Wie die KI den Alltag revolutioniert: „Künstliche Intelligenz wird Menschen beobachten“

Von Christian Eckl · 16. Mai 2024 um 05:00

Die Spracherkennung „Whisper“ scannt das Netz und verarbeitet Audiodateien, weil den Großen Sprachmodellen die Texte ausgehen. Ein Amberger Professor glaubt, die Künstliche Intelligenz wird uns bald beobachten und vom Verhalten des Menschen lernen.

Wieder machte das Unternehmen OpenAI Anfang der Woche Schlagzeilen. Was bis vor wenigen Monaten noch undenkbar schien, dass mit Hilfe Künstlicher Intelligenz Gespräche geführt werden können wie bisher nur in Science-Fiction, ist nun Realität. „Alles kann miteinander verbunden werden – und zwar nicht auf einer Programmierebene, sondern mittels Sprache“, sagt Professor Ulrich Schäfer von der OTH Weiden-Amberg. Der Wissenschaftler hat eine Professur für Medieninformatik und Mobile Computing an der Oberpfälzer Hochschule. Im Gespräch ist zu spüren, wie er selbst von den Entwicklungen bei der Künstlichen Intelligenz fasziniert ist.

Vor drei Jahren undenkbar

Am 10. Juni wird Schäfer über dieses Thema in Schwandorf referieren, wenn er die KI im Alltag vorstellt. Text- oder Bilderkennungen sind längst in den Smartphones angekommen. Viele Menschen nutzen also KI, ohne das zu merken, beispielsweise wenn ihr Handy in der Foto-App Personen erkennt oder Rückblicke über schöne Urlaube automatisch erstellt. „Jeder wird zum Programmierer, indem er mittels Sprache Softwareteile verbinden kann“, sagt der Experte. Das Besondere an KI ist nicht, dass sie Sprache interpretieren kann.

Maschine interpretiert aus dem Kontext

Drückt sich ein Nutzer, weil er vielleicht nicht über das nötige Wissen verfügt, unklar aus, interpretiert die Maschine aus dem Kontext heraus – „so, wie das auch Menschen tun“, sagt Schäfer. Das sei „eine neue Qualität“ und „vor drei, vier Jahren als Entwicklung noch nicht einmal denkbar“ gewesen. Immer neue Ideen werden nun die kommenden Monate und Jahre entstehen, von denen bisher gesagt wurde: Dazu benötigt man Experten.

Doch genau hier setzt die Kritik vieler Arbeitnehmervertreter ein: Was, wenn das Fachwissen in Zukunft nichts mehr wert ist? Was, wenn man lange studiert, sich Expertise aneignet – die dann von Unternehmen wie OpenAI schlicht geraubt wird, weil auch das Wissen der KI zumindest bisher auf zuvor von Menschen geschaffenen Texten basiert?

Dass gerade die Gewerkschaften große Sorgen haben, das kam auch am Mittwoch bei einer Anhörung des Bundestags zum AI-Act der EU zum Tragen (siehe Text auf dieser Seite). Der Deutsche Gewerkschaftsbund gab eine Stellungnahme ab, die eine Regulierung des Einsatzes von KI im betrieblichen Kontext forderte. „ Zentrale Fragen hinsichtlich des Regelungsbedarfs in der Arbeitswelt bleiben offen“, trug der Vertreter des DGB vor. Der DGB ging sogar soweit, betriebsinterne Beschäftigungs-Datenschutzgesetze zu fordern – ein weiteres bürokratisches Monstrum, würden die einen denken, die anderen, der Schutz von Arbeitnehmern vor Verwertung der durch sie geschaffenen Daten.

Eine Aussage eines Nobelpreisträgers indes schockte auch den KI-Experten Schäfer: Christopher Pissarides, der als Arbeitsökonom den renommiertesten aller Wissenschaftspreise bekam, warnte junge Menschen vor einem Studium der sogenannten MINT-Fächer (Mathe, Ingenieur- Naturwissenschaft und Technik). Pissarides behauptete, diese Fächer beziehungsweise deren Absolventen würden künftig von automatisierten Lösungen ersetzt werden. „Ich halte diese Aussage für fatal“, sagt Schäfer dazu. „Es wäre fatal, wenn die Anzahl derer, die sich mit Technik und Naturwissenschaften befassen, sinken würde.“ Aus seiner Sicht sei das einer der „schlimmsten Falschaussagen der letzten Zeit“.

Fasziniert ist Schäfer von den Möglichkeiten der KI durch Spracherkennung, wie sie derzeit schon angewandt wird und nun auch öffentlich anwendbar wird. Am Montag verkündete das Unternehmen OpenAI, dass GPT-4o (das o steht für omni, also Latein für alles) Gesprächssituationen ermöglicht. Damit ist der Schritt für KI-Anwendungen in den Alltag der Menschen näher gerückt.

Den Menschen im Blick

Schon jetzt scannen die Unternehmen für ihre Großen Sprachmodelle Bewegtbild-Portale wie Youtube, weil die frei zugänglichen Texte zum Trainieren langsam zur Neige gehen. „Bald werden die Modelle auch visuell in Videos beobachten, wie sich Menschen verhalten“, glaubt Schäfer. Und doch hält der KI-Experte die menschlichste aller Fähigkeiten für schwer ersetzbar: Die Intuition, erzeugt von Gefühl.