Sollen Geschäfte an Sonntagen frei öffnen können? „Irgendwann ist Schluss“

Von Bernhard Fleischmann, Marie Campisi · 24. Januar 2024 um 05:00

Mehr Geschäft durch Sonntagsshopping? Manche Geschäfte sind dafür, andere lehnen es strikt ab. Stimmen aus Ostbayern legen nahe: Die Mehrheit hat eine klare Tendenz.

Sonntagsshopping – ist das vollkommener Unsinn oder ein Befreiungsschlag für Läden? Die Diskussion ploppte dieser Tage wieder auf. Dieses Mal hat der Chef der Ingolstädter Elektronikhandelskette MediaMarktSaturn, Karsten Wildberger, sich dafür ausgesprochen, dem Einzelhandel in Deutschland reguläre Sonntagsöffnungen zu ermöglichen. Es gebe Kunden, die würden sehr gerne sonntags einkaufen, sagte Wildberger in einem Interview. „Ich würde mir in dieser Hinsicht mehr Freiheiten wünschen. Wir sollten das einfach mal ausprobieren.“

Die Möglichkeit, sonntags zu öffnen, müsse nicht bedeuten, dass jede der MediaMarktSaturn-Filialen in Deutschland dann geöffnet habe, sagte Wildberger. Die gesetzlichen Regelungen zur Sonntagsöffnung sind im Ladenschlussgesetz festgelegt und variieren in den Bundesländern.

Überzeugte Fürsprecher für seinen Vorstoß sind kaum zu entdecken, Gegner hingegen umso mehr. Völlig auf seiner Seite ist indes Christian Plotzki. Der Inhaber des Geschenkeladens Gumprecht in Regensburg plädiert für völlige Freiheit. In der Hochsaison möchte er viel länger aufmachen. „Aber ich darf das nicht. Damit habe ich ein Wahnsinnsproblem“.

Der Handel hat Sorgen

Relativ offen gibt sich der Handelsverband Bayern. „Großes Verständnis“ für den Vorstoß äußert die unternehmenspolitische Interessenvertretung des bayerischen Einzelhandels. Pressesprecher Bernd Ohlmann nennt gegenüber unserer Zeitung die verkaufsoffenen Sonntage eine wichtige Chance für Händler, Werbung in eigener Sache zu betreiben. An Sonntagen könnten die Menschen entspannt flanieren. Dringend nötig sei das, denn der stationäre Handel durchlebe keine gute Zeit. Die Inflation bremse die Kauflaune.

Warum regelt Bayern das nicht?

In Bayern sind maximal vier verkaufsoffene Sonntage pro Jahr erlaubt, die mit einer besonderen Aktion in der Kommune (Herbstmarkt etc.) verbunden sein müssen. Diese vier Tage reichen aus, so der Sprecher, weil sich andernfalls das Ereignis abnutze. Kommunen würden die vier möglichen Termine oft gar nicht ausreizen. Auch fürchteten Gemeinden, dass ihnen Gerichte die Genehmigung von verkaufsoffenen Sonntagen kippen würden, weil sie die dafür notwendigen Voraussetzungen anzweifelten. Deshalb wünsche sich der Handel, so Ohlmann, endlich klare Regelungen in Bayern. Doch die Staatsregierung fasse das Ladenschlussgesetz offenbar nicht an, weil dann sofort auch die Öffnungszeiten unter der Woche auf den Prüfstand gerieten. „Da traut sich Bayerns Regierung nicht ran“, kommentiert Ohlmann. Bayern sei das einzige Bundesland ohne eigenes Ladenschlussgesetz, deshalb gelte hier Bundesgesetz.

Eine einheitliche Meinung zu zusätzlichen Sonntagsöffnungen gibt es bei den Geschäftsinhabern nicht. Das beobachtet die Geschäftsführerin des Vereins Faszination Altstadt in Regensburg, Maria Müller: „Manche machen das gerne, andere sagen, dass es sich nicht lohnt.“ Wer an den Flaniermeilen liegt, profitiere zumeist. Je weiter davon entfernt, desto weniger Besucher verlieren sich in den Geschäften. Verzwickt sind mitunter die vorgeschriebenen Kombinationen des einkaufsoffenen Sonntags mit Sonderaktionen der Stadt. Beispiel Herbstfest. Dieses sei gut etabliert, meist war auch schönes Wetter, so Müller. Doch wenn es zu sonnig sei, dann blieben die Menschen lieber draußen auf den Märkten. Regnet es, dann kommen sie erst gar nicht. Mit Blick auf die Mitarbeiterinnen tendiert Müller zur Zurückhaltung. Der Sonntag ist im Einzelhandel der einzige Ruhetag, „das sollte so bleiben“.

