„Das Feuer brennt noch“: Burglengenfelds Rathauschef hat noch nicht genug

Von Thomas Rieke · 7. Januar 2024 um 05:00

Das Jahr 2023 hatte es für Burglengenfeld in sich – im positiven wie im negativen Sinne. Bürgermeister Thomas Gesche (CSU) äußert sich im MZ-Interview zu diversen heißen Eisen und zu seiner Zukunft.

Herr Bürgermeister, sind Sie gut ins neue Jahr gerutscht?

Thomas Gesche: Das kann man sagen. Ich hatte sieben Freundinnen und Freunde zu mir eingeladen. Vor allem aber habe ich versucht, den Hund meines Vaters zu beruhigen, als die Feuerwerkskörper gezündet wurden. Und auch das ist gelungen.

Für Partystimmung war gesorgt?

Gesche: Die Gäste hatten gute Playlists zusammengestellt. Der Sound kam von Alexa.

Nach unserem Empfinden war 2023 wieder ein besonders herausforderndes Jahr. Sehen Sie das ähnlich?

Gesche: Wir befinden uns in bewegten, traurigen Zeiten. Global betrachtet scheint es so zu sein, dass die Menschen nicht klüger geworden sind. Trotzdem würde ich Ihre Frage nicht bejahen. Krisen hat es ja schon immer gegeben, denken Sie nur an die 1960er/70er Jahre. Heute ist das nicht anders. Wir müssen sie annehmen – und das Beste draus machen.

Was war aus Ihrer Sicht 2023 der Höhepunkt – auf lokaler Ebene?

Gesche: Da gibt es gleich drei. Wir haben die Finanzierung des Bulmare auf neue Füße gestellt, damit seine Zukunft gesichert und eine Dauerdebatte beendet, die die Beschäftigten sehr belastet hat. Als weitere Höhepunkte möchte ich den Deutschen Jugendfeuerwehrtag nennen, bei dem sich Burglengenfeld sehr positiv präsentiert hat, und natürlich das Bürgerfest, das 80.000 Menschen besucht haben.

Sind Sie da ganz sicher?

Gesche: (lacht) Vielleicht waren es auch nur 60.000. Auf jeden Fall aber mehrere Zehntausend.

Worüber haben Sie sich weniger gefreut?

Gesche: Besonders belastet mich nach wie vor der Krieg, den die Russen gegen die Ukraine führen. Ich sage bewusst die Russen, nicht Russland, weil ich die Distanzierung der Bevölkerung von diesem schrecklichen Angriffskrieg vermisse. Auch Russen, die sicher im Ausland leben, tun dies aus meiner Sicht zu selten. Auf lokaler Ebene hat mich geärgert, dass wir es als Stadt zusammen mit den verschiedenen Trägern nicht mehr geschafft haben, das Angebot in der Kinderbetreuung in der bewährten Weise aufrecht zu erhalten. Das muss uns in Zukunft wieder besser gelingen.

Stichwort Mangel an Krippenplätzen. Tut sich da was?

Gesche: Leider muss ich bestätigen, dass es uns nicht gelungen ist, für die Übergangskrippe einen Träger zu finden. Was die Situation im Stadthaus betrifft, so bin ich optimistisch, dass der Verein sein Angebot bald wieder erweitern kann.

Die Stadt muss, so sieht es auch die Rechtsaufsicht, weiter sparen. Sehen Sie Burglengenfeld bei der Haushaltskonsolidierung auf einem guten Weg?

Gesche: Ja. Denn wir haben an mehreren Stellschrauben gedreht. Jüngstes Beispiel ist die Anpassung der Wasser- und Kanalgebühren. Aber auch die Gebühren für die Schulmensa wurden angehoben. Wir treffen also Entscheidungen, über die sich viele gewiss nicht freuen. Aber wir treffen sie, weil wir müssen. Ferner möchte ich daran erinnern, dass es uns gelungen ist, den Stand der städtischen Verbindlichkeiten inklusive Tochterunternehmen gegenüber 2014 um zehn Millionen Euro zu senken.

Die Bilanz sah schon einmal besser aus. In den letzten beiden Jahren hat die Stadt wiederholt Millionenkredite aufgenommen.

Gesche: Das ist richtig. Die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden. Trotzdem ist uns eine beachtliche Leistung gelungen.

