Unternehmer Conrad über Führungsstil: „Ist eine Prämie, für alle gleich , gerecht?“

Der Unternehmer Werner Conrad denkt an der Hochschule Regensburg über die Kunst nach, ein Unternehmen zu lenken. Dabei nennt er seine Vorbilder: Elon Musk ist eines, weil der visionär ist, Fußballtrainer Jürgen Klopp, weil der Menschen bewegen könnte – und auch der Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz, weil der so detailversessen ist. Was der Unternehmer noch gelernt hat in seinen Jahren an der Spitze eines Konzerns mit 2500 Mitarbeitern.
Erfolgreiche Menschen sind oft solche, die über Leichen gehen. Die ohne Rücksicht auf andere ihren Weg verfolgen, für die Gleichheit und Gerechtigkeit an DDR-Sozialismus erinnert und die finden, Arbeitnehmer sind eigentlich nur Kostenstellen. Oder nicht? Nein, natürlich nicht. Wer erfolgreich sein will mit seinem Unternehmen, der muss Führungsqualitäten entwickeln. In der Reihe „Lectures in Leadership“ dachte der Unternehmer Werner Conrad am Donnerstag an der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg über diese Frage nach: „Ist gute Führung gerecht?“
Unternehmer Conrad unterschied zunächst in Führungskraft und Management. Für ihn ist das keineswegs das Gleiche. Eine Führungskraft sei dazu da, das Unternehmen in Bewegung zu halten, Ideen zu absorbieren und in das Unternehmen einzuspeisen. Die Manager strukturieren die Organisation. Für Conrad ist die Unterscheidung wichtig. „Wenn Sie nicht mit Menschen umgehen können, sind sie sowohl als Führungskraft, als auch als Manager Fehl am Platz“, sagte Conrad den Zuhörern. Er habe immer wieder Manager erlebt, die bei einem Betriebsfest wie das fünfte Rad am Wagen neben der Belegschaft standen.
„Die gehen durchs Feuer“
„Da läuft was falsch“, meinte Conrad, denn Führungsqualitäten hätten damit zu tun, Menschen begeistern zu können. Er schilderte den Fall eines Abteilungsleiters bei Conrad, der mit Hauptschulabschluss mehrere Jahrzehnte lang eine Abteilung mit um die 20 Mitarbeitern leitete. „Der wusste von jedem, was zuhause los ist“, so der Unternehmer. Bei einem Betriebsfest, bei dem das Unternehmen alles zahlt außer den Alkohol, hielt der Abteilungsleiter seine Mitarbeiter mit 500 Euro in der Tasche frei. „Die wären für ihn durch Feuer gegangen“, schilderte Conrad. Der Vortragende reflektierte zunächst darüber, was unter Gerechtigkeit verstanden wird. Er schilderte, was die alten Griechen darunter verstanden. Ein Klassiker ist natürlich Immanuel Kant.
Er selbst tendierte aber zur Definition von John Rawls. Der schrieb „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und definierte sie so, dass zunächst einmal jeder Mensch das gleiche Recht auf gleiche Grundfreiheiten hat. Wenn es soziale Ungleichheiten gibt, dann müsste der am wenigsten Begünstigte trotzdem den größtmöglichen Vorteil haben – die Starken müssen also die Schwachen mitnehmen. „Das finde ich gut“, ordnete Conrad ein. Was es aber heißt, konkret in einem Unternehmen Gerechtigkeit herzustellen, das schilderte er an einem Beispiel – an dem klar wurde, dass man Entscheidungen treffen muss, die auch anders ausfallen könnten. Vergangenes Jahr feierte das Unternehmen 100-jähriges Bestehen und schüttete Millionen unter den Mitarbeitern als Prämie aus. Wer bekommt was?
Zahlt man dem Mitarbeiter, der seit 25 Jahren dabei ist und natürlich mehr zum Erfolg beigetragen hat dasselbe wie der jungen Nachwuchskraft, die erst seit kurzem bei Conrad arbeitet? Wie sieht es mit jenen aus, die ihren Job am liebsten von 9 bis 17 Uhr erledigen und im Kopf schon während der Arbeit am abendlichen Stammtisch sitzen? „Wir haben jedem das gleiche gegeben“, antwortet der Unternehmer auf die Frage, wie er das Dilemma löste.
