Regensburger Experte: Höhere Preise im Supermarkt schmerzhafter als im Gasthaus

Von Bernhard Fleischmann · 23. Januar 2024 um 08:00

Die hohe Inflation hat in den vergangenen zwei Jahren viele Bürger ärmer gemacht. Bleibt das so? Der Regensburger Experte Lutz Arnold sagt: Nein. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zwei Jahren mit ungewohnt hohen Inflationsraten haben die Bürger zutiefst verunsichert. Auch die mitunter mit Wut angereicherte Unzufriedenheit mit der Bundesregierung wird von der Teuerung auf breiter Front angefacht. Wie wird es weitergehen? Über die künftige Preisentwicklung sprach die Mediengruppe Bayern mit dem Regensburger Professor für Volkswirtschaft, Lutz Arnold.

Woran ist Ihnen persönlich aufgefallen, dass vieles teurer geworden ist?

Lutz Arnold: Wo ich Geld ausgebe, ist in der Gastronomie. Das ist schon teurer geworden. Der Anstieg des Mehrwertsteuersatzes zurück auf das Vor-Corona-Niveau wird da nach und nach weitergegeben werden, das wird man auch spüren. Wenn man Geld für etwas ausgibt, das man gern macht, schadet es aber nichts, sich nicht über Preisanstiege aufzuregen, die aus höheren Kosten resultieren und die man verkraften kann.

5,9 Prozent betrug die Teuerung 2023, ein Prozent weniger als im Jahr davor. Das ist immer noch sehr hoch und weit vom EZB-Ziel 2,0 Prozent entfernt...

Arnold: Über das Jahr 2023 hinweg ist die Inflationsrate in Deutschland jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat von knapp neun Prozent auf unter vier Prozent gefallen. Die 5,9 Prozent sind das Mittel davon. Der Trend geht also nach unten.

Inflationsrate 2024: 2,5 bis 3,5 Prozent

Mit welchem Wert rechnen sie für das laufende Jahr 2024?

2024 wird die Inflationsrate in Deutschland über zwei und unter fünf Prozent liegen. Wenn man vier Leute nach jeweils unterschiedlichen Zahlen fragt, sagt je einer 2, 3, 4 und 5 Prozent. Am Ende hat einer Recht. Wer das ist, weiß man aber heute nicht. Ich tippe: zwischen 2,5 und 3,5 Prozent.

Im Dezember ist die Teuerung wieder auf 3,7 Prozent gestiegen, nach 3,2 Prozent im November. Warum? Ist der Trend nach unten in Gefahr?

Arnold: Gas war im Dezember 2023 um 20 Prozent billiger als im November 2022. Trotzdem verbucht die Statistik einen Preisanstieg um über ein Drittel gegenüber dem Vorjahresmonat, dem Dezember 2022. Das liegt an der „Dezember-Soforthilfe“, mit der der Bund im Vorgriff auf die Gaspreisbremse im Dezember 2022 Gas und Fernwärme für die Kunden verbilligt hatte. Dass die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat im Dezember 2023 wieder etwas stärker stiegen, liegt insbesondere an diesem Sondereffekt. Eine Gefährdung des Trends nach unten bei der Teuerung kann man daraus nicht ablesen.

Was spricht für eine weitere Entspannung bei den Preisen?

Arnold: Die Dynamik zeigt nach unten. Und die EZB wird ihre restriktive Geldpolitik aufrechterhalten, bis die Inflation nachhaltig gebremst ist.

„Es gibt Schlimmeres als 3 Prozent Inflation“

Und was spricht dagegen?

Arnold: 2023 lag die Inflationsrate in Deutschland über der des gesamten Euroraums. Wenn die EZB ihr 2-Prozent-Inflationsziel für den Euroraum erreicht, aber Deutschland über dem Durchschnitt bleibt, dann bleibt die Inflation in Deutschland über 2 Prozent. Aber es gibt Schlimmeres als 3 Prozent Inflation. Und weil die höhere Inflationsrate in Deutschland insbesondere an hohen Lohnabschlüssen liegt, bedeutet das nicht ähnliche Kaufkraftverluste wie 2022.

Im vergangenen Jahr haben die Bundesbürger offenbar am Konsum gespart – zugunsten der Urlaubskasse. Dumm für unsere Konjunktur?

Arnold: Ausgaben im Ausland sind Nachfrage dort und nicht hier und damit hier nicht konjunkturwirksam. Angesichts des politisch umstrittenen hohen deutschen Leistungsbilanzüberschusses sollte man das aber aus makroökonomischer Sichtweise nicht nur kritisch sehen.

Schlechte Aussichten bei Lebensmitteln

Nahrungsmittel, die besonders einkommensschwache Menschen spüren, verteuerten sich 2023 um 12,4 Prozent. Welchen Trend erwarten Sie hier?

