Ein Mann und (s)eine Kapelle in Treffelstein: Ernst Spichtinger ist Vereinsmensch durch und durch

Von Petra Schoplocher · 4. Februar 2024 um 11:00

„Mei, ich sag‘ halt immer noch mei Kapell‘n.“ Ernst Spichtinger entschuldigt sich mehrfach für diesen Satz. Dabei stimmt er, zwei Renovierungs- und Sanierungsmaßnahmen tragen maßgeblich seine Handschrift. Dabei hatte der Treffelsteiner mit dem Kirchlein zunächst gar nichts zu tun. Und doch ist es seines geworden, nicht zuletzt wegen mancher schlaflosen Nacht und einer besonderen Entdeckung.

Die allerdings löste vor allem eines aus: Panik. Der Reihe nach. Bei der Jahresversammlung 1984 der Reservistenkameradschaft hatte der Geistliche Rat Karl Fischer dafür geworben, die Ave Maria-Kapelle am Ortsrand „draußen etwas anzustreichen“. Ein Auftrag, dem sich der sechs Jahre alte Verein nicht entziehen wollte. An dessen Spitze stand seit 1980 Gründungsmitglied Ernst Spichtinger.

Besitzer wusste nichts von seinem Glück

Nur stellte sich eines Tages heraus, dass das kleine Gotteshaus weder der kirchlichen noch der weltlichen Gemeinde gehörten. Sondern einem Ehepaar, das davon nicht einmal etwas wusste...

Die Geschichte geht gut aus, Heinrich und Maria Liegl übertrugen der Gemeinde Grundstück und Gebäude plus ein paar Meter ihres angrenzenden Feldes, um einen schönen Umgriff zu schaffen. „Das waren harte Tage“, erinnert sich Ernst Spichtinger.

Arbeitsintensive Jahre als Vorsitzender

Nicht die einzigen, die er (als Vorsitzender) erleben musste. Hart im Sinne von arbeitsintensiv waren die drei Jubiläen, die er federführend organisierte: Die 110-, 115- und 120-Jahr-Feiern, die jeweils mehrere Tage dauerten. Dazu Ausflüge, Bälle, „es war ja kein Geld da, wir brauchten Einnahmequellen“, verdeutlicht der gebürtige Teunzer, der mit seiner Franziska bis heute in deren Elternhaus unterhalb des Drachenturms lebt.

Schmerzhafter Einschnitt

Der härteste Tag aber war der 27. November 1994. Da warf der Reservisten-Chef, nachdem er sich von einem Mitglied hintergangen und verraten fühlte (näher mag er das nicht ausführen), das Handtuch und trat zurück. Dass er immer noch genau weiß, dass dies ziemlich genau 14 Jahre und einen Monat nach seiner Wahl an die Spitze der Kameradschaft war, lässt den Grad der Verletzung erahnen.

Engagiert im Soldatenbund

Spichtinger versucht, sie mit einem Lächeln zu überspielen. Als Meister des Kalenders erweist er sich auch in seinen andern Ehrenämtern, die er mühelos auflistet: 22 Jahre und neun Monate Funktionär im Bayerischen Soldatenbund, Ehrenkreisvorsitzender seit 2019, Gründungsmitglied der Kreisgruppe Oberpfalz-Ost 1983.

An der Spitze eines „Spitzenteams“

Von 1986 bis 1994 an saß der zweifache Vater zudem im Pfarrgemeinderat, davon vier als Vorsitzender. Der gebürtige Teunzer schwärmt: Das waren jeweils tolle, regelrechte Spitzenteams.

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1994 wurde er erneut gewählt – nur trat er das Amt nicht an. Zu sehr trübten die Erfahrungen zu dieser Zeit jedwedes Ehrenamt. Die Seite aus dem Pfarrbrief (Nummer 27/94) hat er dennoch neben vielem Anderen aufbewahrt. In ihm wird er zitiert und gelobt. Zitiert mit seiner Aussage zu einer „verschworenen Gemeinschaft“, der es gelungen sei, Aufgaben erfolgreich anzupacken: Gottesdienstanzeigen an den Ortseingängen und die für die Lieder in der Kirche, Soldatengedenktafeln, Spendensammlungen... Lob erfährt Spichtinger für seine Einsatzfreudigkeit, ihm und den eifrigen Mitarbeitern bringt der Pfarrer Dank, Anerkennung und ein herzliches Vergelt´s Gott entgegen.

Kapelle war das Mammutprojekt

Das Team, es war ihm immer wichtig. Das Mammutprojekt Kapelle stellt er als „unglaubliches und echtes Gemeinschaftswerk“. Neben den eigenen Hand- und Spanndiensten ging es auch darum, (ehrenamtliche) Handwerker zu finden und (Spenden zu sammeln. „Gegeben haben viele etwas, Privatpersonen wie Vereine“, berichtet der Vater zweier Söhne dankbar, noch immer.

Woher das Geld nehmen?

