Friedenssymbol wird zum Zankapfel: Tauben im Kirchturm von St. Salvator in Rötz eingesperrt

Von Stefanie Bauer · 28. Juni 2024 um 05:00

In der Bibel wird die Taube, mit einem Ölzweig im Schnabel, zum Überbringer der Botschaft vom Ende der Sintflut. Nicht nur im christlichen Glauben ist sie ein Symbol für den Frieden. Nun sind es ausgerechnet Tauben, die in den Augen von Rötzer Tierschützern (Landkreis Cham) von Seiten der Kirche alles andere als gut behandelt werden.

In den Kirchturmfenstern von St. Salvator wurden vor etwa zwei Wochen Gitter eingebaut. Dabei, berichtet eine Rötzerin, die anonym bleiben möchte, seien mehrere Tauben eingesperrt worden. Dass dies wissentlich geschehen sei und man das Leiden der Tiere billigend in Kauf genommen habe, ist für die Bürgerin, die sich auch in anderen Bereichen des Tierschutzes engagiert, unverständlich.

Als sie sah, wie die Tauben vergeblich einen Weg ins Freie suchten, habe sie schon tags darauf versucht, Kontakt mit Stadtpfarrer Alexander Dyadychenko aufzunehmen, ihn aber nicht erreicht und ihm nur eine Textnachricht zum Sachverhalt schicken können. Als bis zum Spätnachmittag keine Reaktion gekommen sei, habe sie eine weitere Person um Hilfe gebeten, die dem Pfarrer in einer Sprachnachricht auf die Dringlichkeit des Problems hingewiesen habe.

„Wir forderten, dass die Tauben wieder ein- und ausfliegen können, da sie sonst verhungern und verdursten“, sagt die Rötzerin. „Sollte keine Lösung gefunden werden“, so die Nachricht weiter, müsse man die Feuerwehr um Hilfe bitten. Beide hätten dem Pfarrer auch Unterstützung angeboten.

Futter und Wasser verteilt

Daraufhin habe dieser sich bereiterklärt, die Kirche zu öffnen, so dass man über eine steile Treppe den Dachboden erreichen konnte. „Oben fanden wir viele tote Tauben vor“. Die lebenden Tauben seien unerreichbar für die Helfer in den hohen Kirchturm hinaufgeflogen. „Wir verteilten Futter und Wasser, konnten aber zunächst nicht mehr tun, da es mittlerweile schon sehr dunkel war.“ Auch am nächsten Tag, einem Samstag, habe man sich seitens der Kirche nicht um das Problem gekümmert, so die Rötzerin. Eine Bitte an den Pfarrer, die Firma, die das Gitter angebracht hatte, zu veranlassen, dieses wegen der Tauben noch einmal zu entfernen, habe kein Ergebnis gebracht.

Sie habe daraufhin beschlossen, nochmals nach den Tauben zu sehen und ihnen erneut Wasser und Futter hinzustellen. „Weil ich unsicher war, wie es den Tauben ging, kletterte ich in den hohen Kirchturm.“

Dort habe sie dann zwei unterschiedlich alte Küken gefunden, denen es nicht mehr gut gegangen sei. Nicht nur das, auf dem Dachboden habe sie mehrere verendete Tauben gefunden, einige davon seien beringt gewesen. In ihrer Verzweiflung und der Angst, dass die Tauben und ihre Küken verhungern und verdursten könnten, habe sie beschlossen, ein Stück des Gitters abzuschrauben, damit die Tauben herausfliegen konnten. Die Küken seien professionell versorgt worden: „Leider überlebte trotzdem nur eines.“ Die Nester, aus denen die Küken gefallen sind, vermutet sie „ganz oben in der Zwiebel“, ohne Möglichkeit für Menschen, dorthin zu gelangen. „Die Arbeiter, die die Gitter angebracht haben, können die Nester nicht gesehen haben“. Das gelte, so die Bürgerin, allerdings nicht für die herumfliegenden Tauben, die ins Freie zu gelangen versuchten.

