Ohne Migranten funktioniert das Wachstum nicht – Beispiele aus Kreis Schwandorf

Von Petra Beer-Dausch · 1. März 2024 um 05:00

Nach dem Umzug von Leonberg nach Schwandorf im Jahr 2022 hat die Firma R. Brücklmeier (RBM) einen Boom erlebt. Mehr Platz, mehr Möglichkeiten, mehr Aufträge – dafür brauchte das Unternehmen auch mehr Beschäftigte. Und die kommen zum Großteil aus dem Ausland.

„Das Wachstum war nur mit ausländischen Kräften möglich“, sagt Geschäftsführer Roland Brücklmeier. 42 der rund 120 Mitarbeiter bei RBM und bei der Hübner-RBM stammen nicht aus Deutschland, sondern aus rund 15 Ländern auf der ganzen Welt.

Der Anteil der Ausländer unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis Schwandorf ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen und hat im Juni 2023 mit 14,5 Prozent einen Höchststand erreicht. Unterm Strich, so Siegfried Bäumler, Chef der Arbeitsagentur Schwandorf, steigt die Beschäftigung im Agenturbezirk – das sind die Landkreise Schwandorf, Amberg-Sulzbach und Cham sowie die Stadt Amberg – nur deshalb, weil die Zahl der ausländischen Beschäftigten steigt.

Kriegsflüchtlinge sollen so schnell wie möglich in Beschäftigung gebracht werden

Die Agentur hat laut Bäumler aktuell den ganz klaren politischen Auftrag, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine und Migranten aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern – Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien – so schnell wie möglich in niederschwellige Beschäftigung zu bringen. Deutschkurse sollen berufsbegleitend besucht werden.

Von den 2600 gemeldeten offenen Stellen im Landkreis Schwandorf sei etwa ein Viertel in diesem niederschwelligen Bereich; Tätigkeiten, die angelernt werden können. Natürlich müsse eine Beschäftigung als Helfer nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten, betont Bäumler. Durch Weiterqualifizierungen seien beruflicher Aufstieg und bessere Bezahlung möglich.

Die Firma Brücklmeier aus Schwandorf hat schnell 50 Stellen aufgebaut

Roland Brücklmeier braucht für die Produktion in seinen Unternehmen im Bereich Metallveredlung und Metallbearbeitung neben Fachkräften auch viele Produktionshelfer. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten stammt aus dem Ausland, etwa aus Russland, Polen, Eritrea, Moldawien, Litauen, Kasachstan, Afghanistan oder USA. Am neuen Standort Schwandorf habe man schnell 50 Stellen aufgebaut – zum Großteil mit Ausländern.

Wer gewillt ist zu arbeiten, pünktlich zum Dienst erscheint und die Strukturen der Firma mitträgt, der kann laut Brücklmeier bleiben. Der Geschäftsführer verschweigt aber auch nicht, dass es immer wieder mal Probleme mit fehlender Disziplin oder der Akzeptanz von Frauen als Führungskräften und in der Folge Entlassungen gegeben habe.

Brücklmeier berichtet, dass zwei Ausländerinnen, die als Helferinnen begonnen haben, mittlerweile andere Mitarbeiter anleiten und auch entsprechend mehr verdienen. Die Rekrutierung von neuen ausländischen Mitarbeitern erfolge oft über persönliche Kontakte von Beschäftigten oder über die Arbeitsagentur. Die Verständigung sei ein Problem, denn Sprachkurse würden berufsbegleitend oft nicht besucht, so die Erfahrung Brückl-meiers. Es gebe aber auch noch zu wenige Angebote, ergänzt Siegfried Bäumler. Bei RBM gibt es eine Reihe von zweisprachigen Mitarbeitern, die ihre Kollegen anleiten.

Die rechtliche Ausgangslage unterscheidet sich: EU-Ausländer, Ukrainer oder Mensch aus Drittländern?