„Ich wusste manchmal wirklich nicht, wo das Geld noch her kommen sollte“, erlaubt der 76-Jährige einen Einblick in sein Innenleben. Alleine schon deshalb sei er unendlich dankbar, dass „das alles gut ausgegangen ist“. Mit ein Grund, warum er „seine“ Kapelle immer und immer wieder aufsuche, gibt er mit Tränen in den Augen zu.

„Ab ins Krankenhaus“

Verbunden mit den Arbeitseinsätzen dort ist ein ganz anderes Bild: Sohn Roland, der mit dem Fahrrad angebraust kommt und dem Vater einen Anruf ausrichtet. Inhalt immer: Du musst sofort kommen.

Zeit seines beruflichen Lebens war Ernst Spichtinger im Krankenhaus Waldmünchen beschäftigt, 20 Jahre unter Chefarzt Dr. Hermann Ranz, genannt „Vater Ranz“, der seinen Sohn Ernst als ersten Kaiserschnitt in Waldmünchen zur Welt brachte. Spichtinger war erst Krankenpfleger, später Pflegedienst- und zuletzt Betriebsleiter. Ein Spätberufener, hatte er als junger Mann doch zunächst Elektriker gelernt. Weil er sich schon früh im Roten Kreuz engagierte, sei er bei der Bundeswehr in einer Sanitätseinheit gelandet. Später habe ihm ein Vorgesetzter ein Händchen für den Umgang mit Kranken bescheinigt, „und das war‘s dann. Ich hab‘ beim Bund meine Ausbildung gemacht“.

Erstes Ehrenamt beim Roten Kreuz

Die Haussammlungen für das Rote Kreuz in der Jugendzeit sieht Spichtinger als Grund für sein Engagement. Mit Ausnahme des Frauenbunds („die wollten mich nicht“) ist er in allen Treffelsteinern. Grund war manches Mal ein Tauschgeschäft: „Kommst du zu mir, geh‘ ich zu dir.“ So sei er zu den Schützen gekommen. Dort fühlt er sich trotz des ungewöhnlichen Starts sehr wohl, „wenngleich das Gewehr scheinbar immer schwerer wird“, wie er schmunzelnd anfügt.

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Per Hand hätten sie seinerzeit von der Kapelle den Anschluss zum Kanal gegraben, erinnert er sich. Was ihn postwendend zum Drachenturm bringt, denn auch da war in den vergangenen über 45 Jahren, in denen der zu dessen Förderern gehört, nicht selten „Hinlangen“ gefragt.

Ein Hoch auf den Zusammenhalt

Nicht zuletzt deshalb seien die Freitagstreffen der Fußballer unterhalb des Turms für ihn die perfekte Verbindung. Und doch, trotz der sich wandelnden Zeiten: der Zusammenhalt, den er schon zu Zeiten der Kapellen-Renovierung gespürt habe, sei immer noch vorhanden und gerade dort spür- und erlebbar.

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Beim Tanzen hat Ernst Spichtinger seine Franziska kennengelernt. Sie, die später Zeitungsartikel gesammelt, Korrespondenzen und Listen getippt hat. „Ich konnte nur machen, was ich gemacht habe, weil die Familie hinter mir stand“, sagt der Treffelsteiner voller Dankbarkeit. Besonders freut ihn, dass sich auch die Söhne ehrenamtlich engagierten.

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Emotionen anderer Art kommen auf, wenn er auf die aktuellen Mitgliedzahlen „seiner“, aber auch anderer Soldaten- und Reservistenkameradschaften blickt. „Es ist schwer, die Niedergänge zu sehen“, sagt er. In Spitzenzeiten zählten die Treffelsteiner 70 Mitglieder, heute sind es rund 20, von denen allerdings weniger als die Hälfte noch „aktiv“ ist. Dabei müsse man weder gedient haben noch bundeswehr-affin sein. Es gehe um Kameradschaft und Frieden, sagt er ratlos. Ob er an eine Trendwende glaubt? „Wenn überhaupt, dann nur mit Wehrpflicht.“ Ansonsten hofft er etwas zynisch, dass der Verein noch solange besteht, solange er lebt. „Ihn zu Grabe tragen, das brächte ich nicht fertig.“

Er liebt es, in die Schwammerl zu gehen

Heute sind der Garten und „In-die-Schwammerl-Gehen“ mit den beiden Enkeltöchtern die Leidenschaften des frischgebackenen 76-Jährigen. Ganz zurückziehen kann und will der sich aber nicht. „Ich tu‘, was ich noch kann“, sagt Spichtinger über Spichtinger. Und das ist sicher eine Menge.

1984 haben die Reservisten die Kapelle Ave Maria zum ersten Mal renoviert – 826 Arbeitsstunden standen damals zu Buche. Fotos: Spichtinger
Erinnerungen: Seine Frau Franziska hat Feste, Versammlungen und Veranstaltungen der Treffelsteiner Reservistenkameradschaft in Alben zusammengestellt. „Es war eine schöne Zeit“, sagt der 76-Jährige im Rückblick.
Bis ins Detail wurde das 1902 vergrößerte Kirchlein 2008 erneut hergerichtet.