Dem widerspricht Stadtpfarrer Dyadychenko: Die Mitarbeiter der Firma hätten vorab und nach Beendigung der Maßnahme überprüft, ob sich Tauben im Kirchturm aufhalten würden. Einzelne Tiere hätten sich zu diesem Zeitpunkt wohl versteckt. Es sei nie die Absicht gewesen, diese einzusperren. Als sich gezeigt habe, dass noch Tauben im Turm seien, habe er sich bei einem Taubenzüchter erkundigt, so Dyadychenko. Dieser habe geraten, eine kurze Zeit den Vögeln weder Nahrung noch Wasser zu geben, um sie zu immobilisieren, damit sie dann leichter gefangen und ins Freie gebracht werden könnten. „Durch das Füttern wurde das Leid der Tauben nur verzögert“, ist der Pfarrer überzeugt.

Er erklärt, warum die Gitter an den Kirchturmfenstern überhaupt angebracht wurden: Es hätten sich etliche Menschen beschwert, dass die Gräber auf dem Friedhof durch Taubenkot ständig stark verschmutzt würden. Und nicht nur das, auch in der Salvatorkirche selbst, die unter Denkmalschutz stehe, lande der Taubenkot und beschädige so vergoldetes Kircheninventar oder Heiligenbilder.

Taubenkot auf Glocke

Ein Hauptproblem sei die Kirchenglocke, die wohl besonders viel abbekommt: Der Mitarbeiter der Glockenbaufirma weigere sich seit zwei Jahren, die vertraglich notwendigen Wartungsarbeiten durchzuführen, weil der Dachboden und Glockenturm extrem stark und gesundheitsgefährdend mit Taubenkot verschmutzt sei. Deshalb habe man die Vögel fernhalten wollen, so der Pfarrer. Auch früher hätten tote Tauben auf dem Dachboden gelegen, weil die allgemeine Sterblichkeitsquote bei Tauben sehr groß sei und sie zum Beispiel untereinander Kämpfe austragen würden.

Indem nun das Gitter geöffnet worden sei, kämen wieder Tauben in den Kirchturm und alles ginge von vorn los. Derselben Meinung ist Kirchenpfleger Norbert Przybyla, der am Wochenende nach der Maßnahme nicht in Rötz war und sich nun mehr als frustriert zeigt. Über zwei Jahre habe er auf den Termin mit der Firma, die die Gitter angebracht hat, gewartet, weil die kostenintensive Maßnahme einen ganzen Tag dauere und dafür ein spezieller Hubsteiger mit der erforderlichen Ausladung notwendig sei, da der Glockenturm von der Friedhofseite nicht zugänglich sei.

„Bei den Gittern handelt es sich um gehärtetes Kupferlochblech“, so der Kirchenpfleger. Einmal umgeknickt, könne man es nicht einfach wieder zurückbiegen: „Dann bricht es.“ Somit müsse ein neues Blech wieder von außen mittels Hubsteiger eingebaut werden. Das würde Kosten im höheren dreistelligen Bereich verursachen, ganz zu schweigen von der Wartezeit auf einen neuen Termin. Die Aktion an besagtem Samstag sei ohne Absprache mit ihm oder dem Pfarrer erfolgt, so Przybyla. Er bestätigt wie der Pfarrer das Gespräch mit dem Taubenzüchter: So lange die Vögel mobil seien, ließen sie sich nicht fangen und ins Freie bringen, daher solle man sie nicht füttern. Dass beringte Tauben im Turm seien, glaubt Przybyla nicht: „Das sind verwilderte Haustauben, die niemandem gehören.“ Zu einem gemeinsamen Gespräch mit der Rötzer Bürgerin hatten Kirchenpfleger und Pfarrer sich nur bereiterklären wollen, wenn diese die Kosten für das erneute Anbringen des Lochblechs übernähme. „Aufgrund der Aussage der Tierschützerin konnte davon nicht ausgegangen werden. Deshalb wurde Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattet.“

