Mehr Radfahrer, weniger Sicherheit? Was Polizei und Experten zum Radverkehr in Neumarkt sagen

Von Wolfgang Endlein · 7. Juni 2024 um 17:00

Immer mehr Neumarkter fahren Rad. 31 Prozent von rund 1000 befragten Neumarktern gab 2022 an, in der Stadt ihre Wege mit dem Rad zurückzulegen. Ein überdurchschnittlicher Wert für eine Stadt der Größe Neumarkts. Aber wie wirkt sich das auf die Verkehrssicherheit aus? Die Polizei hat zuletzt Radfahrer verstärkt kontrolliert.

Die Polizei in Bayern hatte den Mai zum Aktionsmonat für mehr Radverkehrssicherheit erklärt. Was dabei in Neumarkt herausgekommen ist und wie Polizei sowie Experten generell auf Radverkehr und Verkehrssicherheit in der Stadt blicken.

Die Polizisten der Neumarkter Inspektion kontrollierten im Mai 120 Radfahrer. 32 davon verwarnten die Beamten, einer erhielt gar eine Anzeige. Technische Mängel wie kaputtes Licht oder defekte Bremsen müsse die Polizei immer seltener bemängeln, sagt Meier. Auffällig häufig erwischten die Beamten hingegen Radler, die mit dem Handy in der Hand fuhren. Ebenfalls gehäuft kamen den Polizisten Geisterradler unter. Also Radler, die auf der falschen Fahrbahnseite oder auf Gehwegen in der Innenstadt fuhren.

Radfahrer und E-Scooter geraten zunehmend in Konflikt mit Fußgängern

Einen örtlichen Schwerpunkt gibt es aus Sicht der Polizei nicht. Allerdings häuften sich die Beschwerden, dass Radfahrer, aber auch E-Scooter mit zu hoher Geschwindigkeit auf geteilten Rad- und Fußgängerwegen oder Gehwegen fahren.

„Was wir vermehrt feststellen ist eine manchmal bemerkenswerte Gleichgültigkeit darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit geltende Regeln und Vorschriften missachtet werden“, sagt Polizeisprecher Martin Meier. Dabei seien gerade Radfahrer oftmals schwer wahrnehmbar, was für den Radler selbst aber auch für Andere die Gefahr erhöhe.

Die Polizeistatistiken der vergangenen Jahre zeigen schwankende Zahlen bei Unfällen, an denen Radfahrer beteiligt waren. Trotzdem: Parallel zur steigenden Zahl an Radfahrern, legen auch die Unfälle tendenziell zu. 2014 waren es noch 59, 2022 gab es ein Hoch von 99 und im vergangenen Jahr einen leichten Rückgang auf 79. Auffällig ist zudem: Rund Dreiviertel der Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren, haben die Radler laut Polizeizahlen verursacht.

Neumarkter Verkehrsreferent: Radfahrer nicht über einen Kamm scheren

Zugespitzt gefragt: Gibt es in Neumarkt zu viele Rambo-Radfahrer? „Der Großteil bewegt sich regelkonform“, sagt Polizist Meier. Auch Olaf Böttcher, Verkehrsreferent im Stadtrat und ADFC-Vorsitzender, spricht zwar von „genügend schwarzen Schafen“ in Neumarkt. Er warnt aber davor, alle Radler über einen Kamm zu scheren. Radfahrer seien eine heterogene Gruppe: Menschen jeglichen Alters fahren mit unterschiedlichen Arten von Rädern. Zudem ist der Wissensstand über Verkehrsregeln sehr unterschiedlich und im Gegensatz zum Autofahren nicht geprüft.

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Allerdings verweist Hermann Pfeifer von der Kreisverkehrswacht auf den Umstand, dass viele Radfahrer auch Autofahrer sind. Das Verhalten und die Regeltreue verändere sich aber mit dem Wechsel der Fahrzeugarten. Im Auto werde mehr nach Regeln gefahren, auf dem Rad glaubten viele, die Vorschriften laxer auslegen zu können, sagt Pfeifer. Er sieht die Behörden gefordert, mehr Regeltreue durch Kontrollen und Strafen durchzusetzen. „Die Disziplin der Radfahrer muss zunehmen.“

Olaf Böttcher argumentiert, dass es Radlern oft nicht leicht gemacht werde, sich an Regeln zu halten. Als Beispiel nennt er die Kreuzung am Oberen Tor. Weil dort nicht eindeutig klar sei, wie und wo Radler zu fahren haben, nutzten sie entweder Straße oder Gehweg (teils freigegeben). Dort entstehe Potenzial für Konflikte mit Fußgängern oder Autofahrern.

Autos werden Straßenraum an Radfahrer abgeben müssen

Der Grünen-Stadtrat ist überzeugt, dass sich mehr Radfahrer disziplinieren lassen, wenn die Infrastruktur gut nutzbar ist. Bedeutet: Radwege, die als solche gut erkennbar, sicher und ohne Hindernisse nutzbar sind.

Böttcher will aber nicht nur den Fokus auf die Radfahrer gelegt haben. Es brauche mehr Bewusstsein und Akzeptanz beispielsweise bei Autofahrern, dass mehr Fahrräder unterwegs sind. „Manche glauben nach wie vor, dass Radverkehr eine Randerscheinung ist.“ Das sich wandelnde Mobilitätsverhalten führe aktuell zu Kämpfen, wie der begrenzte Straßenraum neu verteilt wird.

Das sieht auch Hermann Pfeifer so, der aber ebenso mahnt: „Wir können Neumarkt nicht komplett neu bauen.“ Es brauche Kompromisse, die zwangsläufig nicht immer überall zur Zufriedenheit aller ausfallen könnten. Autos ganz aus der Stadt zu verbannen, sei unrealistisch. Aber dass der motorisierte Verkehr Raum abgeben müsse zugunsten von Radlern ist für ihn klar.

Mehr Disziplin bei den Radlern, mehr und bessere Radwege sowie größere Akzeptanz bei anderen Verkehrsteilnehmern für Radfahrer: „Es wird sich nicht auf Heute auf Morgen ändern“, sagt Böttcher über diesen Prozess, für den er aber hoffnungsvoll ist: „Mehr Radverkehr führt zu mehr Sicherheit, weil er mehr gesehen und irgendwann auch zwangsläufig akzeptiert wird“.