Sprache, Motivation und Mobilität sind laut Ramona Beyerlein, Teamleiterin gemeinsamer Arbeitgeber-Service, die entscheidenden Kriterien bei den Bemühungen, Ausländer in Beschäftigung zu bringen.

Die rechtliche Ausgangslage ist unterschiedlich: EU-Ausländer benötigen kein Visum und können sofort die Arbeit aufnehmen. Flüchtlinge aus der Ukraine dürfen ab dem Zeitpunkt der Einreise arbeiten. Mittlerweile können auch Menschen aus Drittländern deutlich schneller bei uns arbeiten – und zwar einheitlich nach sechs Monaten. Ebenso soll Geduldeten im Regenfall eine Arbeitserlaubnis erteilt werden.

Bei der Anerkennung von Berufsausbildungen und -abschlüssen aus dem Ausland hat es nach Angaben der Vertreter der Agentur für Arbeit auch Fortschritte gegeben. Wobei man hier zwischen reglementierten und nicht reglementierten Berufen unterscheiden müsse, erläutert Bäumler. Bei Ärzten oder Pflegeberufen etwa müsse die Ausbildung natürlich unseren Standards entsprechen. Für die Anerkennung gebe es Stellen bei den Berufskammern, die prüften, ob Defizite vorliegen, die dann in Anpassungslehrgängen ausgeglichen werden könnten. In der Pflege müssen Anträge laut Bäumler mittlerweile binnen drei Monaten geprüft werden.

Im Bereich Gesundheits- und Sozialwesen sind 808 Ausländer im Landkreis Schwandorf tätig. Es ist nach dem verarbeitenden Gewerbe (3056) sowie Verkehr und Lagerei (1048) der drittgrößte Sektor.

Das Krankenhaus St. Barbara in Schwandorf setzt weiterhin auf Vielfalt

„Unsere internationalen Fachkräfte stellen einen unverzichtbaren und äußerst wertvollen Teil unserer Dienstgemeinschaft dar. Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels und der Herausforderungen im Gesundheitswesen wären viele unserer Tätigkeiten und Behandlungsangebote ohne ihre unermüdliche Arbeit und ihre fachliche Kompetenz in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten“, erklärt Michael Vogl, Referent Marketing und Öffentlichkeitsarbeit am Krankenhaus St. Barbara Schwandorf.

Im Krankenhaus und in den Berufsfachschulen für Pflege sowie Krankenpflegehilfe sind derzeit 130 Mitarbeiter mit ausländischem Pass tätig – ein Anteil von etwa 13 Prozent an der Gesamtbelegschaft. Sie arbeiten im Pflegedienst, im ärztlichen und medizinisch-technischen Dienst, in der Verwaltung, im Wirtschaftsdienst und in der Technik und stammen aus 33 Ländern, darunter Indien, Rumänien, Kamerun, Mexiko oder Tschechien.

Die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte erfolge durch verschiedene Kanäle, darunter gezielte Stellenausschreibungen, Zusammenarbeit mit Fachkräfteagenturen und persönliche Empfehlungen. Zudem arbeitet St. Barbara mit der Ordensprovinz in Indien im Bereich der Krankenpflegeschule zusammen, um neue Pflegefachkräfte zu gewinnen. Für die Zukunft plant das Krankenhaus St. Barbara, „weiterhin auf Vielfalt und Inklusion in unserem Team zu setzen.“

Von China bis Brasilien: aus der Welt ins Labor Kneißler nach Burglengenfeld

Im Labor Kneißler in Burglengenfeld sind derzeit rund 30Mitarbeiter mit einem ausländischen Pass angestellt, der Anteil liegt damit bei etwa zehn Prozent, wie Merlin Bloch, Director IT, auf Anfrage mitteilt. Die Beschäftigten stammen aus Polen, Syrien, Bosnien und Herzegowina, Brasilien, Slowenien, Indien, Australien, Russland, Irak, Italien, Spanien, Ägypten, Albanien, Tunesien, China, Bulgarien, Kroatien, Portugal, Rumänien. Sie sind in der Reinigung, Probenannahme, als Sachverständige, Probenehmer, im Wareneingang, in der Mikrobiologie oder instrumentellen Analytik tätig.

