Trinkgelage und wildes Pinkeln an Regensburgs NS-Mahnmal: Der Dachauplatz wird zum Brennpunkt

Ein Regensburger Gastronom beschwert sich über Obdachlose, die Gäste anpöbeln würden. Stadt und Polizei sind machtlos. Angeblich wurde auch bereits an das NS-Mahnmal gepinkelt. Ein Streetworker sagt, dass eine Verdrängung der Obdachlosen nichts bringen würde.
Der Verdacht wiegt schwer. Obdachlose sollen regelmäßig an das NS-Mahnmal am Dachauplatz pinkeln. An der Stele, die im Alltag kaum Beachtung findet, wird den Opfern des NS-Regimes in den letzten Kriegstagen in Regensburg gedacht: Dem Domprediger Johann Maier, Lagerarbeiter Josef Zirkl und dem pensionierten Polizisten Michael Lottner. Doch nicht nur der mutmaßliche Frevel erzürnt manchen: Auch Unternehmer beklagen sich über die Zustände am Dachauplatz.
Merlin Szabo hat vor wenigen Monaten das Cafe Lorraine eröffnet. Beim derzeitigen Prachtwetter sind die Freisitzflächen nach wie vor gut besucht. Doch in unmittelbarer Nachbarschaft haben sich Obdachlose ausgebreitet. Sie trinken Bier und Schnaps, werden umso lauter, je länger das Gelage dauert. „Es gibt Auseinandersetzungen und mitunter auch Handgreiflichkeiten“, schildert Szabo die Situation. „Ordnungsamt und Polizei lassen sich zwar öfter blicken, aber letztlich ist der Gesamtzustand unverändert“, so Szabo weiter.
„Beschämender Umgang“ am Regensburger Dachauplatz
„Etwas beschämend“ sei das, „wenn man bedenkt, dass südlich die alte Römermauer liegt und westlich das NS-Mahnmal“. Für ihn als Gastronomen sei die Situation schwierig: „Gäste werden regelmäßig belästigt, angepöbelt oder gar zur Schlägerei aufgefordert“, so Szabo weiter. Die Situation fällt nicht nur den Unternehmern auf. Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die im Neuen Rathaus nur wenige Meter entfernt angesiedelt sind, gehen in der Mittagspause über den Platz und sehen die Situation. „Ich finde es unmöglich, was aus dem Platz geworden ist“, sagt ein Stadtmitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Da muss man doch was tun.“ Doch was?
Sitzbank am Schwanenplatz einfach abgebaut
Erst kürzlich stand die Stadt in der Kritik, weil eine überdachte Sitzbank am benachbarten Schwanenplatz abgebaut wurde. Dort hatte eine Obdachlose Quartier genommen. Plant die Stadt nun auch, die Bänke am Dachauplatz abzubauen? „Es werden keine Bänke am Dachauplatz abgebaut“, sagt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. „Da der Kommunale Ordnungsservice den Dachauplatz regelmäßig bestreift, ist die Lage am Platz bekannt“, so die Sprecherin. Und weiter: „Die Straßenreinigung hat ihren Reinigungszyklus angepasst und ist dort täglich tätig.“ Ein großer Teil der Obdachlosen, die sich am Dachauplatz aufhalten, suchten laut der Sprecherin über Nacht die entsprechenden Unterkünfte auf. „Trifft der Außendienst des KOS in der Nacht auf Obdachlose, wird das Gespräch mit ihnen gesucht und bei Bedarf Hilfe und Unterstützung über die zuständigen Stellen angefordert“, so von Roenne-Styra.
Auch die Polizei ist in unmittelbarer Nähe zu dem Brennpunkt. Das Gebäude am Minoritenweg war im Dritten Reich die Zentrale der Gestapo. In einem Zimmer des Polizeigebäudes tagte das Standgericht, das im April 1945 Domprediger Maier zum Tode verurteilte. Die Polizei hält sich bei der Beurteilung der Situation am Dachauplatz kurz: „Es ist bekannt, dass sich in diesem Bereich auch immer wieder Personen aus dem Trinker- und Obdachlosenmilieu aufhalten“, sagt Martin Reitmeier von der Polizeiinspektion Süd. Gehäufte Ordnungsstörungen und daraus resultierende Polizeieinsätze seien in diesem Zusammenhang nicht festzustellen. Dass das Mahnmal angepinkelt worden sei, ist bei der Polizei nicht bekannt. Für die Betreuung und Unterbringung der Obdachlosen sei die Stadt Regensburg und die Sozialverbände zuständig, so Reitmeier.
Dachauplatz „Der Brunnen ist deplatziert“
Nicht nur die Obdachlosen sorgen für Kritik. Auch der Umgang mit der Geschichte des Platzes wird heftig kritisiert. Die renommierte Regensburger Künstlerin Regina Hellwig-Schmid, Initiatorin der Donumenta, sagt: „Ich finde den Umgang mit diesem Platz, einem Ort des Gedenkens und des Erinnerns, völlig falsch.“ Die Künstlerin kritisiert „eine Fressbude auf dem Platz, das finde ich völlig unverständlich“. Zudem sei der Brunnen, der eigentlich in der Nacht bunt leuchten soll und dessen Technik seit langem ein Problem bereitet, „in seiner poetisch-abstrakten Form am falschen Ort“. Zumindest in Sachen Kiosk wurde die Stadt aktiv, man habe den Betreiber aufgefordert, einen Abfallbehälter aufzustellen. „Diese Verpflichtung ergibt sich aus der Genehmigung für den Kiosk“, sagt die Stadtsprecherin. Die Obdachlosen, die sich am Dachplatz aufhalten, seien laut Ordnungsservice „nicht die Hauptverursacher der dortigen Müllproblematik“.
Einer, der die Situation am Dachauplatz gut kennt, ist der Caritas-Streetworker Ben Peter. Nach Angaben Peters liegt die Zahl der Obdachlosen in Regensburg bei etwa 300. „Ich schätze, dass 150 von ihnen aus Osteuropa sind“, so Peter. Auch bei einem Besuch vor Ort ist auffällig, dass viele der Obdachlosen am Dachauplatz Polnisch sprechen. „Die Ursachen für die Obdachlosigkeit sind häufig die selben wie bei den Deutschen, etwa eine Suchtproblematik oder psychische Probleme“, sagt Peter. Aufgrund der EU-Freizügigkeit können die Menschen etwa aus Polen nach Deutschland kommen. Finden sie aufgrund ihrer Suchtproblematik keinen Job, gibt es kein Sozialsystem, das sie auffängt. Nur wer in Deutschland gearbeitet hat, hat nach einiger Zeit auch Ansprüche auf Sozialleistungen. Sie landen auf der Straße, stehen sozial auch noch unter den Flüchtlingen, die sofort nach ihrer Einreise Anspruch auf Sozialleistungen haben.
Bänke abbauen, das führe nur zu Verdrängung, sagt Peter. „Das hat man schon rund um das Peterskircherl am Bahnhof versucht, dann sind die Obdachlosen einfach zu den Bushaltestellen gegangen“, so der Streetworker. Er empfiehlt, die Aufnahmekapazitäten der städtischen Unterkünfte dezentral auszubauen, etwa Frauen und Männer zu trennen. Peter fordert aber auch zu Toleranz gegenüber den Obdachlosen auf.