vertreibung von Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ging. Auch die Partei selbst gilt in Teilen als rechtsextrem.

„Tief erschüttert und empört“

Mit Slogans wie „Nie wieder 1933!“, „Bunt statt AfD“, „Keine Toleranz für Intoleranz“ und Fahnen in Regenbogenfarben protestierte die Menge am Haidplatz. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer kam in Begleitung der beiden Bürgermeister Astrid Freudenstein und Ludwig Artinger. Sie zeigte sich in ihrer Rede „tief erschüttert, angewidert und empört“ von dem Potsdamer Treffen.

„Wir stehen auf gegen Rechts. Wir müssen zeigen, dass die Mehrheit in unserem Land nichts mit undemokratischen Parteien zu tun haben will.“Die OB zitierte aus einer Erklärung des Deutschen Städtetags. Man nehme es nicht hin, dass rechtsextreme Kräfte eine Atmosphäre der Verunsicherung, der Angst und des Hasses schürten. „Unsere Städte gehören allen Menschen, die hier leben.“ An dieser Stelle erhob sich tosender Applaus.

Maltz-Schwarzfischer erinnerte auch daran, dass es zur Demokratie gehöre, unterschiedliche Positionen zur Asylpolitik zu diskutieren.

Die Potsdamer Konferenz hat auch Stefan (47) und Carmen Haller (42) schockiert, deshalb kamen sie zum Haidplatz. „Die verschieben die Grenzen dessen, was gerade noch toleriert wird, immer weiter“, sagte der Softwareentwickler. Der Bürokauffrau Carmen Haller geht es um die Kinder, „dass die nicht büßen müssen, weil wir nicht aufgestanden sind“.

Kjell-Ole Peters hielt ein Pappschild hoch mit der Aufschrift „Die AfD wäre sogar mit Käse überbacken noch eklig“. Der 29-Jährige, der in der Verwaltung einer privaten Hochschule arbeitet, findet es unerträglich, dass „die rechten Haltungen zunehmend zur Normalität werden“. Er gehe aus Liebe zu seinem Land auf die Straße. „Es soll nicht im rechten Sumpf verkommen“. Dass die Ausländerfeindlichkeit zunimmt, schade auch der Wirtschaft. Die Auszubildende Clarissa Knott (23) bezeichnete es als Pflicht jedes Bürgers, gegen den Rechtsruck zu demonstrieren und der stillen Mehrheit eine Stimme zu geben. Konzentriert verfolgte Franz Gattung das Geschehen. Den 72-Jährigen treiben die Wahlergebnisse der Rechten um, die ihn an die der NSDAP in den 30er-Jahren erinnern.

Eindringlich sprach der Münchner Holocaust-Überlebende Ernst Grube auf der Bühne, der zusammen mit seiner Mutter das Ghetto Theresienstadt überlebt hat. Der 91-Jährige schilderte die Ausgrenzung durch die Nazis, die er als Kind erlebte. „Unsere Lebensmöglichkeiten wurden immer mehr eingeengt.“ Er plädierte dafür, Druck zu machen, „dass ein Verbot der AfD mit entschlossener Sorgfalt vorangebracht wird“. Die Partei ziele auf eine Zersetzung der Demokratie ab. Die antisemitische, rassistische Erzählung lenke von den tatsächlichen Aufgaben ab, nämlich Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit.

Wo war die Landrätin?

Helen Kidan von Campus Asyl Regensburg, die sich für Geflüchtete einsetzt, erlebt täglich Diskriminierung mit. Sie argumentierte gegen Abschiebung und dafür, dass das Arbeitsverbot fällt. Rico Irmischer vom DGB-Kreisverband appellierte an die Zuhörer, das Gespräch mit AfD-Sympathisanten zu suchen. Auf typische Erzählungen der Rechten ging Eva Konen, Landespolitische Sprecherin der Grünen Jugend aus Regensburg, ein. Sie spielten mit der Angst der Menschen – nach dem Motto: „Du findest keine Wohnung? Die Ausländer sind schuld!“

OTH-Professor Michael Sterner vermisste Landrätin Tanja Schweiger bei der Kundgebung und kritisierte, Bischof Voderholzer habe nicht zur Teilnahme aufgerufen.

Schockiert vom Potsdamer Treffen sind Carmen und Stefan Haller. Foto: Koller
„Es ist wichtig, dass die große Mehrheit laut wird“, sagt Clarissa Knott. Foto: Koller
„Mein Land soll nicht im rechten Sumpf verkommen“, wünscht sich Kjell-Ole Peters. Foto: Koller