Held aus Ostfriesland sucht Alicia aus Cham: Wer kennt die heute 21-Jährige?

Von Tanja Fenzl · 26. Juni 2024 um 15:00

„Danke, dass du mich gerettet hast!“, steht auf dem Bild, das bei Michael Luikenga in seinem Büro in Ostrhauderfehn in Ostfriesland direkt unter seinem Kalender hängt. Gemalt hat es vor 17 Jahren ein Mädchen aus dem Landkreis Cham, dem der 56-Jährige damals das Leben gerettet hat. Jetzt sucht er das Mädchen, das heute 21 Jahre alt sein müsste.

Viel weiß er leider nicht von der damals Vierjährigen. Nur, dass sie Alicia heißt, von früher Kindheit an Diabetes litt – und aus dem Landkreis „Scham“ stammen muss. Im Gespräch mit unserem Medienhaus erzählt der gelernte Informatiker, der als Systemadministrator in einem Betrieb arbeitet, seine Geschichte.

Die beginnt damit, dass die Familie Luikenga auf Drängen seiner Frau im Sommer 2007 einmal nicht in den Bergen Urlaub macht, sondern im Camping- und Ferienpark Havelberge am Woblitzsee. Fünf Tage sind die Eltern mit ihren beiden damals zwei und sieben Jahre alten Töchtern schon auf dem Campingplatz, als eine ebenfalls vierköpfige Familie anreist.

Alicia taucht unter Wasser

An diesem 4. August sitzt Michael Luikenga auf einem Campingstuhl und passt auf seine Zweijährige auf, die beim kleinen Spiel- und Badeweiher inmitten der Campinganlage im Sand spielt. Nebenher liest er Zeitung, erinnert er sich, aber ständig hat er dabei Elina im Blick, die ja noch nicht schwimmen kann. Ein paar Meter weiter bauen die Neuankömmlinge gerade ihr Zelt am Camper auf – und verlieren ihre beiden Kinder währenddessen aus den Augen. Michael Luikenga erinnert sich: „Immer wieder guckte ich über die Zeitung zu meiner Tochter. Darüber hinaus sah ich ein kleines Mädchen auf einem Styroporbrett im Wasser spielen. Sie hatte keine Schwimmflügel an den Armen.“ Auf einmal sei die Kleine von dem Brett gefallen und untergetaucht, dann noch einmal kurz hochgekommen und habe nach Luft geschnappt und sei wieder unter Wasser getaucht. „Mir wurde bewusst, die taucht nicht mehr auf.“

Wie ein Action-Held: Die Papa-Instinkte setzen ein

Luikenga springt über seine Tochter hinweg mit voller Montur ins Wasser und zieht das Mädchen geistesgegenwärtig heraus. „Sie spuckte Wasser und holte tief Luft. Die weit aufgerissenen und verdrehten Augen habe ich bis heute nicht vergessen“, erinnert sich Luikenga. Irgendwie hätten einfach seine Papa-Instinkte übernommen und ihn wie einen Action-Helden agieren lassen. Erst jetzt werden auch andere Camper auf den Vorfall aufmerksam. „Meine Frau nahm dann das Mädel an die Hand und ging mit ihr zu den Eltern“, berichtet Luikenga weiter.

Die Eltern hatten Lebensgefahr erst gar nicht erkannt

Die Mutter habe erst gar nicht realisiert, was gerade geschehen war, und das Vorgefallene etwas lapidar abgetan. „Aber am Abend kam die Mutter mit der kleinen Alicia dann noch einmal zu mir, und bedankte sich ganz herzlich, dass ich ihrer Tochter das Leben gerettet hätte“, sagt Luikenga. Andere Camper hätten den Eltern der Kleinen den Vorfall geschildert und klar gemacht, wie anders die Sache ausgehen hätte können. Der Spielweiher habe zwar nur einen Durchmesser von vielleicht 20 Metern gehabt und sei auch nicht sehr tief gewesen – Luikenga: „Mir ging das Wasser vielleicht bis zur Hüfte“ – doch für Kinder, die wie Elina oder Alicia nicht schwimmen konnten, war die Wassertiefe gefährlich. „Da reichen ja oft ein paar Zentimeter“.

