Regensburger Automaten-Laden Temla feiert Zehnjähriges: Konzept heute veraltet?

Von Lorenz Nix · 6. Februar 2024 um 19:00

Automaten-Läden liegen im Trend. „Temla“ in der Regensburger Altstadt feiert heuer aber bereits seinen zehnten Geburtstag. Für Betreiber Denis Pintarelli sind die stählernen Verkäufer nicht die Zukunft des Einkaufens.

Lange Zeit hatten Verkaufsautomaten einen eher zweifelhaften Ruf: Die schmuddeligen Metallkästen im öffentlichen Raum waren entweder voller Zigaretten, hartem Kaugummi oder billigem Spielzeug. In den letzten Jahren scheinen die stählernen Verkäufer aber einen rasanten Imagewandel durchgemacht zu haben: Vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie sind in manchen Innenstädten Ladeneinheiten mit gleich mehreren Snack- und Getränkeautomaten wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Sieht so die Zukunft des Einkaufens aus?

„Temla 24/7 Supermarkt“ in Regensburg: Geschäft ohne Heizung

Zumindest in der Region ist Denis Pintarelli so etwas wie ein Pionier bei Automaten-Läden. Sein „Temla 24/7 Supermarkt“ – „Temla“ steht für Tante-Emma-Laden – in Regensburg feiert heuer sein zehntes Jubiläum. Gerade ist Pintarelli dabei, in einem der Verkaufsmaschinen den Biervorrat aufzustocken. Ein kalter Wind pfeift an diesem Vormittag durch die Gesandtenstraße, im kleinen Verkaufsraum ist es trotzdem wohlig warm. „Ich heize hier aber nicht“, sagt Pintarelli. Allein die Abwärme der großen Automaten sorge für die angenehme Temperatur.

Bevor Pintarelli 2014 den Laden in der Regensburger Altstadt eröffnete, hat er im Außendienst gearbeitet. „Da bin ich oft später, also nach 20 Uhr, heimgekommen“, erzählt der Sinzinger (Lkr. Regensburg). Einkaufen sei dann oft schwierig gewesen. Seine Idee: Ein Geschäft, das rund um die Uhr geöffnet hat, mit Mitarbeitern, die nicht müde werden – eben ein Automaten-Laden.

Denis Pintarelli: Zahlen sind immer nach oben gegangen

Solche Geschäfte habe er bereits aus Italien gekannt, sagt Pintarelli. Er sei der Meinung gewesen, dass so etwas auch in der Region funktionieren könne. Also einfach eine Ladenfläche anmieten, Automaten bestellen und loslegen? Ganz so einfach machte es sich der heute 45-Jährige nicht. „Ich habe lange überlegt“, sagt Pintarelli. So sei er immer wieder zum Regensburger Bahnhof gefahren und habe beobachtet, was die Menschen dort zu später Stunde einkaufen. Dann folgte das Rechnen: Lohnt sich ein Automaten-Laden? Etwa zehn Jahre später kann er die Frage mit Ja beantworten. Die Zahlen seien immer nach oben gegangen, freut er sich.

Zu den genauen Zahlen will Pintarelli aber nichts sagen. Auch, weil sein Temla-Supermarkt längst nicht mehr der einzige Automaten-Laden in Regensburg ist. Aktuell gibt es insgesamt vier solcher Geschäfte in der Altstadt – das neueste eröffnete erst vor wenigen Tagen. Dass es mittlerweile Konkurrenz gibt, störe ihn aber nicht, sagt der Unternehmer. „Das hat eigentlich eher Vorteile.“ Die Akzeptanz für die Art von Läden steige mit jeder Neueröffnung, ist der Temla-Gründer überzeugt. Und die Hemmschwelle dort einzukaufen, sinke dementsprechend.

Zweiter Temla-Supermarkt im Landkreis Regensburg

Auch Pintarelli hat mittlerweile nicht mehr nur einen Laden. Der 45-Jährige betreibt seit 2021 einen zweiten Temla-Supermarkt in Laaber im Landkreis Regensburg. Kühle Getränke und schnelle Snacks: Funktioniert das auch abseits der großen Städte? Er könne sich nicht beschweren, sagt der Sinzinger.

