Der Landkreis Cham wächst, wird älter und kann vom bayernweiten Trend profitieren

Von Martin Hladik · 19. Februar 2024 um 05:00

„Starke Überalterung“ und „stetige Abwanderung“: Mit solchen Schlagworten wurde bislang die demografische Entwicklung in der Region oft beschrieben. Die beiden Schlagworte stammen beispielsweise aus der Beschreibung von Waldmünchen für das Projekt „Demografiefeste Kommune“, gelten aber ähnlich auch für andere Orte im Landkreis.

Doch diese Entwicklung ist nicht festgeschrieben, sie ist eine Prognose und kann beeinflusst werden. Die neuesten Zahlen der regionalisierten Bevölkerungsentwicklung für Bayern zeigen jedenfalls eine positive Tendenz. Kurz zusammengefasst bringt es das Landesamt für Statistik auf diesen Nenner: „Bayerns Bevölkerung wächst und altert deutlich bis zum Jahr 2042“.

Oberpfalz und der Landkreis

Für die Oberpfalz klingen die Statistiker nicht ganz so positiv. Hier heißt es in der Pressemeldung: „Aufgrund anhaltend hoher Wanderungsgewinne fallen die vor einigen Jahren noch regional erwarteten Bevölkerungsverluste moderater aus.“ Dabei sehen die Statistiker einen deutlichen Unterschied zwischen dem Norden und Süden der Oberpfalz: Der Süden wächst, und der Norden schrumpft.

Und wo steht Cham? In der Pressemeldung wird nicht weiter auf den Landkreis eingegangen. Die Vorausberechnung bis 2042 gibt aber eine klare Prognose. Auch der Landkreis Cham kann vom Bevölkerungswachstum profitieren und wächst weiter. Und zwar von 130200 Einwohnern 2022 auf 132700 Einwohner 2042. Das entspricht einem Wachstum von 1,9 Prozent. Dabei stammt dieses Plus eindeutig aus der Zuwanderung in den Landkreis Cham.

Die natürliche Bevölkerungsentwicklung

Während der Vergleich von Geburten und Sterbefällen, die sogenannte natürliche Bevölkerungsentwicklung, mit minus elf Prozent klar negativ ausfällt, überwiegt trotzdem die Zuwanderung mit 12,9 Prozent. Aus welchen Quellen diese Zuwanderung gespeist wird, dazu sagt diese Statistik wenig.

Mitte vergangenen Jahres stellte das Landesamt für Statistik die Wanderungsgewinne in Bayern für 2022 vor. Demnach kam über ein Fünftel der Zuwanderer aus anderen Bundesländern. Vier Fünftel kamen aus dem Ausland. Einen hohen Anteil daran hatten Zuwanderer aus der Ukraine.

Weiter heißt es in der Pressemitteilung der Statistiker über die bayernweite Tendenz: „Gut 20 Prozent des positiven Wanderungssaldos mit dem Ausland sind auf Personen mit einer asiatischen Staatsangehörigkeit (42 740) zurückzuführen. Knapp zwei Prozent des Wanderungsgewinns gegenüber dem Ausland wurden durch Personen mit einer nord- oder südamerikanischen Staatsangehörigkeit (3374) und knapp drei Prozent durch Personen mit einer afrikanischen Staatsangehörigkeit (6380) erzielt.“

Hohes Durchschnittsalter

Bei allem Bevölkerungswachstum steigt aber auch das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Landkreis Cham von 45,1 Jahren im Jahre 2022 auf prognostizierte 47,5 Jahre im Jahr 2042. Damit gehört der Landkreis Cham zu den Gebieten Bayerns mit einer eher älteren Bevölkerung. Das Durchschnittsalter in Bayern wird zu dieser Zeit (2042) bei 45,4 Jahren, also 2,1 Jahre darunter liegen.

Wie Landrat Franz Löffler die Entwicklung beurteilt

Weil Menschen dort wohnen, wo es Arbeit und Einkommen für sie gibt, wird Zuwanderung gemeinhin auch als positives Zeichen für den Erfolg einer Region gewertet. Wir wollten von Landrat Franz Löffler wissen, wie er die Zahlen beurteilt.

Die neue Bevölkerungsvorausberechnung für den Landkreis zeigt ein positives Saldo. Haben wir uns bisher zu viele Sorgen um die demografische Entwicklung gemacht?

Die demografische Entwicklung ist nach wie vor ein wichtiger Faktor für die Entwicklung unserer Region. Wir haben nie schwarz gesehen und gejammert. Die Prognosen waren für uns immer schon Anhaltspunkte, um die richtigen Weichen zu stellen. Durch das Zusammenspiel unserer innovativen Unternehmer, der fleißigen Arbeitnehmer und der richtigen politischen Rahmenbedingungen ist es uns gelungen, dass die Realität für die Menschen im Landkreis Cham eine andere geworden ist. Kontinuierliches Bevölkerungswachstum, Arbeitslosenzahlen um die 3 Prozent, so viele sozialversicherungspflichtige Beschäftigte wie noch nie (56000), dazu 5000 akademische Arbeitsplätze und vieles mehr sprechen eine deutliche Sprache.