„Oft haben die Mitarbeiter die erforderlichen Qualifikationen bereits mitgebracht“, so Bloch. Während der Einarbeitungsphase seien dann spezielle Fähigkeiten und Kenntnisse ergänzt worden. Die Rekrutierung unterscheide sich nicht von der Rekrutierung inländischer Mitarbeiter. Stellenanzeigen werden auf der Internetseite des Labors und weiteren Stellenportalen veröffentlicht. Oftmals scheiterten Einstellungen aber aufgrund der sprachlichen Barriere oder der Entfernung. Grundsätzlich sei das Labor Kneißler für alle Personengruppen offen, solange die Qualifikationen ausreichten und die sprachliche Barriere nicht zu groß sei. „Es ist absolut unerheblich, ob die Bewerber perfekt die deutsche Sprache beherrschen“, so Bloch. Und weiter: „Aufgrund des Arbeitskräftemangels in Deutschland sind wir über Bewerbungen jeglicher Nationalität froh.“

McDonald’s rekrutiert seine Mitarbeiter ganz gezielt im Ausland

Gar bei 60 bis 70 Prozent liegt der Anteil der ausländischen Mitarbeiter in den vier McDonald’s-Restaurants von Günther Homm. In der Gastronomie gebe es ja fast nur noch ausländische Mitarbeiter, so Homm. Mangels deutscher Bewerber rekrutiere McDonald’s gezielt im Ausland. Homm selbst hat beispielsweise über Universitäten in Georgien oder Mazedonien schon Studenten für drei Monate in den Semesterferien in seine Restaurants geholt. Er kritisiert den notwendigen Vorlauf und Verwaltungsaufwand und würde sich hier Erleichterungen wünschen. „Ich würde schon Mitarbeiter aus Mazedonien bekommen, aber die dürfen dann nicht das ganze Jahr hier arbeiten“, so Homm. Er habe spezielle Flyer drucken lassen in Ukrainisch und Russisch, um Kriegsflüchtlinge anzusprechen. Doch nur zwei Ukrainer hätten sich überhaupt gemeldet. Von Homms Beschäftigten kommen viele aus Polen und Ungarn oder sind Grenzgänger aus Tschechien.

Mit 24,2 Prozent sind Tschechen die größte Gruppe unter den sozialpflichtig beschäftigten Ausländern im Landkreis. Von dort noch mehr Arbeitskräfte zu rekrutieren, dafür gibt es laut Siegfried Bäumler kein Potenzial mehr, ebenso wenig in vielen anderen EU-Staaten. In Tschechien beispielsweise liegt die Arbeitslosenquote niedriger als in Deutschland.

Agentur für Arbeit nimmt ausländische Frauen in den Blick

Die Agentur für Arbeit will künftig den Blick auch verstärkt auf ausländische Frauen richten. Denn Beschäftigung trage auch zur Integration bei. Bei Migranten aus den acht klassischen Asylherkunftsländern seien fast neunmal so viele Männer wie Frauen in Arbeit. Bei Flüchtlingen aus der Ukraine ist das Verhältnis etwa 50:50.

Bei jungen Männern aus den Asylherkunftsländern sei das erste Ziel, ihnen einen Ausbildungsplatz zu vermitteln. „Eigentlich ist der Ansatz, junge Männer bis 35 Jahre in eine Ausbildung zu bringen. Das gelingt auch manchmal, aber öfter auch nicht“, räumt Bäumler ein. „Viele junge Männer wollen ihre Familien zuhause unterstützen und gehen deshalb lieber als Helfer arbeiten“, berichtet Toni Jäger, Vermittler im Arbeitgeberservice. Dass eine Ausbildung – mit zunächst geringerer Bezahlung – eine Investition in die Zukunft ist, ist schwer zu vermitteln.