Ihre Gegner würden einwenden, dass die Neuverschuldung deutlich geringer ausgefallen wäre, wenn es die Panne bei den Fördermitteln für Kinderhaus und -krippe nicht gegeben hätte.

Gesche: Der Kreditbedarf wäre sicher geringer gewesen. Das ist richtig.

Apropos Fördermittel-Panne: Uns wurde zugetragen, die Aufarbeitung, die sich schon über ein Jahr hinzieht, belaste die Stimmung im Rathaus.

Gesche: Es gibt in meinen Augen zwei Gründe. Der eine sind die Kritik und das Misstrauen von Teilen des Stadtrats gegenüber der Verwaltung. Der andere ist die große mediale Beleuchtung. Trotzdem darf ich feststellen, dass die Rahmenbedingungen für die Bediensteten des Rathauses heute sehr viel besser sind als unter meinem Vorgänger. Ich kann das beurteilen, schließlich war ich früher ein gewöhnlicher Mitarbeiter.

Sind Sie von der Landesanwaltschaft, die wegen der Fördermittel-Panne ermittelt, enttäuscht, dass sie noch immer zu keinem Ergebnis gekommen ist?

Gesche: Nein. Ich bin froh, wenn der Sachverhalt genau beleuchtet wird. Denn dann werden die richtigen Schlüsse gezogen. Das ist das Wichtigste.

Viele haben ja schon kurz, nachdem der Verlust der Fördermittel bekannt geworden ist, ihr Urteil gefällt: Der Bürgermeister ist schuld, er soll zurücktreten.

Gesche: Ich sehe das anders. Es sind nicht viele, die das fordern. Es sind bestimmte politische Kräfte, von denen das nicht anders zu erwarten war. Auf der anderen Seite treffe ich auf viele Menschen, die ein Gespür für die Sache haben und entsprechend andere Schlüsse ziehen.

Glauben Sie noch immer, dass Sie aus dem Verfahren unbeschadet hervorgehen werden?

Gesche: Ich bin überzeugt, dass die Landesanwaltschaft erkennt, dass ich weder grob fahrlässig, geschweige vorsätzlich gehandelt habe.

Wann rechnen Sie mit dem abschließenden Ergebnis?

Gesche: Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der Fall im ersten Halbjahr dieses Jahres abgeschlossen werden kann. Zumindest sehe ich nichts mehr, was einer Entscheidungsfindung entgegenstehen würde.

Zu weiterem Unerfreulichen. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der Kommunale Prüfungsverband seinen Bericht für die Jahre 2018 bis 2021 vorgelegt hat. Ein Insider kommentierte ihn mit den Worten, der Inhalt sei „nicht das, was sich eine Verwaltung wünscht“.

Gesche: Wer so eine Aussage trifft, hat nicht verstanden, was die Aufgabe dieses Verbandes ist. Er soll ja Fehler finden, damit diese abgestellt werden. 60 bis 80, ja auch 90 sogenannte Textziffern sind für eine Kommune unserer Größe normal. Die gibt es also auch andernorts, doch dort geht man unaufgeregter damit um.

Aus dem Bericht erschließt sich nicht immer, welche Wurzeln einzelne Verstöße haben. Die Geschichte mit dem Dienstwagen, den ein Mitarbeiter unzulässigerweise nutzte, dürfte deutlich vor Ihrem Amtsantritt ihren Ursprung haben. Aber warum habe Sie hier nicht selbst die Reißleine gezogen?

Gesche: Ich hatte keinen dezidierten Hinweis, dass ein steuerliches Problem vorliegen könnte. Außerdem war es ja auch sinnvoll, dass der Mitarbeiter den Wagen nutzte. Er ist sehr viel unterwegs.

Wie viele Kritikpunkte würden Sie insgesamt auf Ihre Kappe nehmen?

Gesche: Jeder macht Fehler, auch ein Jurist oder Arzt. Deshalb fange ich nicht mit Schuldzuweisungen an. Jeder Fehler ärgert mich. Umso besser ist es, wenn einer erkannt wird. Denn dann kann man ihn abstellen.

Im Sommer 2023 hat Ihr Vorgänger Heinz Karg seinen 75.Geburtstag gefeiert. Im MZ-Interview beklagte er, die Stadt werde nur noch verwaltet, sie leide unter Stillstand.

