Zwei Waldmünchner zeigen: Leben retten ist gar nicht so schwer

Es eine dieser Erfahrungen mit Nachklang. Du kommst als Ersthelfer zu einem Unfall. Groß eingreifen musst du nicht, gottseidank. Aber es bringt dich zum Nachdenken. Hättest du es „drauf“ gehabt?
Geht es nach Klaus Scherr und Marianne Simon ist das eine Frage, die sich jeder stellen sollte. Um sich selbst sicher(er) zu fühlen, aber auch im Sinne seiner Liebsten. Vielen sei nicht bewusst, dass der überwiegende Teil der Notfälle im häuslichen Bereich auftreten. Sprich: Es sind Familienangehörige oder Freunde, um deren Leben es geht.
Auffrischen alle fünf Jahre
Klaus Scherr empfiehlt eine Wissenserneuerung etwa alle fünf Jahre, „zehn sind schon viel“. Dann muss es auch kein kompletter Tag sein, es gibt Auffrischungskurse und Lehrgänge, in denen „nur“ Wiederbelebung geschult wird. Die wird an Bedeutung zunehmen, sensibilisiert Scherr – Stichwort steigende Zahlen bei Herzinfarkten und Schlaganfällen.
Jahrzehntelange Erfahrung
Das Duo kennt beide Seiten: Seit Jahrzehnten halten sie Erste-Hilfe-Kurse, sind zudem im Rettungsdienst „an der Front“. Daher wissen sie, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist. Nur ein Beispiel: Der Ehemann kippt um, die Frau ist so verstört, dass ihr nicht einmal die drei Zahlen 112 einfallen. Gute Erfahrungen haben die Helfer mit Aufklebern gemacht, die bei älteren Leute auf das Telefon geklebt werden können.
Eine Frage der Perspektive
Marianne Simon bringt einen anderen Aspekt ein. Der Rettungsdienst habe auf der Anfahrt Zeit, sich vorzubereiten, sich die Situation vor Augen führen. „Wir wissen im Groben, was uns erwartet.“ Der Ersthelfer hingegen, er gerate „Knall auf Fall“ in eine ihm völlig fremde Situation.
Lebensrettende Ziffern: 112
Deshalb: 112. Und die 5 W´s: Wer (melde), wo, was, wie viele Betroffene, Warten. Die Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung wissen, was zu tun ist, erklären, beruhigen, geben Anweisungen bis hin zur „Telefonanimation“, bei der die Ersthelfer genaue Handlungsanweisungen bekommen.
Alles hilft
„Alles nutzen, was man nutzen kann und alles tun, was man tun kann“, gibt Marianne Simon als Maxime aus. Wer sich nicht „hinlangen“ traut, kann durch Zureden und Gesten dem Betroffenen schon einen großen Dienst erweisen. Wer sich aus eine Beatmung nicht zutraut – Blut, Ekel, keine entsprechende Maske (die es in Apotheken gibt) – , tut mit einer Herzdruckmassage schon eine Menge. Wenngleich klar ist: Je mehr Sauerstoff sich im menschlichen Kreislauf befinde, umso desto besser.
Eigenschutz nicht vergessen
Zurück auf die Straße. „Die Warnblinkanlage ist das Erste“, wird Marianne Simon nicht müde zu betonen. Und dann: Durchatmen, die Situation analysieren, einen Überblick gewinnen. „Diese fünf Sekunden sollte man sich nehmen“, unterstreichen die BRK-ler. Weil: „Hysterie ist der immer der schlechteste Ratgeber.“
Warnweste im Armradius
Dann: Warnweste anziehen, Notruf absetzen. Die Warnweste, sie sollte nicht im hintersten Winkel des Kofferraums, sondern sich in Griffnähe, Stichwort Armradius, befinden. Das Thema Eigensicherheit, es ist ein ganz, ganz großes. Klaus Scherr erinnert sich an einen Unfall in einem Nachbarlandkreis. „Nur“ Blechschaden, der Abschlepper war bereits da. Ein nachfolgendes Fahrzeug erkannte die Situation zu spät, wich aus – und erwischte zwei Ersthelfer, die er nicht sah. Beide waren tot...
Wo ist der Verbandskasten?
Verbandskasten, Warndreieck, Mindestanforderung: „Ich muss wissen, wo beides ist.“ Eine Minimalanforderung. Hilfreich: Wenn man schon mal ein Warndreieck zur Übung aufgestellt hat. Scherr und Simon erleben in ihren Lehrgängen, wie schwer sich Menschen mit dem ein oder anderen Handgriff tun. „Da sind sie aber in relativ entspannter Atmosphäre“, führt der Ausbilder vor Augen. Privat komme man eher selten zu einem Unfall, „da Routine zu entwickeln, geht eigentlich gar nicht.“
Grundlagen verinnerlichen
Umso wichtiger seien die Grundlagen. Viele wüssten nicht, wo sich der Schalter der Warnblinkanlagen befinde oder, dass das Auto über einen elektronischen Rettungsassistenten („E-Call“) verfüge. Der dürfe auch betätigt werden, um jemand anderen zu retten. „Alles besser als nichts tun.“
Zeit kann Leben retten
Das gelte auch im häuslichen Bereich, spannen sie den Bogen zurück. Manche würden zögern, erst den Nachbarn rufen, der dann die Tochter verständigt... Oft ist aber Zeit der entscheidende Faktor. „Wir kommen lieber einmal zuviel“, betont Simon. Wird der Rettungsdienst dann gerufen, gelt: je präziser die Angaben, desto effektiver die Hilfe.
Der Verbandskasten
Der Verbandskasten. Seit diesem Jahr muss er eine Maske beinhalten, sind Kühlpad und Kinderpflaster Vorgabe. Auch hier gilt: Regelmäßig prüfen (abgelaufene Inhalte sind für den Hausgebrauch nutzbar). Und, erneut Thema Eigenschutz: In ihm sind Einmal-Handschuhe enthalten.
Gegebenenfalls solle man sich trauen, anzuschaffen, jemand anderen anzuweisen, das Warndreieck aufzustellen, ermutigt Marianne Simon. Sie weiß: Im Team arbeitet es sich leichter, besser, effektiver. Das gelte für eine Schicksalsgemeinschaft zusammengewürfelter Laien-Ersthelfer wie für die Rettungsdienstbesatzungen, von denen in dem der eine weiß, wie der andere tickt, wo die jeweiligen Stärken liegen.
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Auf 15 bis 20 Kurse mit etwa 20 Teilnehmern plus Schulungen in Betrieben schätzt Scherr das Aufkommen im Altlandkreis. Landkreisweit sind etwa 400 der – aktuell 511 gehaltenen in diesem Jahr – „reine“ Erste-Hilfe-Kurse, weiß BRK-Referatsleiter Stefan Raab. Er hat noch eine beeindruckende Zahl in petto: 6854 Teilnehmer haben sich bis Mitte Dezember schon aus- und fortgebildet. „Wir werden die 7000er-Marke knacken“, berichtet er zufrieden und zugleich stolz.
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Helfen lernen beginnt bereits im Kindergartenalter, erzählt Marianne Simon. Die Rettungssanitäterin ist regelmäßig angetan von der Neugier und Finesse der Kleinen, die in der Tat im Stande wären, eine stabile Seitenlage hinzubekommen. Die aber ist die Kür. Das Wichtige: Hilfe holen können. Da ist sie wieder, die 112. Hinter der Menschen wie Marianne Simon und Klaus Scherr stehen. Gottseindank.
