„In 20 Jahren ist Bargeld exotisch“: Wieso gerade junge Menschen lieber mit Karte zahlen

Immer öfter zücken Kunden Handy oder Smartwach, um zu bezahlen – doch die Scheine wecken Emotionen. So sieht die Lage in Regensburg und Ostbayern aus bezüglich des Zahlungsverkehrs.
Mittagszeit an der Universität Regensburg. Scharen von Studenten und Mitarbeitern strömen zu den Mensen und Cafeterien, um gemeinsam zu essen oder sich zumindest eine kleine Stärkung zu holen. Mit dem Essen auf dem Tablett geht es zur Kasse. Wer jetzt bereits das Bargeld in der Hand hat, kann es allerdings wieder einstecken: in der Gastronomie aller Hochschulen, die Teil des Studierendenwerks Niederbayern/Oberpfalz sind, findet man nur Kartenterminals. Die Frage, ob man denn auch bar bezahlen kann, wird seit August 2020 verneint. Vor allem aus hygienischen Gründen entschied man sich während der Pandemie, die Möglichkeit der Barzahlung einzustellen. Damit stellt das Studierendenwerk einen Sonderfall in der stark von Bargeld geprägten Bezahlstruktur in Deutschland dar.
Bis heute sind Scheine und Münzen das favorisierte Zahlungsmittel der Deutschen. Tatsächlich führte Bargeld im Ranking der meistgenutzten Bezahlmethoden 2023 mit 73 Prozent klar vor der Debitkarte mit 56 Prozent Doch in den letzten Jahren haben bargeldlose Bezahlmethoden stark an Beliebtheit und Wirtschaftskraft gewonnen. Laut der Deutschen Bundesbank stieg die Anzahl der Kreditkartentransaktionen von 437,5 Millionen im Jahr 2007 auf 1,7 Milliarden im Jahr 2021. Die unangefochtene Dominanz des Bargeldes ist seit einigen Jahren vorbei.
Besonders deutlich wird das im Einzelhandel: Während 2009 noch 59,1 Prozent des Umsatzes in Deutschland auf Bargeld entfielen, waren es 2023 nur noch 35,5 Prozent, wie aus einer Studie des EHI Retail Insitute hervorgeht. Der größte Rückgang des Bargeldumsatzes war von 2019 auf 2020 feststellbar. Das Ergebnis legt nahe, dass die Covid-19-Pandemie wesentlich am Aufstieg bargeldloser Zahlungsmethoden beteiligt war. Sieht man sich nun Umfragen der Bundesbank zum Zahlungsverhalten der Deutschen an, wird diese Vermutung bestätigt: 39 Prozent der Befragten gaben an, seit der Pandemie weniger bar zu bezahlen. Die Aufforderung vieler Läden, wegen Infektionsgefahr die Karte statt der Scheine zu benutzen, zeigte also Wirkung. Dass Transaktionen mit Bargeld tendenziell weniger werden, hat jedoch nicht nur hygienische Gründe.
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Girocard ist Spitzenreiter
Mittlerweile gibt es einige beliebte Alternativen zum klassischen Bargeld. Klarer Spitzenreiter bei den bargeldlosen Zahlungsmethoden ist die Girocard. Im ersten Halbjahr 2023 wurden 80,9 Prozent aller bargeldlosen Zahlungen mit dieser Karte durchgeführt, was einen Umsatz von 149 Milliarden Euro bedeutete, 11 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Transaktionen mit der Girocard ist seit 2015 stark angestiegen, von knapp 2,6 Milliarden auf fast 7,5 Milliarden 2023. Da eine PIN-Eingabe häufig nicht mehr notwendig ist, gewinnt die Girocard weiter an Handlichkeit. So werden immer geringere Beträge bargeldlos bezahlt.
Noch aufwandsloser sind mobile Bezahlverfahren. Wenn die Karte einmal hinterlegt ist, können Handy oder Smartwatch zum Bezahlen genutzt werden, wobei vor allem auf Dienste wie PayPal, Apple Pay oder Google Pay zurückgegriffen wird.
Warum wird Deutschland also nicht zu einem größtenteils bargeldlosen Staat, wie beispielsweise Schweden oder Finnland? „Bargeld ist für viele immer noch ein sehr emotionales Thema“, sagt Nils Deichner, Consultant bei ibi research, dem Forschungsinstitut für digitale Wirtschaft an der Uni Regensburg.
