„Das Geld fällt nicht vom Himmel“: Ein Wittelsbacher blickt düster auf die deutsche Wirtschaft

Von Christian Eckl · 20. Juni 2024 um 08:49

Prinz Luitpold von Bayern führt die Unternehmen des Hauses Wittelsbach. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern warnt der Adelige vor dem Abstieg Deutschlands.

Prinz, in welchem Bereich sind Sie tätig?

Prinz Luitpold von Bayern: Mein Kerngeschäft ist weiterhin das Bier und die Schlossbrauerei Kaltenberg, ich leite hier die Abteilung für Marketing und internationalen Vertrieb und kümmere mich um die Rechte der Familie Wittelsbach in Deutschland und weltweit. Wir produzieren heute in verschiedenen Ländern der Welt, in der Regel in Lizenz mit deutschen Maschinen vor Ort und unserem Know-how, natürlich nach dem Reinheitsgebot. Wir haben beispielsweise eine Produktionsstätte in der Mongolei und in Indonesien. Seit einigen Jahren engagiere ich mich auch bei der Porzellanmanufaktur Nymphenburg, ein Unternehmen, in dem seit 270 Jahren und bis heute in reiner Handarbeit Porzellan hergestellt und verarbeitet wird, mit 60 Mitarbeitern.

Wie blickt man im Ausland auf Deutschland?

Prinz Luitpold: Wir hatten einen extrem guten Ruf für Qualität und Zuverlässigkeit, wir waren ein Vorbild. Diesen Ruf verspielen wir im Moment. Wir sind nicht mehr pünktlich und wir sind auch nicht mehr zuverlässig. Der Ruf Deutschlands ist stark angeknackst. Noch führen wir mit deutschen Industrieprodukten, also im Maschinenbau. Aber in anderen Bereichen verlieren wir deutlich an Boden.

Was sind die Ursachen?

Prinz Luitpold: Ich würde das nicht an einer einzelnen Ursache festmachen. Momentan erleben wir einen ganz generellen Wandel, der mir große Sorgen macht. Deutschland hat mit der Sozialen Marktwirtschaft sehr erfolgreich nach dem Zweiten Weltkrieg einen Weg beschritten, der klar gemacht hat: Eigentum verpflichtet, alle werden mitgenommen. Zwischenzeitlich sind wir aber in einer Art sozialistischen Marktwirtschaft angekommen, in der der Staat alles regeln will. Wir erleben fundamentalistisch geprägte Politiker, die unser System in eine Staatswirtschaft umbauen wollen. Gearbeitet wird dabei über scheinbar willkürlich vergebene Subventionen, die aber nicht zur Besserung der gesamtwirtschaftlichen Lage führen, zudem mussten wir schon zu oft sehen, dass staatsgelenkte Unternehmungen viel schlechter als privatwirtschaftliche funktionieren.

Die Googles und Amazons, die hierzulande viel Geld verdienen, zahlen kaum Steuern. Die Börsenkurse deutscher Unternehmen sind hoch. Ist doch alles in Butter, oder?

Prinz Luitpold: Die Börsenkurse sind hoch, weil die Unternehmen noch hohe Gewinne machen – das Problem ist nur: Die machen sie nicht hierzulande. Wir erleben im Moment eine beispiellose Kapitalflucht. Das Fatale ist: Der Staat versucht, immer mehr Geld aus den Unternehmen herauszuquetschen. Übrigens auch von den Arbeitnehmern, denn Arbeit wird in Deutschland extrem hoch besteuert, da unsere Staatsquote zu hoch ist. Was macht also ein deutsches Unternehmen, wenn es überleben will? Es investiert im Ausland.

Gleichzeitig hat ein erheblicher Teil der Bevölkerung keinen Anteil daran. Wieso?

Prinz Luitpold: Das ist bedingt durch den Zweiten Weltkrieg. Wir haben mit Mieten angefangen. In Ländern wie Italien und Frankreich ist der Anteil an Eigentümern viel höher. Dort hat zwar der Staat höhere Schulden, aber die Familien haben Häuser, auch wenn die Standards oft geringer sind als bei uns. Die vielen Vorschriften machen den Hausbau in Deutschland unerschwinglich, dazu macht die hohe Steuerbelastung den Vermögensaufbau im Privatbereich sehr schwer. Das ist ein Teufelskreis: Wer im Alter mieten muss, kann leicht verarmen.

Hatten Sie es einfacher als Erbe einer großen Geschichte?

Prinz Luitpold: Als ich mit 25 Jahren ins Unternehmen eintrat, da hatte ich es mit gekündigten Kreditlinien und defizitären Bereichen zu tun. Ich habe die Herausforderung damals angenommen, auch aus Verantwortung gegenüber der Geschichte und den Mitarbeitern.

