Plötzlich sind 11.000 Regensburger weg: Überraschung in Ostbayern über Bevölkerungszahlen

Der Zensus bringt auch für Ostbayern überraschende Ergebnisse: Beispielsweise hat die Stadt Regensburg offenbar 11.000 Einwohner weniger als gedacht. Bei der Stadt ist man ratlos, woher das kommen kann.
Zensus 2022: So hat sich die Bevölkerung in der Region verändert
Andere Kommunen wie der Landkreis Schwandorf nehmen es locker und sagen: Entscheidend ist die amtliche Statistik. Weniger Einwohner können aber auch Auswirkungen auf die Finanzen haben.
Deutschland hat 1,4 Millionen Einwohner weniger als eigentlich angenommen – das ergab der Zensus, also die Bevölkerungsstatistik, für 2022, der am Montag veröffentlicht wurde. Dementsprechend leben auch weniger Menschen in Bayern als angenommen: Statt 13,3 Millionen sind es im Freistaat lediglich 13 Millionen. Die ungewöhnliche Erklärung dafür: Die Verantwortlichen des Statistischen Bundesamtes korrigierten die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer um fast eine Million Menschen nach unten. Statt 11,9 sind es 10,9 Millionen Menschen ohne deutschen Pass. Ein Grund dafür sei, dass sich manche Ausländer nicht in Deutschland abgemeldet hätten, etwa wenn sie ihren Ruhestand außerhalb Deutschlands verbringen, sagte Thomas Gößl vom Statistischen Landesamt Bayern.
Krassestes Beispiel in der Region ist Regensburg: Laut Zensus hat die Stadt knapp 11.000 Einwohner weniger als bislang angenommen. Damit gehört Regensburg zu den Städten, die am deutlichsten nach unten korrigieren müssen. Um 6,7 Prozent haben sich die Statistiker hier verrechnet. Wieso? „Weshalb es ein Minus bei den Einwohnerzahlen für Regensburg gegeben hat, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen“, so lautet das Statement von Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra.
Erläuterungen erwartet
„Wir erwarten vom Statistischen Landesamt ein Datenblatt mit inhaltlichen Erläuterungen zur Ermittlung der Einwohnerzahl.“ Erst dann würden Details zum Rückgang der Einwohnerzahlen deutlich werden. Eine Erklärung: „Die jetzt veröffentlichten Zensus-Daten beruhen auf Stichproben-Befragungen und darauf aufbauenden Schätzungen und Hochrechnungen.“ Diese würden eben immer ungenauer. „Vor allem in größeren Städten gibt es eine hohe Fluktuation von Zu- und Wegzügen, so dass dieser Effekt in Städten stärker auftreten kann“, sagt die Stadtsprecherin weiter.
Doch längst nicht alle Kommunen weisen so hohe Abweichungen auf wie Regensburg. Der Landkreis Neumarkt beispielsweise hat nicht wie Regensburg seine Zahlen um 6,6, sondern lediglich um weniger als ein Prozent nach unten korrigieren müssen. Etwa 1300 Personen weniger sind es wohl. „Eine Erklärung für die Abweichung kann ich leider nicht benennen“, sagt aber auch Sprecher Michael Gottschalk.
Im Landkreis Schwandorf macht man auf die Bürokratie hinter den Zahlen aufmerksam. „Insgesamt nehmen 54 Rechtsvorschriften Bezug auf die amtliche Einwohnerzahl“, sagt Sprecher Hans Prechtl. Verbindlicher als das, was der Zensus jetzt zeige, werde die „förmliche Festsetzung der Einwohnerzahl“ sein. Auch für den Landkreis Schwandorf stand eine symbolträchtige Zahl im Raum: Eigentlich gingen die Behörden von einer Bevölkerungszahl von 151.138 Landkreisbewohnern aus. Doch der Zensus verzeichnet lediglich 147.256. Für den Sprecher von Landrat Thomas Ebeling kein Beinbruch: „Da die Einwohnerzahl seitdem wieder gestiegen ist, wird der Landkreis die Marke von 150.000 Einwohnern wohl bald wieder überschritten haben.“ Der Landkreis Kelheim musste von 125.101 auf 123.830 Bewohner herunterkorrigiert werden.
Der Landkreis Cham hat den bisherigen offiziellen Zahlen zufolge die Marke von 130.000 Landkreis-Bewohnern nicht überschritten. Doch tatsächlich ist der Landkreis von dieser Marke noch viel weiter entfernt als bisher angenommen: Im Zensus ist der Landkreis mit nur noch 126.660 Einwohnern verzeichnet. Dass es sich dabei nicht nur um bloße Zahlenspiele handelt, sagt auch Landratsamtssprecher Michael Gruber: „Für viele Aufgabengebiete des Landkreises, insbesondere für Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung, ist eine solide und zuverlässige Datenbasis von zentraler Bedeutung.“
Welche Folgen sich aus der neuen Datenbasis in finanzieller Hinsicht ergeben werden, zeige die Zukunft. So werden beispielsweise die Schlüsselzuweisungen durch den Freistaat Bayern anhand der Einwohnerzahl berechnet, sind aber auch abhängig von dem jährlich durch das Bayerische Finanzministerium neu verhandelten Grundbetrag. Und wenn alle Kommunen weniger Bürger haben als erwartet, dann gleicht es sich am Ende wieder aus. Doch vor allem im Gesundheitssektor könnten gerade jene ländlichen Kommunen ein Problem bekommen, die ohnehin um ihre Kliniken kämpfen: So sei mit Auswirkungen auf die Krankenhausumlage an den Freistaat zu rechnen, „denn auch hier bemisst sich die zu leistende Zahlung des Landkreises an den Freistaat an der Einwohnerzahl“, so der Sprecher des Landkreises Cham.
Kleine Gemeinden korrigiert
„Die Einwohnerzahl spielt eine wichtige Rolle im kommunalen Finanzausgleich“, sagt die Regensburger Datenwissenschaftlerin Carla Krolage. „Ein Rückgang der Einwohnerzahl kann mittelfristig zu einem Rückgang der Zuweisungen führen und damit den Haushalt belasten“, so die Professorin. Geringere Einwohnerzahlen würden damit finanzielle Auswirkungen auf die Kommunen haben, allerdings erst um Jahre zeitversetzt. Allerdings ist der Zensus noch kein Parameter dafür. Das erläutert auch der Sprecher des Landkreises Regensburg, der sagt: „Das Zensusergebnis zur Bevölkerungszahl hat keine unmittelbare rechtliche Bedeutung im Vergleich zur amtlichen Einwohnerzahl.“ Diese steht erst später fest. Der Landkreis Regensburg korrigierte ebenfalls deutlich nach unten, dabei teilte das Bayerische Landesamt für Statistik noch vor wenigen Tagen einen Rekord mit: Mehr als 200.000 Einwohner habe der Landkreis nun. Laut Zensus sind es 10.000 weniger. Doch besonders bei kleinen Gemeinden habe eine Entscheidung des Bundesverfassungsgericht dazu geführt, dass man besonders stark korrigierte.