Die Statistik zeigt, dass die natürliche Bevölkerungsentwicklung klar negativ ist, die Zuwanderung ist aber etwa 1,9 Prozent stärker. Sind das Zuwanderer aus anderen Bundesländern, der EU oder Flüchtlinge? Können Sie die Größenordnungen benennen?

Unser attraktiver Wirtschaftsraum zieht Menschen aus vielen Gründen an – seien es die Arbeitsplätze, das Studienangebot oder das attraktive Lebensumfeld (Landschaft und aktives Gemeinschaftsleben). Aber auch die Personen mit Fluchthintergrund, die bei uns Schutz gefunden haben, spielen eine Rolle. Genaue Zahlen liegen uns dazu nicht vor. Im Ergebnis geht es darum, dass die Menschen in unserer Region für sich eine gute Zukunft sehen. Um das zu erreichen, gibt es zahlreiche Stellschrauben, die der Landkreis beeinflussen kann. Bildung ist eine davon. Die massiven Investitionen der letzten Jahre zahlen sich aus und wir werden nicht nachlassen. Ebenso ist eine zukunftsfähige Infrastruktur dafür Voraussetzung - sowohl den Glasfaserausbau als auch das Thema Energie haben wir aktiv angepackt.

Sie sagen, ohne qualifizierte Zuwanderung ist unser Wohlstand nicht zu halten. Ist dieser Zuwachs eine qualifizierte Zuwanderung?

Unsere breitaufgestellten mittelständischen Unternehmen sind der Grund für unseren Wohlstand. Und für diese ist qualifizierte Zuwanderung ein wesentlicher Faktor. Das bestätigen mir unsere Unternehmer in zahlreichen Gesprächen. Arbeits- und Fachkräftemangel sind bereits Realität. Man merkt dies sehr deutlich am Arbeitsmarkt, der sich von einem Nachfragemarkt zu einem Angebotsmarkt entwickelt hat. Während in früheren Jahren auch ich als Landrat bei Unternehmen angerufen habe und gefragt habe, ob sie nicht doch noch 2 oder 3 Azubis mehr einstellen könnten, bewerben sich die Arbeitgeber heute regelrecht um Auszubildende. Die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen ist genauso ein Standortfaktor wie eine gute Straßenanbindung und eine ausreichende Energieversorgung. Wenn Arbeitsplätze nicht besetzt werden können, kann auch ein Unternehmen über kurz oder lang nicht an dem Standort produzieren. So ehrlich müssen wir sein, trotz aller Digitalisierung und Automatisierung.

Wie ist das Bevölkerungsplus für den Landkreis nutzbar zu machen und wo sehen sie Probleme?

Eine wachsende Bevölkerung zeigt immer auch an, dass die Menschen für sich in der Region eine Zukunft sehen. Dieses Vertrauen freut mich, ist aber auch ein Auftrag an alle Verantwortlichen, konsequent die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit dies auch weiterhin so ist. Bei allen Herausforderungen dieser bewegten Zeiten müssen wir dafür auch sicherstellen, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft weiterhin so groß bleibt.

Trotz der Zuwanderung, überaltert der Landkreis deutlich. Was sind für Sie die wichtigsten Konsequenzen, um auf diese Entwicklung zu reagieren?

Die Menschen werden älter. In erster Linie eine für jeden persönlich positive Entwicklung, die auf unseren Wohlstand und die gute medizinische Versorgung zurückzuführen ist. Damit stellen sich natürlich aber auch Herausforderungen wie Mobilität oder insbesondere Pflege. Wenn man die Prognose des Bundesamtes für Statistik heranzieht, nachdem die Zahl der Pflegebedürftigen allein durch die Alterung von 5,0 Millionen Ende 2021 über 5,6 Millionen Ende 2035 auf 6,8 Millionen in Deutschland ansteigt, ist der Trend auch für unseren Landkreis klar. Deshalb begleiten wir das Thema als Landkreis ganz eng, etwa durch die Gesundheitsregion plus oder durch das Sachgebiet Betreuung, Heimaufsicht und Senioren am Landratsamt. Das Ziel: möglichst lange ein gutes Leben in den eigenen vier Wänden führen zu können. Alles andere würde die Pflegestrukturen massiv überfordern. Und auch hier sind wir bereits jetzt auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen. Damit einher geht natürlich auch die Frage der Mobilität, einer der Gründe, warum wir das Angebot kontinuierlich ausbauen.