Schockschlag bei Verhör: Kripo-Beamter aus Regensburg im Fokus interner Ermittlungen

Von André Baumgarten · 17. April 2024 um 10:00

Prozess um Messerstecherei in der Regensburger Hornstraße bringt neue Details ans Licht: Gegen einen Polizisten wird ermittelt – eine Praktikantin belastet ihn schwer. Nach dem großen Schweigen der Zeugen vor Gericht fordern die Verteidiger Beweisverwertungsverbote.

Die Suche nach der Wahrheit, wer Ende Juni 2023 wen womit verletzt hat, ist und bleibt schwierig. In der Hornstraße in Regensburg endet laut Anklage ein Drogendeal in einer wilden Messerstecherei. Zu Details schweigen die Angeklagten, genauso wie zahlreiche Zeugen. Überraschend verweigerte im Prozess auch ein Kripo-Beamter die Aussage – denn gegen ihn wird ermittelt. Es geht um einen Übergriff auf eines der zwei mutmaßlichen Opfer.

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Wegen versuchten Mordes und Beihilfe dazu, schwerem Raub sowie bewaffneten Drogenhandels stehen die vier Angeklagten seit 19. März vor Gericht. Sie bestreiten, die Täter gewesen zu sein, oder schweigen auf Anraten ihrer Anwälte. Die vier Syrer im Alter von 18 bis 24 Jahren sollen sich dazu verabredet haben, zwei Iraker bei einem Deal um 300 Gramm Haschisch abzuziehen und abzustechen. So steht es in der Anklage.

Auf die Spur der Männer kamen Ermittler durch eine geheime Vertrauensperson – wohl einen Insider, der in arabischen Kreisen bestens vernetzt ist. Doch auch der gab nur Hörensagen wieder, führte die Kripo aber auf die richtige Spur. Fakt ist: Die vermeintliche Übergabe auf dem Parkplatz eines Verbrauchermarkts in der Hornstraße in Regensburg endet für fünf Männer mit Stich- und Schnittverletzungen im Krankenhaus.

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Was dann geschah, rekonstruierte die Jugendkammer des Landgerichts am vierten Prozesstag am Dienstag anhand der Aussagen zahlreicher Polizisten – die beiden Hauptangeklagten (19 und 24 Jahre alt) tauchten teils schwer verletzt bei der Polizeiinspektion Süd in der Altstadt auf. Streifenbeamte und ein zufällig anwesender Polizeiarzt versorgten sie Männer. Dann lief ein Großeinsatz an, in den Beamte rund um Regensburg zusammengezogen wurden.

Doch der Tatort war völlig unklar, eine Klinik vermeldete kurze Zeit später einen dritten Mann mit Stichverletzungen und die Fahndung nach einem schwarzen 3er-BMW folgte. „Es ging drunter unter drüber in der Nacht“, fasste es ein Beamter im Zeugenstand zusammen. Nicht zuletzt, weil die Betroffenen und Zeugen keine, unglaubwürdige oder widersprüchliche Angaben zur Sache machten – weil „gewisse Personen geschützt werden sollten“, wie ein Polizist vermutete.

Cuttermesser lag am Tatort in der Hornstraße

Als gut eineinhalb Stunden nach der Messerstecherei zwei Streifen endlich zum Tatort führten, sicherte der Kriminaldauerdienst neben Blutspuren auch die mutmaßliche Tatwaffe: ein Cuttermesser, an dessen Griff eine DNA-Mischspur gefunden, als Hauptverursacher dieser jedoch eines der zwei mutmaßlichen Opfer ausgemacht wurde. So fasste eine Ermittlerin das DNA-Gutachten des Landeskriminalamt zusammen. Ob das Cuttermesser oder das bei einem Angeklagte sichergestellte Taschenmesser die bis zu 25 Zentimeter langen Wunden verursacht hatte, vermochte selbst die Sachverständige der Rechtsmedizin in München nicht zu sagen.

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Der Prozess förderte ein Detail zutage, das bisher nicht bekannt war: Auch gegen einen Kripo-Beamten wird in diesem Fall ermittelt. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft auf eine Nachfrage – es geht um Körperverletzung im Amt, wie Sprecher Thomas Rauscher sagte. Nach MZ-Recherchen geht es um die Vernehmung des 24-jährigen Irakers, der selbst in der Hornstraße schwer verletzt wurde. Dem wurde sein Handy zum Entsperren gereicht, woraufhin er versuchte, es zu zerbrechen. Das wollte besagter Beamter mit einem sogenannten Schockschlag gegen das Kinn des Mannes verhindern.

Praktikantin meldete Vorfall beim Kripo-Chef

Problem: Eine Praktikantin wendete sich nach dem Verhör an den Leiter der Kriminalpolizei und berichtete, dass der Ermittler mehrfach zugeschlagen habe. Die internen Ermittlungen beim LKA laufen laut Rauscher noch, ein Abschluss stehe kurz bevor. Strafverteidiger Helmut Mörtl, Anwalt des Kripo-Beamten, betonte, sein Mandant habe „sich dienstrechtlich in jeder Hinsicht völlig korrekt verhalten“.

Im Prozess um die Messerstecherei kam zudem ans Licht: Der mutmaßliche Geschädigte wurde ohne Rechtsanwalt vernommen, obwohl er einen gefordert hatte. Das räumte derselbe Ermittler vor Gericht ein. Die Verteidiger beantragten daher ein Verwertungsverbot seiner Aussage – gleiches folgte für weitere Zeugenvernehmungen, da diese nach ihrer Überzeugung nicht korrekt belehrt worden seien.

Wie das Landgericht das Ganze bewertet, blieb an Tag vier offen. Der Prozess geht am 24. April weiter, mit drei Verhandlungstagen in einer Woche. Mit einem Urteil in der Sache ist frühestens am 30. April zu rechnen.

Die Suche nach der Wahrheit gestaltete sich im Prozess von Beginn an schwierig – Zeugen verweigerten die Aussage und konnten oder wollten sich nicht erinnern. Foto: Baumgarten