Vorstand der Eckert Schulen im Interview: „Wir werden Migration nicht stoppen können“

Auf dem Campus der Eckert Schulen in Regenstauf (Landkreis Regensburg) werden Meister und Techniker ebenso ausgebildet wie medizinisch-technische Assistenten. Vorstand Stephan Koller spricht im Interview über die Bürgergeld-Debatte, gelingende Integration und Hausaufgaben des Sozialstaates.
Eckert-Schulen sind quasi eine Stadt in der Stadt. Was genau sind die Eckert Schulen?
Stephan Koller: Der Kern sind drei Bereiche, aber hier am Campus gibt es weit mehr als drei Schulen. Wir haben ein großes Catering-Unternehmen hier, da täglich tausende Schüler verpflegt werden. Zudem gibt es ein Seniorenheim sowie eine Akademie. Außerdem haben wir einen Kindergarten und eine Art ärztliches Versorgungszentrum. Ferner gibt es eine Apotheke am Campus.
Wie viele Schüler werden beschult?
Koller: Etwa 10.500 in den verschiedensten Bereichen. Wir haben gut 850 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter in Deutschland. Ein gutes Qualitätsmerkmal aber ist es, dass viele Lehrkräfte in der freien Wirtschaft arbeiten, etwa als niedergelassene Ärzte oder Rechtsanwälte. Gerade, wenn zum Beispiel juristische Zusammenhänge in der beruflichen Ausbildung eine Rolle spielen, etwa beim Betriebsverfassungsgesetz, dann bringen die aktiven Anwälte ihr ganz aktuelles Wissen hier ein. Eckert betreibt derzeit 40 Standorte in der ganzen Bundesrepublik Deutschland.
Sie haben im Berufsförderungswerk Menschen, die wieder eingegliedert werden sollen. Kostet das den Staat nicht viel Geld?
Koller: Diese Menschen können ihren erlernten und ausgeübten Beruf nicht mehr ausüben. Wir haben hier am Campus von jeher auch einen sozialpolitischen Auftrag ausgeführt – Studien belegen, dass sich quasi der „Social Return of Invest“ nicht erst nach Jahren einstellt, sondern oftmals bereits nach drei bis fünf Jahren. Nehmen wir einen Lkw-Fahrer mit Bandscheibenvorfall. Wenn er beispielsweise zum Speditionskaufmann umschult, dann erwirtschaftet er zusammen mit seinem Arbeitgeber die Ausgaben des Staates nach wenigen Jahren wieder.
Und die weiteren Bereiche?
Koller: Das Regionale Bildungszentrum ist in der Meister-, Techniker und Fachwirtausbildung tätig. Das ist unsere größte Gruppe und etwa 9000 der 10.500 Schüler machen diese. Zudem erfolgt dort die Pflegeanpassungsqualifizierung und zum anderen werden zugewanderte Menschen in Integrationskursen unterrichtet. Das dritte Standbein ist die Dr. Robert Eckert Akademie. Dort werden Techniker in elf verschiedenen Fachrichtungen ausgebildet. Hier sind auch die medizinischen Fachschulen und die Hotelschulen angegliedert.
Sie bilden also Personal in einem Mangelsektor aus?
Koller: Ja, wir bilden hier am Campus beispielsweise die medizinisch-technischen Labor-oder Radiologieassistentinnen aus. Der Staat hat erkannt, dass viele junge Menschen diesen Beruf nicht wählen, weil sie Schulgeld bezahlen mussten. Das wurde abgeschafft und nun werden diese Mitarbeiter in Kliniken oder bei niedergelassenen Ärzten angestellt und die bezahlen das Schulgeld zusätzlich zu einer Ausbildungsvergütung.
In Deutschland wird viel über Zuwanderung diskutiert. Wieso gibt es in medizinischen Berufen und in der Pflege überhaupt diesen Mangel?
Koller: In solchen Klassen sitzen neben vielen deutschen und europäischen jungen Frauen häufig auch Schülerinnen, die Kopftuch tragen, einen aus meiner Sicht tollen Beruf ergreifen und sich so sehr gut integrieren – und das in einem Mangelberuf.
Aber wieso macht der Staat das nicht selbst – sondern Sie als private Schule?
Koller: Im Reha-Bereich finanziert der Sozialstaat die Ausbildung. Zumeist sind es aber Privatpersonen, die die Ausbildung bezahlen, was die Motivation auch immens steigert. Wir haben aber auch eine Kooperation mit einem namhaften bayerischen Automobilhersteller und schulen Mitarbeiter im Zuge der Transformation zu Elektromobilität um. Auch eine mit Tesla zur Ausbildung und Qualifizierung von deren Mitarbeitern. Der Staat hat mit dem Qualifizierungs-Chancengesetz auf den Fachkräftemangel reagiert. Wenn ein Anbieter von Dieselstandheizungen erkennt, dass sein Produkt keine Zukunft mehr hat, dann wird die Weiterbildung der Mitarbeiter beispielsweise für den Bau von Elektromotoren oder Akkumulatoren gefördert. Siemens in Amberg nimmt dies derzeit wahr und lässt Mitarbeiter zu Fachkräften für Mechatronik umqualifizieren.