Gewerkschaft: Mitarbeiter schützen

Noch eindeutiger ergreift die Gewerkschaft Verdi Partei für den freien Sonntag. Christin Rappl von der Geschäftsstelle Oberpfalz: „Verdi lehnt Sonntagsöffnungen grundsätzlich ab. Es bedarf keiner weiteren Ausweitung der Öffnungszeiten im Einzelhandel.“ Für die Beschäftigten stellten Ausnahmen von der Sonntagsruhe eine große Belastung dar. Eine „unglaubliche Mehrbelastung erleben Verkäuferinnen und Verkäufer ohnehin schon durch die ausgeweiteten Öffnungszeiten unter der Woche“, betont Rappl gegenüber der Mediengruppe Bayern. Sie sieht auch für die Unternehmen keinen Vorteil: Die Menschen könnten den Euro nur einmal ausgeben. Erfahrungsgemäß verschiebe sich lediglich der Umsatz auf andere Tage.

Plotzki dagegen ist überzeugt, dass längere Öffnungszeiten mehr Umsatz einbringen würden. „Wer behauptet, das verteilt sich dann nur anders, der hat null Ahnung.“ Umsätze verteilten sich nicht gleichmäßig. Mittlerweile verkaufe er an Samstagen fast so viel wie von Montag bis Freitag zusammengenommen. Ob es wirtschaftlicher wird, ist damit nicht gesagt. Plotzki müsste sich selbst mehr in den Laden stellen, denn das Stammpersonal würde kaum auch noch sonntags arbeiten wollen. Plotzki glaubt, er würde ausreichend Aushilfen finden.

„Schafft nur Probleme“

Seine Kollegen sehen das überwiegend anders: Etwa Helmut Hagner, Unternehmensleiter beim Bekleidungshaus Frey in Cham: „Man löst damit keine Probleme, sondern schafft nur neue.“ Damit meint er zum Beispiel den Fachkräftemangel. Ein zusätzlicher Arbeitstag wäre auch deswegen nicht leistbar. „Das können wir unseren Mitarbeitenden nicht zumuten“, sagt Hagner. Auch Franz Wanninger jun. von Möbel Wanninger in Bad Kötzting ist höchst skeptisch. Es stehe gerade die Work-Life-Balance im Vordergrund. Und vor einiger Zeit habe man noch einen Green Monday diskutiert, an dem Geschäfte geschlossen bleiben, um Energie zu sparen. Wanninger lehnt den Vorschlag kategorisch ab.

56 Stunden pro Woche sollten reichen

Genauso wie Ralf König, Inhaber des Regensburger Sportartikelgeschäfts Lauf und Berg König. Er beschäftigt 25 Mitarbeiter, davon 16 im Verkauf. „Wir haben 56 Stunden die Woche geöffnet. Da sollte wohl jeder Zeit finden, einkaufen zu können.“ Mehr Umsatz erwartet er sich von zusätzlichen Sonntagen nicht. Die Einnahmen bei den Aktionssonntagen bezahle er mit Flaute an den Folgetagen, ein Nullsummenspiel. Er selbst und die Mitarbeiter wollten nicht an Sonntagen arbeiten. „Das wäre für Mitarbeiter ein Grund zu kündigen“, ist sich König gewiss.

Genauso sieht es die Filialleiterin eines Fachgeschäfts in der Altstadt, die nicht genannt werden will. Sie lehnt zusätzliche Sonntage rundweg ab, Grund: „Der Handel sucht händeringend nach Mitarbeitern. Dann macht es gar keiner mehr. Irgendwann ist auch mal Schluss.“ Sie selbst sei Single und könnte auch problemlos sonntags ins Geschäft gehen. Die meisten Mitarbeiter aber hätten Familie und möchten wenigstens einen gemeinsamen freien Tag mir ihr in der Woche haben. Etwas mehr Umsatz im Sommer wäre drin, glaubt sie, denn ihr Geschäft werde sehr stark von Touristen besucht. Aber das gleiche die Nachteile bei weitem nicht aus.

Christian Plotzki würde gerne öffnen, wann er es für richtig hält.