„Das Gitter ist nicht kaputt“, sagt hingegen die Rötzerin. Wenn die Küken in ein paar Wochen ausgeflogen seien, werde sie es gern wieder festschrauben. „Vorher sollte die Glocke geläutet werden, damit auch sicher alle Tauben aus dem Turm hinausfliegen.“ Diesen Vorschlag habe sie auch Stadtpfarrer und Kirchenpfleger unterbreitet, von dort sei unter anderem aus versicherungstechnischen Gründen jedoch eine Absage gekommen.

Deshalb habe sie an beide nun einen sehr persönlichen Brief, der Bibelzitate zur Symbolik der Taube enthält, geschrieben, in dem sie ihre Beweggründe erklärt und auch auf das Tierschutzgesetz verweist, nach dem „einem Tier nicht ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zugefügt werden dürfe. Der Brief schließt mit dem Satz: „Ich bitte Sie beide, dass die Tauben uns Frieden bringen.“

Mögliche Maßnahmen: Ist eine „Einbahnstraßenregelung“ eine Lösung für die Tauben im Kirchturm?

Auch wenn der Tierschutz im Allgemeinen natürlich immer gelte, sagt Markus Schmidberger, einen speziellen Schutzstatus besitzen die Tauben im Kirchturm nicht. Es handle sich dabei wohl um verwilderte Haustauben, so der Geschäftsstellenleiter des LBV Cham.

Nichtsdestotrotz gebe es Möglichkeiten, diese aus dem Turm zu bekommen, die sich in der Praxis zum Teil leider schwierig gestalten: Ganz frühmorgens, wenn die Tauben zur Nahrungssuche ausfliegen würden, könnte man ihnen eine Möglichkeit zum Herausfliegen schaffen und diese dann gleich wieder verschließen, damit sie nicht wieder zurück in den Kirchturm gelangen.

Das funktioniere allerdings nur, so Schmidberger, wenn keine der Tauben brüte oder Junge habe. Und das ist im Kirchturm von St. Salvator der Fall, sagt die Tierschützerin, die zwei Küken im Kirchturm gefunden hatte. Wenn Eier im Nest liegen, aber keine Jungtiere da wären, gäbe es auch die Möglichkeit, die Eier zu entfernen, damit die Tauben morgens aus dem Turm fliegen, erklärt Schmidberger. Allerdings sind die Nester, wie die Tierschützerin vermutet, wohl ganz oben im Zwiebelturm ohne Möglichkeit, diese zu erreichen. Man könnte, so der LBV-Geschäftsstellenleiter weiter, gegebenenfalls auch alle Ausgänge bis auf einen schließen und ihn so präparieren, dass er nur noch eine „Einbahnstraße“ ist, was allerdings eine vergleichsweise aufwendige Maßnahme sei. Eine weitere Möglichkeit wäre eine sogenannte Netzschlagfalle mit Futter, durch die die Tauben angelockt, gefangen und ins Freie gebracht werden könnten. Auch dies sei relativ aufwendig.

Früher einmal, berichtet Schmidberger, habe es wohl auch Schleiereulen im Kirchturm von St. Salvator gegeben. Bei Begehungen seien aber schon gut zehn Jahre keine Schleiereulen mehr dort festgestellt worden.

Auch Fledermausschlitze gibt es in St. Salvator. Obwohl er dort noch nie Fledermäuse gesehen habe, sagt Kirchenpfleger Norbert Przybyla, gebe es diese Schlitze, die zu schmal für Vögel in der Größe von Tauben seien, nach wie vor, diese seien nicht verschlossen worden.

Vor dem aufgebogenen Gitter sitzt eine Taube. Fotos: S. Bauer