Sie spüren es unmittelbar: Wie schlecht geht es der Wirtschaft im Moment?
Koller: Wenn wir hier am Campus unsere Jobbörse anbieten, kommen mehr als 100 Unternehmen und die Nachfrage ist größer als unser Platz. Sicherlich geht es der Wirtschaft nicht mehr so gut wie vor einigen Jahren, aber bei den Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, herrscht keine Weltuntergangsstimmung.
Kritik gibt es auch häufig am Schulsystem. Zutreffend?
Koller: Für unsere Schüler kann ich das nicht bestätigen. Unsere Schüler werden auf der Ebene Bachelor Professional ausgebildet, kommen aber häufig mit einem Mittelschul- oder Realschulabschluss, haben dann ihren Gesellenbrief gemacht und machen beispielsweise ihren Meister oder Techniker. Sie verzichten dabei auf Einkommen, zahlen das und haben dadurch eine starke Motivation. Die schulischen Grundlagen sind hier durchaus gegeben und gut. Kürzlich wurde eine Studie der Uni Würzburg veröffentlicht, die belegt, dass man mit einer Zusatzqualifikation wie den Meistertitel deutlich mehr Gehalt erreichen kann, als wenn man lediglich einen Bachelorabschluss einer Universität vorweist.
Spielt KI eine Rolle?
Koller: Gerade an den Meister- und Technikerschulen eine sehr große, ja. KI wird einiges erleichtern, aber sie wird nicht die Entscheidungen treffen, sondern der Mensch. Wenn der Mensch nicht mehr in der Lage sein wird, diese Systeme zu überwachen und zu steuern, wird es schwierig. Ich glaube, dass eine wahnsinnige Produktivitätswelle auf uns zukommen wird, aber der Mensch wird der limitierende Faktor bei dieser Technik bleiben. Wir müssen unsere Schüler darauf vorbereiten.
Sie haben die Integrationsleistung angesprochen. In der derzeit laufenden politischen Debatte wird Migration eher als Belastung dargestellt. Welche Perspektive haben Sie?
Koller: Aktuell haben wir deutschlandweit 180 Integrationsklassen. Es gab noch in keiner einzigen Ärger. Die Leute sind motiviert, wollen Deutsch lernen und in Arbeit kommen, um Geld zu verdienen. Die Sprachbarriere ist einfach ein Problem. Wenn man IT-Spezialist aus Indien ist, kann man bei Apple anfangen, dort ist die Sprache ohnehin Englisch. Aber wenn man aus Syrien nach Deutschland kommt und nicht einmal das Alphabet beherrscht, müssen wir alphabetisieren. Doch ohne die Sprachkenntnis hat man keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, sie ist der Schlüssel.
Ist es schwierig, dafür Lehrer zu finden?
Koller: Wir werben derzeit beispielsweise in Ägypten Lehrkräfte an, die Germanistik studiert haben, die wir bei uns einsetzen.
Schadet die kritische Debatte über Migration der Wirtschaft?
Koller: Wir werden die Migration nicht stoppen können. Menschen werden sich aufgrund des Klimawandels und Kriegen immer auf den Weg machen. Menschen, die bereits bei uns sind, werden auch nicht freiwillig zurückgehen. Der Staat hat eine Herausforderung zu meistern, etwa weil die Kapazitäten bei Schulgebäuden und Lehrkräften begrenzt sind.
Lange war eine Debatte darüber, woher Migranten kommen und wie schwierig ihre Integration ist, nicht erwünscht. Gibt es Unterschiede?
Koller: Die Voraussetzungen sind unterschiedlich. Wir haben hier beispielsweise Schüler aus Korea. Dort hat man kein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland, schätzt dieses aber sehr. Firmen schicken ihren Nachwuchs zu uns. Bei Pflegekräften beispielsweise aus Indien ist es so, dass es einen sogenannten Defizit-Bescheid gibt. Diese Defizite beseitigen wir im Rahmen der Qualifizierung.
Zuletzt eine weitere politische Debatte: Die um das Bürgergeld, das kritisch gesehen wird. Richtig so?
Koller: Wie bei der Migration, so halte ich auch diese für eine fehlgeleitete Debatte. Seit es Bürgergeld heißt, hat sich nichts gravierend verändert. Wer Bürgergeld bezieht, kann sich keinen Porsche vor die Tür stellen oder in Urlaub fahren. Man kommt mit dem Geld um die Runden, mehr nicht. Auch diese Debatte halte ich für eine völlig übertriebene.