Arnold: Haushalte mit geringerem Einkommen geben einen höheren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus und werden von den aktuellen Preisanstiegen daher mehr getroffen. Hier sind weitere Preisanstiege zu erwarten, und die sind im Supermarkt schmerzhafter als im Gasthaus. Die Politik hat im Übrigen diese Preisanstiege nicht verursacht und mit dem Bürgergeldanstieg um 60 Euro monatlich zum Jahreswechsel reagiert.

Wie stark wirkt sich der massive Anstieg der Mieten aus? Die hohen Ausgaben fürs Wohnen belasten die Budgets stark und stehen für andere Ausgaben nicht zur Verfügung…

Arnold: Auf dem Wohnungsmarkt ist in den Ballungsräumen keine Entspannung zu erwarten. Zu hoffen ist, dass Mietpreisanstiege aufgrund von steigender Nachfrage nach Wohnraum zumindest den Bau neuer Einheiten – trotz steigender Bau- und höherer Finanzierungskosten – begünstigen. Dann hätten die Mietanstiege auch potenziell eine positive konjunkturelle Wirkung.

Gibt es auch Güter und Dienstleistungen, die absehbar günstiger werden?

Arnold: Hier und da. Energie hat sich gegenüber den Höchstständen wieder deutlich verbilligt, auch Benzin. Wo man auf längere Sicht Preise sinken sieht, ist bei Technik. Für gleiches Geld kriegt man Notebooks mit immer mehr Rechenleistung, Speicherplatz und Auflösung.

Frankreich und Italien haben ähnlich hohe Inflationsraten, Spanien und die Niederlande liegen niedriger. Wieso entstehen diese Unterschiede?

Arnold: Die Inflationsraten streuen momentan recht stark. In Italien lagen die Preisanstiege gegenüber dem Vorjahresmonat in November und Dezember jeweils unter einem Prozent. Da spielen verschiedene Dinge eine Rolle: Ob es im Vorjahr Sondereffekte gab, wie energieintensiv produziert wird, wie hoch die Lohnabschlüsse ausfallen, wie stark die nationale Konjunktur ist. In Deutschlands im europäischen Vergleich hoher Inflationsrate spiegeln sich auch die hohen Lohnabschlüsse wider.

Sparer sollten es eiliger haben

Kreditzinsen für Hypotheken sind wieder gefallen, nachdem sie über vier Prozent erreicht hatten. Ist eine weitere Entspannung wahrscheinlich? Sollten sich Sparer beeilen, die aktuellen Zinsen längerfristig zu sichern?

Arnold: Da Hypotheken- und Sparzinsen in die gleiche Richtung gehen, ist die Frage: beide nach oben oder beide weiter nach unten? Ein leichtes Absinken dürfte wahrscheinlicher sein als Anstiege, sodass es Sparer tendenziell eiliger haben sollten als potenzielle Kreditnehmer.

Mit welchem Trend rechnen Sie in den kommenden Jahren? Wann könnten die zwei Prozent erreicht sein?

Arnold: Die EZB hat 2025 als Ziel für den Euroraum erklärt. Das ist realistisch. Es gibt aber natürlich politische Risiken. Eine Eskalation im Nahen Osten würde nach dem Gas auch noch das Öl teuer machen.

Es wird wild spekuliert, wann die EZB die Zinswende einleitet. Für wann erwarten Sie diese? Was halten Sie für richtig?

Arnold: Es ist zu erwarten, dass die EZB ihre Zinsen in Schritten von Viertelprozentpunkten im Vierteljahrestakt wieder senken wird, das heißt von 4,5 Prozent auf 3,5 Prozent über ein Jahr. Zum Vergleich: Die EZB hat ab Mitte 2022 innerhalb eines Jahres ihre Zinsen von null auf 4 Prozent erhöht. Da erscheinen die Spekulationen, ob die Zinssenkungen im Sommer oder erst in einem Jahr beginnen, wilder als angemessen.

Hintergrund zum Interview:

Rate: Das Leben in Deutschland hat sich im zweiten Jahr in Folge deutlich verteuert. Mit 5,9 Prozent lag die Inflationsrate im Jahresschnitt 2023 zwar einen Prozentpunkt niedriger als 2022. Dennoch war es der zweithöchste Wert seit der Wiedervereinigung. Die Teuerung liege „weiterhin auf einem hohen Stand“, sagt die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes, Ruth Brand.

Der Start: Nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 hatten sich vor allem Energie und Lebensmittel sprunghaft verteuert und die Inflation angeschoben. Dies setzte sich im vergangenen Jahr fort, wenn auch nicht mehr ganz so stark.

Nahrung und Energie: Nahrungsmittel verteuerten sich im Jahresdurchschnitt 2023 besonders stark, erläuterte Brand. 12,4 Prozent mehr mussten Verbraucher für Nahrungsmittel zahlen. Die Preise für Energieprodukte zogen 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 5,3 Prozent an.

Die Jahresteuerungsrate ohne Berücksichtigung von Energie und Nahrungsmitteln lag 2023 bei 5,1 Prozent nach 3,8 Prozent im Jahr 2022.

Lutz Arnold ist Volkswirt und Professor an der Universität Regensburg. F.: Margit Scheid