„Wowi“ sorgt für Selfie-Fieber: So war der erste Regenbogenempfang in Regensburg

Auch wenn die Menschen im Saal viel lachten, oft applaudierten und am Ende der Rede des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin sogar mit den Füßen auf den historischen Dielen trampelten: Der Grund für den Empfang war ein ernster.
Zum Schluss drehte Kabarettist Malte Anders den Spieß um: „Wer von euch ist heterosexuell?“, fragte er die knapp 150 Gäste des ersten Regenbogenempfangs am Freitagabend im Historischen Reichssaal. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD), Klaus Wowereit (SPD), ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin und Gastredner, sowie viele weitere Menschen in den ersten Reihen blickten neugierig nach hinten.
Denn nun sollte sich die vom Kabarettisten angesprochene Personengruppe per Handzeichen zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen. Dadurch wusste am Ende des Abends nicht nur jeder im Saal, wie es ist, das Gefühl zu haben, dies offenlegen zu müssen. Es war natürlich auch spannend zu sehen, wer hier die Hand hob und wer nicht. Das sei dazu noch gesagt: Viele Hände waren nicht in der Luft.
Viel Applaus für Wowereit
Star der Veranstaltung, mit der die Stadt ein Zeichen für Offenheit, Toleranz und Vielfalt sowie gegen jede Form von Diskriminierung setzen wollte, war ohnehin der Gastredner im lindgrünen Zweiteiler, der sich farblich kaum vom Ton der Sitzpolster auf der langen Bank unterschied. Ob vor dem Rathaus, unter dem Baldachin im Historischen Reichssaal oder nach dem offiziellen Teil in den fürstlichen Nebenzimmern – die Teilnehmer scharten sich um Wowereit und zückten ihre Handys. Und so dürfte auch der Anteil an Personen überschaubar sein, die ohne ein Selfie mit ihm in der Fotogalerie von der Veranstaltung nach Hause gegangen sind.
Während des offiziellen Teils des Empfangs begeisterte Wowereit die Menschen im Reichssaal mit seinen rhetorischen Fähigkeiten. Wie eine Klammer um seine halbstündige Rede – zu der auch Bürgermeisterin Astrid Freudenstein (CSU) in den Saal kam – legte er die Forderung an Maltz-Schwarzfischer, dass der Regenbogenempfang nun fester Bestandteil des Veranstaltungskalenders der Stadt Regensburg werden sollte. „Es ist ja die Tradition damit heute begründet worden. Liebe Gertrud, da kommst du auch nicht mehr raus“, sagte er etwa gleich zu Beginn.
Auch wenn die Menschen im Saal viel lachten, oft applaudierten und am Ende von Wowereits Rede sogar mit den Füßen auf den historischen Dielen trampelten: Der Anlass für den Empfang ist ein ernster – das strich der Gastredner deutlich heraus. „Wir haben immer noch jeden Tag – egal wo – Ausgrenzung und Diskriminierung. Und so lange das der Fall ist, werden wir weiter auf die Straßen gehen und werden weiter kämpfen. Und wir fordern alle auf, mitzutun, ob sie betroffen sind oder nicht“, brachte er sich in Stellung.
Der Artikel 3 des Grundgesetzes müsse erweitert werden, das Adoptionsrecht angepasst, forderte Wowereit und verwies darauf, dass es lange gedauert habe, bis sich Gesetzeslage für queere Menschen zuletzt verbesserte. Er schilderte den Zuhörern, wie es für ihn war, sich mit dem legendären Satz „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“ zu outen. „Es ist Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, Verhältnisse zu schaffen, die eine Diskriminierung gar nicht erst zulassen“, machte er seinen Punkt und betonte, dass es bei dem Thema noch ein weites Feld zu bearbeiten gebe: ob im Sport oder in der Wirtschaft.
OB dankt der Community
Bei diesem Kampf müsse die queere Community gemeinsam agieren und sich mit Vertretern anderer Minderheiten zusammenschließen. „Weil dann sind sie ganz schnell auch einmal eine Mehrheit“, verdeutlichte Wowereit.
Zuvor hatte Maltz-Schwarzfischer in ihrer Begrüßung die Leistungen der queeren Community in Regensburg gelobt: „Ihr Engagement ist für uns als Stadt ein großes Geschenk.“ Der Regenbogenempfang sei ihr ein großes Anliegen gewesen. „Regenburg ist bunt – und das soll auch so bleiben“, rief sie. Alexander Irmisch, SPD-Stadtrat und Vorsitzender von Queeres Regensburg, warf einen Blick auf Meilensteine und Tiefpunkte für die queere Community. Außerdem kündigte er an, dass im Herbst der erste Stolperstein für einen von den Nationalsozialisten verfolgten Homosexuellen in Regensburg verlegt werden soll.
Sabine Jokuschies aus dem Vorstand von Queeres Regensburg wird vor allem Wowereits Rede von dem Abend im Gedächtnis bleiben. „Er hat frei und mitreißend gesprochen. Die Rede war persönlich und aktuell“, sagte sie. Ihre Vorstandskollegin Sandra Asbeck freute sich über viele bekannte Gesichter im Saal. Pfarrer Roman Gerl war es wichtig, bei dem Empfang präsent zu sein, um sich gegen Diskriminierung einzusetzen. „Man muss den Mensch so nehmen, wie er ist – auch in seiner sexuellen Orientierung. Man darf auf keinen Fall ausgrenzen“, sagte er. Clemens Prokop, ehemaliger Präsident des Landgerichts und des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, lobte Wowereits flammenden Appell für das Grundgesetz.


