Verfolgungsjagd in Regensburg vor Gericht: Rammte sich 43-Jähriger den Weg frei?

Von André Baumgarten · 19. Juni 2024 um 19:00

Der Prozess um eine waghalsige Flucht samt Schüssen auf einen mutmaßlichen Dealer hat mit Überraschungen begonnen. Der Angeklagte und seine Ex-Lebensgefährtin, die wegen Beihilfe zum Drogenhandel mit vor Gericht steht, schweigen.

Mehrmals schießen Zivilfahnder in einer Tiefgarage auf einen BMW, der sich mit ihnen eine waghalsige Verfolgungsjagd in Regensburg geliefert hatte. Seit gestern läuft die juristische Aufarbeitung jenes Abends im Februar 2023 sowie weiterer Vorwürfe. Angeklagt sind ein 43-Jähriger und dessen frühere Lebensgefährtin – auch wegen Rauschgifthandels und Beihilfe. Beide schweigen bisher zu allen Vorwürfen. Das Landgericht widmete sich an Tag eins akribisch der halsbrecherischen Flucht vor der Polizei und einem womöglich wichtigen Detail.

Was Staatsanwältin Kerstin Seewald vortrug, klang durchaus Hollywood-reif: Statt anzuhalten, als Polizeibeamte in Zivil den Wagen am 28. Februar vergangenen Jahres kontrollieren wollen, versucht der Mann am Steuer, sie zu rammen und gibt dann Vollgas. In der Tiefgarage des Finanzamts gelingt es erstmals, den silbernen BMW zu stellen – laut Anklage nimmt der 43-Jährige mehrfach Anlauf, rammt sich den Weg frei und entkommt. Ein Beamter greift zur Dienstwaffe und schießt auf die Reifen.

Der 28-Jährige, der an jenem Mittwochabend schoss, überraschte bei seiner Aussage vor Gericht: Er und sein Kollege waren dem 43-Jährigen nämlich schon länger gefolgt. Sie seien auf ihn aufmerksam geworden, „weil er sich so nervös umgeblickt“ hatte. Die zweite Adresse, die er da anfuhr, war amtsbekannt – wegen Drogen. Womöglich hatte der Angeklagte Drogen ausgeliefert und war zufällig ins Visier geraten. So stellte es der Zivilfahnder in seiner Aussage dar.

Fakt ist: Der Mann war längst unter Beobachtung der Ermittler gestanden. Wie MZ-Recherchen zeigten, hatte ein geheimer Informant der Nürnberger Polizei zwei Dealer verpfiffen. Das war im Dezember 2022. Und während die abgehört und observiert wurden, soll dann der 43-Jährige auf der Bildfläche aufgetaucht sein. So richtete sich ein Verdacht gegen den vielfach und einschlägig vorbestraften Mann.

Rekonstruktion der Flucht nimmt vor Gericht zwei Tage ein

Vier Punkte der neunseitigen Anklage sind Betäubungsmitteldelikte. Zu drei Deals soll die Mitangeklagte ihren damaligen Lebensgefährten gefahren haben. Deshalb steht auch die 42-Jährige jetzt vor Gericht. Sie schweigt vorerst ebenfalls, wie Strafverteidiger Jörg Meyer für sie erklärte. Er und seine Mandantin wurden auf Antrag gestern Nachmittag formell „beurlaubt“ – weil es im Prozess an den ersten beiden Tagen nur um die Flucht ging, mit der sie wohl gar nichts zu tun hatte.

Viel mehr Augenmerk richtete die siebte Strafkammer des Landgerichts auf einen Aspekt: Ein 30-Jährige war wohl in allerletzter Sekunde beiseitegesprungen, als der Angeklagte auf der Albertus-Magnus-Straße vor der Polizei davonraste. Mit geschätzt 80 km/h, wie ein Verfolger als Zeuge sagte. Auch er hatte den Fußgänger gesehen, der „links vom Auto weggesprungen“ sei. Der BMW sei „direkt auf mich zugefahren“, schilderte der dann selbst. Wie er von der Fahrbahn kam, erinnerte sich der 30-Jährige nicht mehr, sprach von Überlebensinstinkt oder Fluchtreflex und berichtete von einer „körperlichen Anspannung, dass man jeden Moment erfasst wird“. Er habe das Ganze damals auch als Gefahr wahrgenommen.

Versuchter Totschlag ist längst nicht vom Tisch

Genau darauf zielten die Fragen der Richter ab, die den Fall bereits zuvor dem Schwurgericht vorgelegt hatten – das hatte eine Anklage wegen versuchten Totschlags aber abgelehnt. Völlig ausgeschlossen ist eine Verurteilung wegen des deutlich schwereren Vorwurfs aber nicht. Die siebte Strafkammer müsste dafür jedoch frühzeitig einen Hinweis erteilen. Die Zivilfahnder, die gestern ausgesagt hatten, werden auch am zweiten Tag als Zeugen kommen. Da soll es dann um das Geschehen in der Tiefgarage gehen.

Insgesamt hat das Regensburger Landgericht in diesem Fall fünf Prozesstage geplant. Ein Urteil dürfte frühestens am 19. Juli fallen.