Nach dem Aus für Regensburgs Kaufhof: Ikea führt „vertrauliche Gespräche“

Von Christian Eckl · 29. April 2024 um 17:16

Das Warenhaus wird bis Ende August für immer die Pforten schließen, bestätigte der Geschäftsführer des Hauses im Herzen der Regensburger Altstadt. Was das für die Untermieter bedeutet, beispielsweise für das Eiscafé, ist völlig offen – schließt das Warenhaus, enden auch die Untermietverträge automatisch. Doch jetzt kommt ein anderer großer Player ins Spiel: Das Möbelhaus Ikea führt „vertrauliche Gespräche“.

„Es geht nicht weiter am Neupfarrplatz!“ Dieses Ergebnis aus einer Telefonkonferenz am Samstagmorgen muss Betriebsratsvorsitzender Hans-Jürgen Burkert und der Geschäftsführer Roman Kasimir in einer Betriebsversammlung den noch 50 Kollegen in der Filiale verkünden.

„Uns hat man auch gesagt, wir sollen den Mitarbeitern keine Hoffnung mehr machen“, sagte Burkert der Mediengruppe Bayern. Angeblich, so hatte es der GKK-Finanzvorstand in der Telefonkonferenz erzählt, habe es bis Donnerstag noch Verhandlungen mit den Vermietern gegeben. Für das Haus am Neupfarrplatz gibt es darauf aber keine Hinweise. „Ich glaube, man hat uns von Anfang an abgeschrieben“, sagte Burkert. Der Finanzvorstand habe auch darauf hingewiesen, dass die Mitarbeiter nicht an die Politik herantreten sollen, da es „keine Hoffnung mehr gibt“, schildert Burkert.

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Protest hatte Standort gesichert

Bei der letzten Schließungswelle hatte erheblicher Protest der Mitarbeiter und das Aktivwerden der Politik auf kommunaler und auf Landesebene den Standort in Regensburgs Altstadt wieder von der Streichliste gehievt. Das soll diesmal ausgeschlossen sein, heißt es. Den 50 Mitarbeitern soll nun ein Sozialplan vorgelegt werden, einige seien ohnehin schon nahe an der Rente. Andere hoffen auf einen Wechsel in andere Filialen.

Recht glauben kann es Enzo Perrupato noch nicht. „Ich weiß nichts, mit mir redet keiner“, so der Betreiber der Eisdiele im Kaufhof-Gebäude am Neupfarrplatz. „Ich weiß auch nicht, ob mich das betrifft.“ Perrupato war schon einmal in der Situation: Das Kaufhaus sollte schließen. Seine Gastronomie, in die er selbst viel Geld investiert hat, ist ein Untermieter der Galeria Kaufhof GmbH. Eigentümer der Immobilie ist diese aber nicht. In den Verträgen aber heißt es: „Das Untermietverhältnis endet in jedem Fall, wenn der Vermieter seinerseits das Recht zum Besitz an der Warenhaus-Filiale, gleich aus welchem Grunde, ganz oder teilweise aufgibt.“ Das tritt nun ein.

Schließung wohl früher

Wie der Geschäftsführer der Filiale am Neupfarrplatz, Roman Kasimir, auf Anfrage bestätigt, wird der Kaufhof bis Ende August das Gebäude verlassen haben. Jetzt beginne der Abverkauf. Ob der Kaufhof so lange noch betrieben wird, weiß Kasimir nicht. Perrupato sagt: „Ich werde mir einen Fachmann holen, der mich berät.“ Solange niemand an ihn herantritt, werde er auch nicht aktiv. Aber: „Hier geht es um meine Existenz“, sagt der italienische Eisdielen-Betreiber.

Ein riesiger Leerstand mit Bauzäunen außenrum: „So hat es Nürnberg gemacht“, sagt Marcus Wotruba. Der Immobilien-Experte stammt aus Regensburg und berät Eigentümer von Immobilien, die ihren Kaufhof verloren haben oder jetzt gerade verlieren. „Das ist natürlich das Schlimmste, was passieren kann in dieser Lage.“ Auch er könne nicht letztendgültig sagen, wem die Immobilie zwischenzeitlich gehört. Bekannt ist nur, dass bis April 2020 Ingeborg Benko, die Mutter des zwischenzeitlich insolventen Unternehmers René Benko, als Eigentümerin eingetragen war. Dann wurde das Haus in einem Paket mit anderen Warenhaus-Immobilien verkauft. Informationen dieser Zeitung zufolge betrug die Miete auch zuletzt über zwei Millionen Euro jährlich.

