Polizei schießt auf Flucht-BMW – Raser (43) droht Anklage wegen versuchten Totschlags

Ein 43-Jähriger flieht im Februar 2023 vor der Polizei, vermutlich mit Drogen im Auto. Der Mann rammt die Zivilstreifen, woraufhin die Beamten das Feuer eröffnen. Jetzt prüft das Schwurgericht in Regensburg, ob ein versuchtes Tötungsdelikt vorliegt.
Als ein 43-Jähriger vor der Polizei flieht, greifen Zivilbeamte in Regensburg zur Waffe und schießen mehrfach auf den BMW – dem Mann gelingt dennoch eine spektakuläre Flucht. Der Vorfall in der Tiefgarage des Finanzamts brachte dem polizeibekannten Dealer eine deftige Anklage ein: Sieben Tatbestände sah die Staatsanwaltschaft erfüllt, plus Drogenhandel, was für sich genommen für viele Jahre ins Gefängnis führen könnte – doch jetzt droht dem Mann aus dem Landkreis Regensburg womöglich sogar lebenslänglich.
Der heute 43-Jährige hatte am 28. Februar 2023 für einen Großeinsatz in der Domstadt gesorgt: An jenem Mittwochabend war er einer zivilen Polizeistreife aufgefallen – doch statt anzuhalten, soll der Mann Vollgas gegeben haben. Er raste laut Anklage mit derart hohen Geschwindigkeiten durch die Stadt, dass die Beamten sogar abwägten, die wilde Verfolgungsjagd abzubrechen. In der Galgenbergstraße, unweit von OTH und Universität, war dann zumindest vorerst Schluss: Zwei Einsatzwagen konnten den BMW der 3er-Serie doch in der Tiefgarage des Regensburger Finanzamts stellen.
Das schien den 43-Jährigen jedoch wenig zu beeindrucken: Als sich die Polizisten zu erkennen gaben und einer an die Fahrertür des Wagens trat, soll der Mann erneut das Gaspedal des silbernen Kombis durchgetreten haben. Um seiner Festnahme zu entkommen, rammte er die Einsatzfahrzeuge zur Seite. Daraufhin eröffneten die Beamten das Feuer – und trafen auch. Nur wenige Hundert Meter weiter, in der Franz-Mayer-Straße, war die Irrfahrt des Mannes dann vorbei. Er ließ das Auto mit platt geschossenen Reifen am Straßenrand stehen und flüchtete zu Fuß.
War das Fluchtauto nur vermeintlich gestohlen?
Daraufhin lief eine Großfahndung nach dem flüchtigen Tatverdächtigen an: Stundenlang schwebte ein Polizeihubschrauber über dem Süden der Stadt, auf den Straßen war jede verfügbare Streife unterwegs, während an beiden Tatorten in der Tiefgarage und vor der TechBase bis tief in die Nacht Spuren gesichert wurden. Wie sich früh herausstellte, sollte der BMW gestohlen worden sein. Dass ihr Auto weg ist, wollte der Halterin aus dem Landkreis erst aufgefallen sein, als die Polizei an jenem Abend bei ihr läutete. Wer am Steuer des Autos gesessen hatte, wussten die Ermittler da längst – es war der Lebensgefährte der Frau.
Doch der Mann war vorerst untergetaucht. Erst zwei Wochen nach seiner spektakulären Flucht durch Regensburg stellte er sich – im Beisein seines Anwalts, der zuvor ausgehandelt haben soll, dass der 43-Jährige für das, was am 28. Februar geschah, nicht ins Gefängnis muss. Das Amtsgericht erließ damals zwar Haftbefehl gegen den Verdächtigen, setzte diesen aber unter Auflagen sofort außer Vollzug. Was damals vermutlich weder der Rechtsanwalt noch der Mann selbst ahnten – Ermittler der Regensburger Kripo hatten den 43-Jährigen längst in einer ganz anderen Sache im Visier.
Informant aus Nürnberg gab Tipp auf Dealer
Wie MZ-Recherchen zeigen, dürften bereits damals Rauschgiftfahnder auf der Lauer gelegen haben. Schon im Vorfeld der Fluchtfahrt gab es offenbar einen Tipp von einer geheimen Quelle der Nürnberger Polizei. Allerdings nicht auf den Mann aus dem Landkreis Regensburg, sondern zwei andere. Die sollten mit Methamphetamin und Haschisch im Kilobereich Handel treiben. Das alles war den Ermittlern wohl seit Dezember 2022 bekannt. Während die mutmaßlichen Dealer abgehört und observiert wurden, soll der 43-Jährige ebenfalls auf der Bildfläche der Drogendeals aufgetaucht sein.
Anfang Oktober klickten für ihn und einen vier Jahre Jüngeren die Handschellen. Beide lebten bis dahin im nördlichen und westlichen Landkreis, wo im Zuge einer Razzia ebenfalls durchsucht wurde – zu 14 Adressen rückte die Kripo in Stadt und Landkreis, in Nürnberg sowie im Landkreis Ansbach aus. Mehr als drei Kilo Haschisch, Marihuana, Heroin und Methamphetamin wurden sichergestellt. Verkauft haben soll der 43-Jährige, der unter offener Bewährung stand, den Stoff in Hemau, in Oberpfraundorf und auch in Regensburg.
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Es ist nicht unwahrscheinlich, dass schon Monate zuvor Drogen der Grund für die waghalsige Flucht vor der Polizei waren. Wegen aller Vorwürfe, die gegen den Mann vorlagen, hatte die Regensburger Staatsanwaltschaft bereits Ende Februar Anklage erhoben. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher der MZ. Auch die Lebensgefährtin des 43-Jährigen, auf die der silberne Flucht-BMW zugelassen war, soll vor Gericht: Sie hatte ihn laut Anklage bei Drogengeschäften unterstützt und ist wegen Beihilfe angeklagt.
Landgericht gibt Nachermittlungen in Auftrag
Eine Entscheidung steht derzeit noch aus. Die zuständige Strafkammer hatte nämlich Nachermittlungen in Auftrag gegeben – vor allem zur Frage, ob ein versuchtes Tötungsdelikt vorliegen könnte. Denn auf der Flucht im BMW war es zu mehr als einer hoch brenzligen Situation gekommen. Mit mindestens 80 km/h und als Geisterfahrer soll der 43-Jährige in einer Tempo-30-Zone beispielsweise auf einen Fußgänger zugerast sein. Der hatte sich nur mit einem Sprung zur Seite gerade noch retten können.
Sollte also ein hinreichender Tatverdacht bestehen, könnte der Fall letztlich sogar vor dem Schwurgericht landen. Und dann ginge es für den Beschuldigten um weit mehr – ihm könnte womöglich sogar lebenslange Haft drohen.

