Reha-Angebot: Waldmünchen hat eine neue Sportgruppe – mit Herz fürs Herz

Die schmissige Musik, die da durchs Kupferdachl schallt, sie lässt vieles vermuten. Aber wohl mit als Letztes, dass da gerade „Herzkranke Sport treiben“. Das ist genau die Kunst, die Birgit Daschner beherrscht: Der vermeintliche Widerspruch ist gar keiner....
Herzkrank. Mit dem Begriff geht es schon los. Daschner verwendet ihn nicht, hören mag sie ihn auch nicht. Herzsport-Reha ist der offizielle Titel. Sie weiß zwar um die (Vor)Erkrankungen aller ihrer Schützlinge – gleiches gilt für die anderen Kursen –, sieht aber etwas anderes: Menschen, die sich und ihrem Körper trotz einer Einschränkung etwas Gutes tun wollen. „Das ist super“, lobt und ermuntert sie zugleich. Deswegen geht es (ihr) um mehr als Übungen: Körperbewusstsein, Selbstvertrauen...
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„Durch die Hintertür“ erzieht die 42.-Jährige auch in Sachen Technik. Der Umgang mit dem Handy: Zuhause, alleine, in einem Notfall, kann er Leben retten (nicht nur das eigene). Stichwort Erste Hilfe, die regelmäßig in der Gruppe aufgefrischt wird. Geschult werden zudem Bewegungs- und Trittsicherheit, wodurch die eigene Wahrnehmung verbessert wird.
Geschickt verpackt
Klingt nach einem straffen Programm. Birgit Daschner antwortet mit einem leicht verschmitzten Lächeln. Gut verpackt würden die Teilnehmer oftmals gar nicht merken, was sie mit einer Übung, einem Bewegungsablauf alles abdecken.
Struktur und Abwechslung
Daschner hat hohe Ansprüche an sich. Die Stunden haben Struktur – Aufwärmen, Ausdauer- und Kräftigungsteil, Dehnen und Entspannung – und sind gleichzeitig abwechslungsreich. Nicht zuletzt durch den Einsatz verschiedenster Geräte aus Sport und Alltag: Stäbe, Bälle, Smoothie-Hanteln, Papprollen oder Schaumstoffwürfel.
Herzfehler, Infarkt, Rhythmusstörungen...
Jeder, der die Herzsportgruppe besucht, bringt seine eigene Geschichte mit. Infarkt, Herzrhythmusstörungen, angeborene Herzfehler, eine neue Herzklappe. Klar sind da Ängste. Sie sind auch ernst zu nehmen, über sie ist zu sprechen – auch das zeichnet die Stunde am Mittwoch aus. Sicherheit geben Sitzgelegenheiten, Daschner achtet zudem auf ausreichend (Trink)Pausen und hat ihre Schäfchen stets im Auge.
„Alle lieben Birgit“
„Sie macht das exzellent“, betont eine Teilnehmerin der ersten Stunde hingerissen. Ein Kollege ergänzt dankbar: „Jetzt muss ich endlich nicht mehr nach Roding fahren.“ Weiterer Pluspunkt in Augen der aktuell zehn Klienten: „Die Gemeinschaft ist toll!“ Dem pflichtet die Übungsleiterin bei. Die Gruppe habe sich wirklich bestens gefunden. Keiner verdrehe die Augen, wenn ein anderer eine kurze Auszeit benötige. „Schließlich bringen alle ihr Pfund mit.“
Beschwerden bekämpfen
Das neue Angebot war erst möglich, weil sich mit dem Verein Böhmerwald Vital ein Träger gefunden hat. Ein solcher ist für jede Art Reha-Sport nötig. Birgit Daschner, zugleich Vorsitzende, erklärt den Unterschied. Reha bedeute immer: Es sind schon Beschwerden da. Sei es nach Erkrankung, vor oder nach einer Operation. Gleich das Ziel: Dem Ursprungszustand möglichst nah zu kommen.
Verein sichert Angebot
Die Idee einer Vereinsgründung schwebte der vielfach lizensierten Übungsleiterin schon länger vor. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund: Wenn sie einmal aufhören sollte, wäre der Fortbestand über die Rechtsform e.V. besser gesichert, ist sie überzeugt. Als sie dann Teilnehmer und Bekannte mit den Worten „Trau‘ dich und mach‘“ ermunterten, habe sie es angepackt.