Gesche: Das trifft in keinster Weise zu. Sehen Sie nur die Anschaffungen für die Feuerwehren, den neuen Kindergarten oder den Erweiterungsbau der Grundschule. Allein das zeigt, dass diese Aussagen jeglicher Grundlage entbehren.

Seit knapp drei Jahren leiden Sie unter den Folgen einer tückischen Augenkrankheit. Ein Münchner Professor soll eine Methode entwickelt haben, mit der Sie eventuell einen Teil des Augenlichts zurückgewinnen könnten. Wie ist der Stand der Dinge?

Gesche: Eher durch Zufall habe ich erfahren, dass das Forschungsprojekt im April 2023 eingestellt wurde. Eine Firma hatte im Zulassungsverfahren angeblich einen formellen Fehler begangen. Das ist wahnsinnig schade, denn das Projekt verlief vielversprechend. Alle Probanden berichteten von Verbesserungen.

Das heißt, für Sie hat sich die Hoffnung zerschlagen, einen Teil des Augenlichts wieder zurückzugewinnen?

Gesche: Vorerst ja. Aber es ist gut möglich, dass ein neues Forschungsprojekt auf den Weg gebracht wird. Glücklicherweise hat sich herausgestellt, dass meine Krankheit mit der neuen Methode auch noch in einigen Jahren behandelbar sein soll.

Mit technischen Hilfsmitteln und einer persönlichen Assistenz versuchen Sie, die Nachteile, welche die Fast-Erblindung mit sich brachte, wettzumachen, auch um zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung in der Lage sind, die Aufgaben eines Bürgermeisters zu bewältigen. Würden Sie heute sagen, dass das tatsächlich und auf Dauer funktioniert?

Gesche: Ich würde sagen, angesichts der Rahmenbedingungen läuft es ganz gut. Man kann diesen Job machen. Aber ich will niemandem etwas vorgaukeln. Im Alltag ist vieles 1000Mal schwieriger als früher. Das Lesen ist viel umständlicher, die Mobilität ist sehr eingeschränkt.

Amtsmüde sind Sie deshalb aber nicht geworden?

Gesche: Nein. Das Feuer brennt noch. Und wie gesagt: Ich habe hier Wege gefunden, mit denen die Ausübung des Amtes möglich ist. Würde ich, wie manch einer vielleicht spekuliert, das Amt niederlegen und versuchen, woanders Fuß zu fassen, wären die Probleme zumindest anfangs ja dieselben.

2026 sind schon wieder Kommunalwahlen. Finden die mit oder ohne Thomas Gesche statt?

Gesche: Um dazu etwas zu sagen, ist es noch viel zu früh. Nächstes Jahr werde ich das in aller Ruhe abwägen. Natürlich wird mein gesundheitlicher Zustand dabei eine große Rolle spielen.

Ein Blick noch nach vorn. Was werden heuer die dominierenden Themen sein, was wollen Sie vorantreiben?

Gesche: Auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien wird sich Einiges tun. Mehrere Photovoltaik-Freiflächenanlagen werden realisiert. Der Anteil der auf Stadtgebiet erzeugten grünen Energie wird sich dadurch deutlich erhöhen. Außerdem werden wir für die Nutzung der Windenergie einige Weichen stellen. Dasselbe gilt für die Kinderbetreuung. Wir planen intensiv an zwei weiteren Kinderhäusern. An einem dieser Projekte ist auch die katholische Stadtkirche Burglengenfeld beteiligt.

Beim Bau der Kinderkrippe im Naabtalpark hat die Stadt zu früh losgelegt. Der Förderschaden belastet die Verwaltung bis heute. Foto: Thomas Rieke, Archiv
2024 sollen Projekte zur Erzeugung Erneuerbaren Energien vorangetrieben werden. Unser Bild zeigt die Freiflächen-PV-Anlage in Wölland. Foto: Thomas Rieke, Archiv
Mehr als zehn Millionen Euro hat die Stadt in die Schulerweiterung investiert. Ein Beleg für Bürgermeister Gesche, dass die Vorwürfe seines Vorgängers Heinz Karg haltlos seien. Foto: Thomas Rieke, Archiv