Das Thema Homeoffice – wer darf, wer darf nicht? – beantwortete er aber eher mit einer Differenzierung: Der Programmierer aus Wanne-Eikel, den man unbedingt braucht, den wird man nicht nach Hirschau scheuchen. Wer fünf Kilometer entfernt wohnt, den sehr wohl. Das Prinzip Marktwert und was man diesen Mitarbeitern entsprechend bieten muss, schwang hier mit.
Conrad hatte auch Beispiele von Persönlichkeiten dabei, die er selbst als gute „Leader“ ansieht: Schon beim ersten ging ein Raunen durch die Reihen. Elon Musk, der mit Tesla und SpaceX aus Sicht Conrads „ein Visionär“ ist. Ganze Nationen schafften es nicht, so viele Satelliten ins Weltall zu schießen wie Musks SpaceX. Er wolle den Mars besiedeln. Musks Empfehlung für gute Führung ist dann auch, dass man im Maschinenraum dort arbeiten soll, wo die Arbeit geleistet wird. Man soll sich um die Mannschaft sorgen, das gefalle ihm.
Das zweite Vorbild ist für Conrad der Fußballtrainer Jürgen Klopp. Als der bei Manchester anfing, holte er alle Mitarbeiter und Spieler zusammen – und stellte einander vor. „So nach dem Motto: Wenn die nicht Eure Schuhe putzen und dafür sorgen, dass Menschen ins Stadion kommen, dann gewinnt ihr nicht.“ Sein drittes Vorbild ist der Redbull-Gründer Dietrich Mateschitz, dessen Perfektionismus ihn fasziniert.
Auf die Frage eines Studenten hin, was sein größter Misserfolg war, räumte der Unternehmer einen ein, der ihm bis heute nachgeht. Sein Unternehmen war eines der ersten, das im Internet einen Marktplatz eröffnete. 1996 war das der Fall, doch in gewisser Weise war das zu früh. Als die Jahre ins Land zogen, merkte er, dass es wieder aufzuholen gilt. Immerhin steht sein Unternehmen in Konkurrenz etwa mit Amazon, dem König des Marktplatzes im Internet.
Geschwindigkeit gescheitert
Er holte sich einen Mann, der Atomphysiker war und von dem er Disruption verlangte, also ein Umbau des Unternehmens bis in die Substanz. Doch die Erschütterungen waren zu heftig. „Ich dachte, es gelingt mir, die Mitarbeiter alle mitzunehmen.“ Veränderung aber geschehe im Kopf. Er sei gescheitert. Gerechte Führung, das konnte man aus dem überaus interessanten Vortrag des Leib-und-Seele-Unternehmers also durchaus mitnehmen, ist auch, die Geschwindigkeit des guten Führers mitjener der Belegschaft in Gleichklang zu bringen. Sonst kollidieren am Ende die Züge und aus dem Willen zur Transformation und Veränderung wäre ein Desaster geworden.
Conrads Quintessenz: Gute Führung handelt transparent, authentisch, visionär, den Mitarbeitern zugewandt. „Es allen Recht machen zu wollen, das wird nicht gehen“, auch das ist seine Erkenntnis.
Das Unternehmen
Gründung: 1923 gründete Max Conrad in Berlin eine Firma und verkaufte Bauteile für Radiogeräte. 1930 folgte der erste Conrad-Katalog, da war bereits Werner Conrad senior im Geschäft. 1946 wurde das Unternehmen von Berlin nach Hirschau in der Oberpfalz verlegt, 1956 stieg Klaus Conrad in das Unternehmen ein und 1997 Werner Conrad junior.
Online: 2022 sorgte die Entscheidung des Unternehmens für Schlagzeilen, die Filialen für den Endverbraucher zu schließen und sich auf das B2B-Geschäft (also mit Firmenkunden) zu konzentrieren. Täglich versendet Conrad etwa 50000 Lieferungen am Tag und gehört zu den großen Elektronik-Plattformen.