Groß in Technik investiert
Und für den Start richtig investiert, vor allem in die Technik. So gibt es keine Listen auf Papier mehr, stattdessen buchen sich die Reha-Sportler per Chip ein. Nebeneffekt: Es kommt nicht mehr zu Verwechslungen bei gleichen oder ähnlichen Nachnamen. „Vor allem, wenn man im Bad die Brille schon nicht mehr auf hat“, verrät Birgit Daschner verschwörerisch.
Von sechs bis über 80 Jahre
Wie stark die Nachfrage ist, lässt sich am Reha-Stundenplan ablesen. Derzeit besuchen rund 100 Personen von sechs Jahren bis weit über 80-Jährige ihre Kurse, Tendenz steigend. Beheimatet sind sie in den Turnhallen der Grundschule und in Geigant, im Kupferdachl sowie im AquaFit.
Von der Reha direkt in den Kurs
Im Gegensatz zu früher kommen heute schon Anfragen „aus der Reha“, nach dem Motto: „Ich werde dann und dann entlassen, kann ich ab übernächster Woche kommen?“ Dieser nahtlose Übergang, er ist gut für die Patienten, weiß Daschner. Noch besser, wenn sie wenigstens zwei Mal pro Woche einen Kurs besuchen oder der gebuchten Einheit eine zweite Bewegungs-Belastung hinzufügen.
Auffallend hoher Männeranteil
Auffallend zudem: Der Männeranteil steigt und beträgt um manchen Kursen derzeit an die 50 Prozent. Oft sind sie von Frauen, Freunden, Verwandten oder Nachbarn mitgenommen worden, „Aber sie bleiben“, freut sich die 42-Jährige. „DEN“ typischen Patienten gibt es in keinem ihrer Kurse,unter 50, über 75, Mann, Frau. „Es gibt alte Fitte und viele junge Unfitte.“ Dennoch halten Senioren die Mehrheit. Zumindest tagsüber, denn für die Abendstunden bittet sie, Berufstätigen Vortritt zu gewähren.
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Sobald es Wetter und Temperaturen zulassen, schweben Birgit Daschner für die Herzsportler, deren Puls vor und während der Belastung erfasst und dokumentiert wird, Übungsstunden im Freien vor, wie sie es mit den anderen Gruppen handhabt. Der nahe Residenzpark biete optimale Voraussetzungen, unterstreicht sie. „Zudem wird das Immunsystem gestärkt“, lächelt die, die immer einen Schritt weiter denkt.
Keine Überraschung also, dass sie am nächsten Angebot bastelt, für Menschen mit Herzinsuffizienz. Das sei noch einmal speziell(er), erläutert die Fachfrau, und erfordere andere, sanftere Übungsformen, sowie engmaschigere Überwachung und intensivere Betreuung. Freude an der Bewegung schließe das nicht aus − auch nicht schmissige Musik.
DIE NEUE HERZSPORTGRUPPE
Voraussetzung: Teilnehmer für Herzsport Reha benötigen eine ärztliche Verordnung, die von der Krankenkasse im Vorfeld genehmigt werden muss. sie umfasst 90 Einheiten.
Termin: Die Gruppe trifft sich mittwochs für eine Stunde um 9.30 Uhr im Kupferdachl (Einstieg jederzeit möglich).
Anbieter: Hinter Böhmerwald Vital verbirgt sich ein eingetragener Verein mit Schwerpunkt Gesundheit. Reha-Angebote wie Herzsport und andere Gesundheitskurse sind ohne Träger möglich.
Sicherheit: Die Stunden finden unter medizinischer Aufsicht statt, die sich die Ärzte Matthias Deml und Klaus Hör sowie das BRK teilen.
Vision: Eine eigene Gruppe für Herzinsuffizienz-Patienten, die es noch ruhiger angehen sollen, ist in Planung. Wer daran Interesse hat, kann sich gerne an die Kursleiterin wenden.
Start: Informationen gibt es bei Rehasporttrainerin Birgit Daschner unter ihrer Mobilnummer oder und WhatsApp: (0173) 5848876 sowie per Mail: daschner.birgit@gmx.de.
Mehrwert: Die weiteren Angebote des jungen Vereins finden sich auf den Unterseiten des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands Bayern, www.bvs-bayern.com. Zur Auswahl stehen Wassergymnastik, Reha Kids, Reha Stuhl und Reha Sport, zum Programm gehören zudem Info-Abende und Ausflüge.