Über die Jahre hat sich das stabilisiert. Aber es ist ein Problem, dass in der Schule kaum etwas vermittelt wird über das Unternehmertum. Wir sind nicht deswegen erfolgreich, weil das Geld vom Himmel fällt, sondern weil wir Unternehmer hatten, die dieses Land aufgebaut haben und die Arbeitskräfte eingestellt haben, die Steuern generiert haben. Heute haben wir nur einen Vorteil bei der Bildung – noch.

Wie meinen Sie das?

Prinz Luitpold: Nach wie vor haben wir hervorragende Schulen und Universitäten, aber wir werden schlechter. Und wenn Ideen aus dem universitären Bereich kommen, entstehen selten Unternehmen mit großen Zukunftschancen daraus. Wenn man hier eine Baugenehmigung braucht, dann wartet man fünf Jahre, ich spreche aus eigener Erfahrung, weil die Behörden nicht mehr hinterher kommen. In den USA kriegen sie die in drei Monaten. Ein junges, dynamisches Unternehmen muss aber schnell expandieren können. Die Folge ist: Die jungen Unternehmer gehen weg.

Sie haben als Angehöriger des Hauses Wittelsbach die historische Perspektive. An welcher Weggabelung der Geschichte stehen wir gerade?

Prinz Luitpold: Wenn man sich die Welt ansieht, dann gibt es aufstrebende Staaten, die 100 Prozent anschieben, auch weil sie auf Rohstoffen sitzen. Die haben das Bedürfnis, aufzusteigen. In Deutschland ist eine gewisse Lethargie eingetreten. Vor wenigen Jahren haben Unternehmen wie Google die Weltwirtschaft komplett verändert. In China und Indien geht es jetzt erst richtig los. Es gibt noch Bereiche, in denen wir Chancen hätten, ich denke beispielsweise an die Biotechnologie. Aber die Gefahr ist, dass diese Pflänzchen, die wir bei uns haben, auch noch kaputt getreten werden, dann bleibt vielleicht Tourismus.

Ihren Verband treibt das Thema Fachkräftemangel um. Löst Migration das Problem?

Prinz Luitpold: Das Problem liegt tiefer. Wenn man qualifizierte Fachkräfte auf dem Weltmarkt finden will, muss man weltmarktkonforme Bedingungen bieten. Das heißt: Wie viel bleibt am Ende des Tages in der eigenen Tasche übrig? Und wie schwer ist es, dort hinzukommen? Wenn man sich mit deutschen Konsulaten rumschlagen muss, um eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen, wenn man mit Deutsch eine schwere Sprache lernen muss und dann auch noch keine Wohnung bekommt, wird es schwer. In Dubai muss die Fachkraft gar keine Steuern zahlen und kommt mit Englisch durch.

Sehen Sie in der Monarchie Vorzüge?

Prinz Luitpold: Die älteste Demokratie der Welt, England, hat eine Monarchie. Ich halte die Demokratie für eine der wichtigsten Errungenschaften. Aber ich erwarte auch, dass die Gewaltenteilung sauber ist. Das ist das Entscheidende. Ob nun das Staatsoberhaupt gewählt wird oder ein Monarch ist, ist nicht wesentlich. Wichtig ist, dass die Person den Staat über Parteigrenzen repräsentiert und den Bürgern hilft sich mit dem Staat zu identifizieren. Welche Staatsform besser ist, wird die Geschichte zeigen.

Der Unternehmer

Adel: Luitpold von Bayern ist Mitglied des Hauses Wittelsbach, das von 1180 bis 1918 als Herzöge, Kurfürsten und Könige in Bayern regierten. Er stände nach dem Oberhaupt Herzog Franz und dessen Bruder Max Emanuel an dritter Stelle in der Thronfolge und ist Urenkel des letzten Königs Ludwig III.

Tätigkeit: Der Jurist übernahm 1976 die Geschäfte der König Ludwig Schloßbrauerei Kaltenberg, gründete das Kaltenberger Ritterturnier und übernahm 2011 die Porzellanmanufaktur Nymphenburg, die zwischenzeitlich auf der Liste des immateriellen Kulturerbe steht. Weltweit vertritt Prinz Luitpold, wie der Unternehmer bürgerlich heißt, die Rechte der Familie Wittelsbach.

Verband: Prinz Luitpold ist Landesvorsitzender des Verbands Die Familienunternehmen. Am Donnerstag, 27. Juni, tagt der Verband im Haus der Bayerischen Geschichte unter dem Motto „Kehrtwende – Vom Staatsdirigismus zurück zur Sozialen Marktwirtschaft“ im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Mit dabei ist neben Finanzminister Albert Füracker auch Christian Haub von der Tengelmann-Gruppe.