„Wichtig wäre, dass die politisch Verantwortlichen nach Möglichkeiten suchen, wie es weitergehen kann“, so Wotruba. Das gehe aber nur, wenn die Eigentümer das auch wollten. „Möglicherweise will der Eigentümer auch nicht verhandeln.“ Das könnte geschehen, wenn – wie vermutet – ein Immobilienfonds aus Amerika Eigentümer ist. Jahrelange Leerstände gibt es auch an anderer Stelle am Neupfarrplatz: Das prunkvolle Palais steht leer, in dem bis vor ein paar Jahren die Commerzbank untergebracht war. Aber auch die ehemalige Hypo-Vereinsbank ist ein Dauer-Leerstand.

In anderen Städten gelang es, einen neuen Ankermieter zu finden: Augsburg, das nun auch den zweiten Kaufhof verlieren wird, brachte Schuh Schmid, ein lokales Unternehmen, in das Gebäude. Möglich sei aber auch, dass der Eigentümer kein Interesse an kleinteiligen Einzelvermietungen hat und das Gebäude lieber abschreibt.

Interessantes ist von der Eigentümer-Struktur zu berichten. Das Gebäude wird von der Kaufhof Regensburg GmbH verwaltet. Dort gab es im Februar einen Wechsel in der Geschäftsführung. Erreichbar ist die neue Geschäftsführerin jedenfalls telefonisch nicht. Der Bilanzgewinn stieg von 2021 mit knapp zwei Millionen Euro auf 3,3 Millionen Euro im Jahr 2022.

Mitarbeiter bekommen Kündigung wohl Mitte Mai

Doch wie geht es eigentlich mit den etwa 50 Mitarbeitern weiter? „Sie haben die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft für die Dauer von acht Monaten zu wechseln“, sagt Hans-Jürgen Burkert, Betriebsratsvorsitzender in dem Haus. „Oder eine Abfindung zu nehmen, die aber auf maximal auf zwei Monatsgehälter beschränkt ist.“ Wahrscheinlich kommen die Kündigungen Mitte Mai. Dann werde es „vielleicht eine Liste geben, wer ins DEZ wechseln kann, aber da wird es eher schlecht aussehen“, so Burkert. Die Vakanzenliste werde nämlich deutschlandweit vorgelegt. „Wenn ein Mitarbeiter in Berlin sitzt mit Schwerbehinderung, dann wird man dem den Job anbieten“, sagte Burkert.

Die Debatte um die Nachnutzung des Gebäudes dürfte nun beginnen. Achim Hubel, emeritierter Denkmalschutz-Professor, sagt: „Es ist ein bemerkenswertes Gebäude und typisch für die 1970er Jahre.“ Einen Abriss würde Hubel bedauern, „allein schon weil es eine Verschwendung an Baumaterial wäre“. Zudem verweist Hubel auf die berühmten sogenannten Horten-Kacheln an der Ost- und der Nordseite des Gebäudes, die Egon Eiermann designt hat. „Man müsste es umbauen, vielleicht mit einem Lichthof im Inneren.“ Hubel schwebt eine Nutzung als Multifunktionsgebäude mit Galerien, Antiquitäten oder mit Bühnen vor. „Aber wenn die Miete unbezahlbar ist, dann geht das natürlich nicht“, sagt der Experte.

Ikea: Vertrauliche Gespräche

Spannend ist, was Ikea auf Anfrage antwortet. Das Unternehmen hat in Innenstädten wie München sogenannte Planungsstudios eröffnet: Dort kann man sich die Einrichtung planen lassen, die Artikel werden dann geliefert. Vor einigen Wochen antwortete eine Sprecherin noch, Regensburg sei hier nicht im Fokus. Doch am Montag hatte sich das nach dem Aus für das Kaufhaus am Neupfarrplatz anders angehört. „Als Unternehmen sind wir grundsätzlich neugierig“, so eine Sprecherin. „Mit dieser Haltung betrachten wir jeden Markt individuell und evaluieren unsere Möglichkeiten laufend. Wir stehen mit unterschiedlichen Anbietern im Austausch und ziehen prinzipiell alle Standorte und Optionen in zentrumsnaher Lage in Betracht, die unseren Anforderungen entsprechen.“ Offenbar gab es auch Gespräche, denn aus „vertraulichen Gesprächen“ könne man sich „nicht öffentlich äußern“. Und weiter: „Sollte Ikea nach Regensburg kommen, werden wir dies bekannt geben, sobald entsprechende Planungen abgeschlossen sind.“