Kleine Diabetikerin malt ihrem Helden ein Bild

Abends habe Alicia ihm auch das selbst gemalte Bild überreicht, das seitdem einen Ehrenplatz in Luikengas Büro hat. Es zeigt die kleine blonde Alicia im Wasser und Luikenga mit ausgebreiteten Armen wie bei einem Engel schützend über ihr. Bei dem Gespräch am Abend des 4. August erfährt Luikenga auch den einzigen weiteren Hinweis auf Alicia: Sie war damals schon Diabetikerin und musste regelmäßig Insulin gespritzt werden. Luikenga hofft, dass dieser Informationsschnipsel ihm bei der Suche nach der jungen Frau hilft. Die Familie habe damals außerdem einen Opel Zafira oder VW Touran mit Chamer Kennzeichen gefahren, das Luikenga von einem früheren Regensburg-Besuch her zuordnen konnte.

Als die Familie wenige Tage später die Heimreise antritt, verliert sich der Kontakt zu den Chamern. „Wir waren seitdem nicht mehr auf dem Campingplatz, die Berge fehlten mir zu sehr im Urlaub“, sagt Luikenga.

Wieso sucht er eigentlich nach Alicia? „Eigentlich aus Neugierde, was aus ihr geworden ist und wie es ihr geht. Man rettet ja nicht alle Tage jemandem das Leben“, sagt Luikenga. Dadurch, dass er das Bild täglich vor Augen habe, denke er immer wieder an den Vorfall damals, und auch seine beiden inzwischen erwachsenen Töchter hätten die Geschichte nicht vergessen.

Bitte melde dich: Julia Leischik hilft indirekt bei der Suche mit

„Meine beiden Töchter sind ja ungefähr in dem Alter von Alicia.“ Elina und ihre ältere Schwester seien es auch gewesen, die ihn dazu gedrängt hätten, in den sozialen Medien einen Aufruf zu starten. „Ich bin mehr oder weniger aus Zufall auf einer Fanseite von Julia Leischik gelandet, die ja einmal die Sendung ‚Bitte melde dich‘ moderiert hat. Da meinte Elina, ich soll unsere Geschichte dort aufschreiben.“ Irgendwie schließt sich ein Kreis, denn Julia Leischik selbst wuchs ja ebenfalls im Landkreis Cham auf und suchte in der SAT1-Reihe jahrelang nach vermissten Angehörigen oder Familien.

Luikengas Beitrag landete über ein paar Umwege auch in einigen Chamer Facebook-Gruppen und wurde dort weitergepostet und kommentiert. „Bisher war allerdings noch niemand dabei, der die richtige Alicia kennt“, bedauert Luikenga. Jetzt hofft er darauf, dass vielleicht über die Zeitung jemand auf den Fall aufmerksam wird, der die gesuchte Alicia kennt.

• Haben Sie eine Idee, wer die Gesuchte sein könnte und wo sie heute lebt? Wir stellen gerne den Kontakt zu Michael Luikenga und seiner Familie her: Rufen Sie uns an unter Tel. (09971)85 22 15 oder schreiben Sie uns eine Mail unter tanja.fenzl@mittelbayerische.de

Was der Retter von Alicia weiß

Das Mädchen, das Michael Luikenga mit seiner Familie sucht, heißt Alicia, stammt aus dem Landkreis Cham und reiste am 4. August 2007 auf dem Campingpark Havelberge am Woblitzsee an. Vermutlich hatte Alicia noch eine etwas ältere Schwester. Ihre Eltern fuhren einen Opel Zafira oder VW Touran. Alicia litt damals schon als Kind an Diabetes.

Über die Fanseite von Julia Leischik startete Familie Luikenga, die an der Nordsee wohnt, einen Suchaufruf nach Alicia. Bisher ohne Erfolg. „Dabei ist der Name ja eher selten“, hofft Luikenga noch.