Angst, zum „gläsernen Menschen“ zu werden
Die Hauptursache, warum Bargeld in Deutschland weiterhin einen so hohen Stellenwert hat, sieht Deichner im Datenschutz: Die Befürchtung, zum „gläsernen Menschen“ zu werden, schreckt viele Leute ab, auf bargeldlose Methoden zurückzugreifen. Außerdem ist Deutschland im Vergleich zu den skandinavischen Ländern sehr dicht besiedelt, was eine landesweite Bargeldversorgung durch Geldautomaten deutlich vereinfacht. Die Bargeldaffinität in Deutschland sorgt mittlerweile auch in der Politik für Zündstoff: „Es gibt von keiner Seite Planungen, Bargeld abzuschaffen“, so Deichner. Allerdings haben insbesondere rechtspopulistische Parteien die Angst davor bedient, vor allem in der Diskussion um den kommenden digitalen Euro. Dies ist jedoch extrem unwahrscheinlich: Alle 27 EU-Mitgliedsstaaten müssten zustimmen, das verfassungsrechtlich verankerte Recht auf Bargeld abzuschaffen. Deichner ist sich sicher: „Bargeld hat in Deutschland einen so hohen Stellenwert, es wird auf keinen Fall verschwinden.“
Die Beliebtheit von Scheinen und Münzen nimmt in Deutschland nur langsam ab. „Ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahren zu einem Erdrutsch kommen wird. Was wir momentan sehen, ist eine Phase der friedlichen Koexistenz verschiedener Bezahlformen“, erklärt Fabian Lutz, zuständig für Marketing und Kommunikation bei der Raiffeisenbank in Regensburg-Wenzenbach. Nur während der Pandemie stieg die Zahl der bargeldlosen Transaktionen sprunghaft an. Laut Lutz haben viele Leute während der Coronapandemie die Bequemlichkeit der bargeldlosen Methoden erkannt und sind nicht vollständig zum Bargeld zurückgekehrt. Nicht zuletzt aufgrund einer jungen, digitalen Generation glaubt Lutz an eine größtenteils bargeldlose Zukunft in Deutschland: „In 20 Jahren wird Bargeld etwas Exotisches sein“.
Akzeptant bei Studenten
Die Abschaffung der Barzahlung an allen Hochschulen des Studierendenwerks Niederbayern-Oberpfalz ist jedenfalls größtenteils auf Akzeptanz gestoßen, teilte die Einrichtung mit. Nach der Umstellung wurde extra eine E-Mail-Adresse eingerichtet, um auf offene Fragen, aber auch auf Wünsche und Kritik eingehen zu können. Lediglich kurz nach der Umstellung wurde Unmut über die neuen Bezahlmethoden laut. Mittlerweile haben sich jedoch alle an die Kartenzahlung gewöhnt. Trotz der hohen Bargeldaffinität scheint Deutschland also bereit für den Wandel hin zu bargeldlosen Zahlungsmitteln zu sein.
Dieser Text entstand im Rahmen der Lehrredaktion der Mediengruppe Bayern an der Uni Passau. Autor ist Leo Greinwald.
Ein Thema, zwei Meinungen
Pro: Bargeldlos frei
Von Leo Greinwald
Juli 2022, Olympiastadion München: Fans, die sich vor dem Guns N‘ Roses-Konzert am Merchandise-Stand noch mit Band-Memorabilia eindecken wollten, durften nicht nur horrende Summen bezahlen, sondern mussten diese auch bar im Geldbeutel haben: Kartenzahlung unmöglich. Die Effizienz des Bezahlens ohne Bargeld wird jedoch nicht nur bei sündteuren Fanartikeln deutlich: statt an der Ladentheke Münzen herauszukramen, wird die EC-Karte aufgelegt – zack, alles bezahlt.
Für den Einzelnen ist bargeldloses Bezahlen also zeitsparend und bequem. Aber auch die gesamtwirtschaftliche Perspektive zeigt: eine bargeldlose Finanzstruktur ist für die Eindämmung von Wirtschaftskriminalität unerlässlich. Fehlende Bargeldobergrenzen und ineffiziente Aufsichtsbehörden haben Deutschlands Ruf als Geldwäscheparadies etabliert. Wenn dann die Frage aufkommt, warum man am Bargeld festhalten muss, wird auf die Bargeldaffinität des Volkes verwiesen. Doch dieses Argument verliert dank einer neuen, digitalen Generation an Kraft.
Contra: Frei mit Bargeld
Von Christian Eckl
Es ist eine Generationenfrage: Die Jungen zücken ihr Handy oder zahlen sogar mit der Uhr. Das ist praktisch und auf den ersten Blick auch völlig unproblematisch. Doch daran merkt man auch, dass die jüngere Generation offenbar kein Gefühl dafür hat, was mit Daten alles bewerkstelligt werden kann. Aus Daten über den Zahlungsverkehr lassen sich Profile von Menschen erstellen. Staunend habe ich vor Jahren recherchiert, dass die Deutsche Post Parteien anbot, Wahlwerbung gezielt an ihre affinen Wähler zu schicken. Wie geht das, wenn die Speicherung von politischen Einstellungen in Deutschland verboten ist? Ganz einfach: Über Bezahldaten, kombiniert mit demographischen Daten – und der Statistik. KI wird das noch weiter befeuern, der gläserne Mensch ist längst Wirklichkeit. Bargeld ist also ein Stück Freiheit und Schutz vor einem Staat, der partout alles über seine Bürger wissen will. Wieso eigentlich?