Tatsächlich gehören Verkaufsautomaten und Landleben mittlerweile zusammen. Schließlich bringen zahlreiche Landwirte so bereits seit geraumer Zeit ihre Erzeugnisse an den Mann beziehungsweise die Frau – und es werden immer mehr: Einer Studie der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) aus dem November 2022 zufolge hat sich die Anzahl der Verkaufsautomaten mit landwirtschaftlichen Produkten im Freistaat innerhalb von sechs Jahren verdreifacht. „Im Rahmen der Erhebung konnten in Bayern 512 Automaten gezählt werden“, sagt Sophia Goßner, die den Standort Ruhstorf an der Rott (Lkr. Passau) des LfL-Instituts für Agrarökonomie leitet.

Expertin aus dem Kreis Passau: Automaten in der Direktvermarktung als Trend

Die Expertin sieht einen „ungebrochenen“ Trend zur Automatenvermarktung. „Denn Automaten erfüllen den Wunsch des Verbrauchers, regionale Lebensmittel direkt vom Erzeuger zeitlich unabhängig und flexibel einkaufen zu können“, sagt Goßner. Auch Denis Pintarelli hat schon versucht, „richtige“ Lebensmittel – also Milch, Wurst oder Eier – in seinen Automaten zu verkaufen. Aber: „Das lohnt sich nicht.“ Snacks oder Getränke würden bei ihm viel eher gekauft. Seine Läden richteten sich vor allem an Laufkundschaft, sagt der 45-Jährige.

Pintarelli kann sich gut vorstellen auch weitere Shops zu eröffnen. Er sehe sich immer nach Flächen um, sagt er. Der größte Kostenfaktor sei aber die Miete, „die muss passen“. Der Unterhalt der Automaten sei hingegen vergleichsweise günstig, so Pintarelli. Dabei sieht er in den stählernen Kästen aber nicht unbedingt die Zukunft des Einkaufens: „In meinem Kopf ist dieses Konzept eigentlich schon veraltet.“

Kosten-Nutzen-Verhältnis bei Walk-in-Stores stimmt laut Temla-Betreiber noch nicht

Der Sinzinger sagt das beispielsweise mit Blick auf sogenannte Walk-in-Stores. Dabei sind eben nicht mehr die Glasscheiben der Automaten im Weg, sondern der Kunde kann sich – wie im „echten“ Supermarkt − direkt bedienen. Bezahlt wird dann per Selbstscanner-Kasse oder – noch moderner – automatisiert mittels Kameraüberwachung und speziellen Sensoren. Gerade letzteres sei die Zukunft, ist Pintarelli überzeugt. Allerdings hapere es hier noch am Kosten-Nutzen-Verhältnis. So seien die Systeme teuer, außerdem brauche man mehr Fläche, was erheblich höhere Mietkosten bedeute, sagt der Unternehmer.

Deshalb überlässt der 45-Jährige solche „Experimente“ noch den großen Handelsketten. So hat der Lebensmittel-Discounter Netto aus Maxhütte-Haidhof (Lkr. Schwandorf) Anfang Januar in Regensburg den nach eigenen Angaben „größten autonomen Einkaufsstandort in Europa“ eröffnet. Dabei ordne „smarte Technologie in den Decken und Regalen die entnommenen Produkte“ den jeweiligen Kunden zu und erstelle individuelle Warenkörbe sowie Einkaufsbeträge in Echtzeit, heißt es in einer Mitteilung des Oberpfälzer Unternehmens.

Der Ansicht, dass Automaten-Läden nicht die Zukunft sind, ist man deshalb auch bei der Stadt Regensburg: Supermärkte und Discounter haben die Zeichen der Zeit erkannt und würden „die Entwicklung von smarten und personalunabhängigeren Filialen weiter vorantreiben“, teilt eine Stadtsprecherin auf Anfrage mit. Dass allerdings auch weitere Anbieter beim Einkaufen der Zukunft mitmischen wollen, ist unbestritten. Wann es für Denis Pintarelli soweit ist, weiß er noch nicht: „Abwarten“, sagt er.

Der Oberpfälzer Discounter Netto hat kürzlich eine Filiale in Regensburg eröffnet, in der der Warenkorb der Kunden automatisiert erfasst wird. Foto: Netto Marken-Discount