Eine Menge Überzeugungsarbeit sei auch notwendig, dass Arbeitssuchende sich auf etwas Neues einlassen, erst einmal eine Arbeit als Helfer annehmen. „Zum Teil müssen wir die Leute ein Stück weit ernüchtern, dass sie mit ihrer Qualifikation keine entsprechende Arbeit in Deutschland finden“, so Ramona Beyerlein.

„Im Grunde genommen haben wir genügend Arbeitsplätze für alle“, sagt Toni Jäger und meint damit arbeitswillige Deutsche und Ausländer. „Unseren Wohlstand in Deutschland können wir mittel- und langfristig nur halten, wenn wir weiterhin ausländische Beschäftigung aufbauen. Aus dem Potenzial der Deutschen schaffen wir das nicht“, fasst Bäumler zusammen.

Zahlen der Agentur für Arbeit aus dem Landkreis Schwandorf

Arbeitslosigkeit: 3259 Personen waren im Januar 2024 arbeitslos gemeldet. Das sind 12,5 Prozent mehr als im Januar 2023, 18,6 Prozent mehr als im Dezember 2023. Neben saisonalen Effekten tragen laut Siegfried Bäumler, Chef der Agentur für Arbeit Schwandorf, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die jetzt aus den Deutschkursen kommen und sich arbeitslos melden, dazu bei. Auch die Fluchtbewegung aus klassischen Asylherkunftsländern habe 2023 wieder zugenommen, entsprechend die Zahl der Arbeitslosen. Die ausländischen Arbeitslosen, die bei der Agentur gemeldet sind, stammen aus der Ukraine (333 oder 29 Prozent), Syrien (230; 20%), Rumänien (77; 7%), Polen (49; 4%), Tschechien (49; 4 %), Kosovo (48; 4%), Türkei (36; 3 %), Ungarn (36; 3%), Bulgarien (28; 3%), Irak (25; 2%) und weiteren Ländern (242; 21%).

Beschäftigungsplus: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen und hat im Juni 2023 mit 59.274 einen Höchststand erreicht. Davon waren 50.664 Deutsche (85,5 %) und 8610 Ausländer (14,5 %). Vor zehn Jahren waren es 50.519 Beschäftigte – 48.003 Deutsche (95%) und 2510 Ausländer (5 %).

Herkunftsländer: Von den 8610 ausländischen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Juni 2023 stammten 24,2 % aus Tschechien (vor allem Einpendler), 17,2% aus Rumänien, 8,8% aus Polen, 5,2% aus Ungarn, 4,7% aus der Slowakei. 28 % stammten aus Drittstaaten.

Wirtschaftszweige: Von den Ausländern arbeiteten 4285 als Helfer, 4310 als Fachkräfte. Sie sind unter anderem hier tätig: Verarbeitendes Gewerbe 3056, Verkehr und Lagerei 1048, Arbeitnehmerüberlassung/Zeitarbeit 810, Gesundheits- und Sozialwesen 808, Baugewerbe 660, Handel, Instandhaltung, Kfz-Reparatur 656, Gastgewerbe 422, sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen 397, Immobilien, freiberuflich, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen 281, sonstige Dienstleistungen, private Haushalte 127, Bergbau, Energie- und Wasserversorgung, Entsorgung95, Erziehung und Unterricht 78, Land- und Forstwirtschaft und Fischerei 59.

Klassische Asylherkunftsländer: 583 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte stammen von dort, weitere 161 waren als geringfügig Entlohnte beschäftigt, 265 arbeitslos gemeldet (Stand Juni 2023).

Ukraine: Im Juni 2023 waren 205 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus der Ukraine registriert, dazu 67 geringfügig Beschäftigte. 324Menschen aus der Ukraine waren arbeitslos gemeldet.

Sie stehen in regelmäßigem Kontakt und Austausch: Firmenchef Roland Brücklmeier (2. v. r.) und die Vertreter der Agentur für Arbeit Schwandorf, Chef Siegfried Bäumler (2. v. l.) und Ramona Beyerlein sowie Toni Jäger vom Arbeitgeber-Service. Foto: Petra Beer-Dausch