Wenn Bewohner eines Psychiatrie-Altenheims mittels Virtual-Reality-Brille auf dem Mars spazieren

Von Christian Eckl · 10. Juni 2024 um 15:47

Im medbo-Altersheim Regensburg werden VR-Brillen eingesetzt: Neben Spaziergängen auf dem Mars gibt es Schwimmen mit Delphinen oder einen Waldspaziergang. Eine Krankenschwester schrieb nun eine Arbeit über die Erfolge des VR-Einsatzes – die Ergebnisse sind verblüffen. So wurden weniger Medikamente eingesetzt.

Experten sagen, dass dem Gesundheits- und Pflegebereich ein Digitalisierungs-Boom bevorsteht. Fraglich ist dabei allerdings, ob die neuen Technologien dabei helfen können, die strukturellen Probleme in Pflege und Gesundheitswesen zu lösen. Denn das Kernproblem ist bislang: Immer mehr Menschen, die Leistungen in Anspruch nehmen müssen, stehen immer weniger Fachkräfte gegenüber, die diese Leistungen erbringen. Eine jetzt veröffentlichte Studie zum Einsatz neuer Technologien einer Regenburgerin zeigt: Selbst wenn die neuen Techniken nicht die Kernprobleme lösen, so wird es für Betroffene erträglicher, Alter und Krankheit zu erdulden.

Daniela Karl, Krankenschwester im medbo-Altenheim am Bezirksklinikum, hat den Einsatz von Brillen mit sogenannter „Virtueller Realität“ mit ihren Bewohnern ausprobiert. Die Ergebnisse begeistern nicht nur die Pflegekraft selbst – sondern auch die Menschen, die mit einer psychischen Erkrankung und der Mühsal des Alters zu kämpfen haben.

Kaum mehr ins Freie

„Unsere Bewohner bekommen nicht sehr oft Besuch“, sagt Karl. „Durch motorische und psychische Einschränkungen können viele von ihnen auch nicht mehr nach draußen.“ In dem psychiatrischen Pflegeheim, in dem Daniela Karl arbeitet, leben 21 Bewohner im Haus 5 in ihrer Station. Die jüngste Bewohnerin ist 42 – die Bandbreite an Pflegebedürftigen also deutlich größer als in einem herkömmlichen Pflegeheim. Gerade Corona hatte die Situation nochmals verschärft. Karl war gerade dabei, in einem Studium den Bachelor of Science Psychiatrische Pflege zu absolvieren, der eine Kooperation zwischen der medbo und den Döpfer-Schulen ist. „Ich habe nach einer Bachelorarbeit gesucht – und bin auf die Idee gestoßen, VR-Brillen in unserer Einrichtung einzusetzen.“ Mit diesen Brillen kann man in digitale Welten abtauchen. Wichtig war aber: „Ihr Einsatz musste unkompliziert sein.“

Die Wahl fiel auf das Unternehmen Magic Horizons, das auf Soft- und Hardware von Virtuelle-Realität-Anwendungen spezialisiert ist. Das Münchner Unternehmen wurde 2018 von den Brüdern Giorgia und Martin Koppehele gegründet, die beide Erfahrungen aus dem Video- und Musikbereich mitgebracht haben.

In Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität Berlin entwickelten sie die Brillen und die passende Software dazu. Karl erläutert, wie es weiterging: „Ich habe eine Brille für den Zeitraum von fünf Wochen bekommen.“ Insgesamt nahmen acht Bewohner an ihrem Versuch teilt, den sie für ihre Bachelor-Arbeit durchführte. „Wir hatten eine Light-Version, die Videosequenzen dauerten zwischen fünf und acht Minuten.“ Aus einem Katalog konnten die virtuellen Reisen ausgesucht werden. „Es gibt einen Waldspaziergang“, erzählt die Krankenschwester, „es gibt eine Sequenz, in der man mit einer Gruppe Delphine schwimmt“, sagt sie weiter.

Auch eine Wanderung durch die Arktis ist im Angebot von Magic Horizons, genauso wie ein Spaziergang auf dem Mars. „Einer der teilnehmenden Bewohner wollte immer auf den Mars, ein anderer in die Arktis.“ Dort habe er auch Eisbären gesehen. Natürlich haben auch Karl und ihre Kollegen die Brille eingesetzt. Sie sagt: „Ich habe die Eisbären nicht gesehen“ – und lacht. Aber sie fährt ernst fort: „Auch für die Pflegekräfte ist die Brille eine gute Möglichkeit, aus dem sehr anstrengenden Arbeitsalltag kurz auszubrechen.“

Sind digitale Angebote wie die VR-Brille – und man kann sich viele weitere denken wie etwa Pflegeroboter, die bereits in Japan im Einsatz sind – die Lösung für den immer gravierenderen Fachkräftemangel im Pflegebereich? Karl sagt: „Nein, das glaube ich nicht.“ Zwar könne man die Brille gut einsetzen, die Ergebnisse waren beeindruckend. Die Bewohner bekommen, wenn sie dies wollen, etwa bei Angstzuständen neben ihrer täglichen Medikamente auch eine sogenannte Bedarfsmedikation. „Die ist bei den Teilnehmern deutlich zurückgegangen.“ Der Einsatz der Brille führte also tatsächlich dazu, dass Bewohner weniger Ängste verspürten. Die Reisen in die Waldlandschaft oder auf den Mars wurden aber auch ausreichend reflektiert. „Wir haben immer vor und nach der Sitzung gesprochen.“ Die menschliche Zuwendung könne von einer Maschine nicht ersetzt, wohl aber ergänzt werden.

Zwei Brillen angeschafft

Der Einsatz der Brille war so überzeugend, dass Karl diesen auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrische Pflege vorgestellt hat. „Die Kollegen waren sehr angetan“, schildert die Regensburgerin. Und die medbo hat einen weiteren Einsatz genehmigt, sagt Katharina Tenberge-Holzer, stellvertretende Pressesprecherin. „Wir starten mit zwei Brillen“ – ein weiterer Einsatz ist also gesichert.

Daniela Karl stellt den Patienten die Brille ein.